Eugen Drewermann übt scharfe Kritik am Zentralabitur

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Eugen Drewermann hat im Rahmen der „Wiener Vorlesungen“ das ans Wirtschaftssystem angepasste Schulwesen scharf kritisiert und dabei das Zentralabitur im Fach Deutsch mit der Bücherverbrennung verglichen. Der Psychoanalytiker und ehemalige katholische Priester aus Paderborn war am 17. Juni 2013 zu Gast im Wiener Rathaus; die Vorlesung trug den Titel „Wozu Religion? Antworten auf Grundfragen des Lebens“.
Drewermann sagte:

„Ich möchte gerne noch mal zur Schulsituation in unserer Gesellschaft zurückkommen.
Wilhelm von Humboldt […] konnte sagen: ‚Wenn ich jemanden arbeiten sehe für Geld, mag ich bewundern, was er tut; aber ich verachte ihn als Menschen.‘ Das ist ein Satz im Abstand von 200 Jahren so radikal, dass man fast erschrocken ist darüber.
Humboldt wollte sagen: Arbeit sollte der Erfüllung des menschlichen Lebens dienen, einen Wert in sich selber haben, geboren werden aus sinnerfüllten Motiven der Gestaltung unserer Existenz, aber sich niemals veräußerlichen in den mechanisierten Betrieben, in denen das Diktat über unser ganzes Leben hingeht, wo wir gestohlenermaßen frühestens mit 67 bei der Rente anfangen sollen zu lernen, was Leben hätte bedeuten können, wenn wir damit mal angefangen hätten.
[…]
Gerald Hüther zum Beispiel, ein Neurologe, beschreibt die Absurdität, mit der wir unsere Kinder hintrimmen wollen zum Leistungssinn nach abfragbaren Inhalten, die wir dann benoten können. Und er meint, es ist so absurd, wie wenn wir einer Katze wollen das Mäusefangen beibringen, indem wir sagen: 1.) hinsetzen! 2.) Loch beobachten! 3.) Rücken krümmen! 4.) Schwanz bewegen, Ansprung üben! — Es genügt ein Garnknäuel, und die Katze wird von alleine lernen, wie man Mäuse fängt. Jedes Tier weiß das, jedes Kind weiß das: Man lernt durch Spielen; man braucht dabei Gefühle, Phantasie, Kreativität, vor allem aber zweckfreie Freiheit, in der sich der innere Suchweg zu dem, was ein mögliches Ziel für mich sein könnte, allererst bahnt.
Die Kunst der Lehrer wäre nicht, abfragbares Zeug nach dem Nürnberger Trichter in überfüllte Köpfe reinzupumpen, sondern Motive der Neugier zu schaffen, in denen ein Kind selber anfängt, sich zu interessieren für das, was es wissen will.

Der Anschluss des Bildungssystems ans Wirtschaftssystem ist ein Verrat am Menschlichen und die Perversion im Ganzen. Inzwischen sind wir dabei, die Kinder direkt in die digitale Konkurrenz mit den Computern zu schleusen. Vom digitalen Irrsinn sprechen andere Neurologen, wie Herr [Manfred] Spitzer zum Beispiel. —

Wann ist es noch mal möglich, auch nur ein Buch zu lesen, das in Deutsch kein Prüfungsgegenstand wird? Ich beobachte das mit großem Entsetzen. Ich habe dieser Tage noch einer Abiturklasse zugehört, die sagte: ‚Wir haben vier Autoren gelesen nach dem Plan der Vergleichbarkeit in der PISA-Forschung landesweit. Die kommen im Abitur vor. Keine anderen Dichter haben wir gelesen.‘ Wie denn auch? Was wir mal als Bücherverbrennung hatten, ist harmlos gegenüber diesem Bildungsfetischismus, dem Verbot, irgendwas anderes noch zu berühren, das nicht zur ‚Eins‘ in Deutsch führen könnte oder zumindest zur ‚Zwei plus‘, denn nur mit ‚1,3‘ kann man Medizin studieren und vielleicht lernen, was Effi Briest anderes brauchte als die Gewalt der Gesellschaft.“

(Quelle: Youtube, „Wiener Vorlesungen 2013 – Eugen Drewermann“, http://www.youtube.com/watch?v=RE6H1ZCsLtc#t=13m35s.)