Bei den Grünen NRW ticken die Uhren anders

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In dem Antrag “Bildung braucht Zeit — Auf gutem Weg zum Abitur”, den die Grünen NRW auf ihrem kleinen Parteitag im Dezember 2014 debattiert und beschlossen haben (wir berichteten), war nicht nur oft von „Schulentwicklung“ die Rede, sondern es ging auch um „Zeit“:

Eine solche Bildung braucht Zeit. Deshalb muss die Balance zwischen Freizeit und Schule […] neu austariert werden. […]
Die Schüler*innen gerieten [durch die Schulzeitverkürzung, A.R.] unter einen starken Druck, die zeitliche Belastung wurde kaum durch Entlastungen an anderer Stelle aufgefangen. […]
Die Empfehlungen des Runden Tisches sind insbesondere unter fünf verschiedenen Gesichtspunkten relevant: Zeitliche Be-/Entlastung, […]. Es kommt jetzt darauf an, verbindlich strukturelle und spürbare Entlastungen für alle Schülerinnen und Schüler zu schaffen.

Obwohl die zeitliche Entlastung der Schüler angeblich ein Anliegen war, hat sich offenbar bei den Grünen NRW niemand überlegt, wie viel Freizeit die Kinder und Jugendlichen haben sollen (genauso viel wie beim alten G9? wenn nicht, wie viel weniger?), wie viel Freizeit also insgesamt (ungefähr) durch bestimmte Maßnahmen „erzeugt“ werden soll. (Das kommt davon, wenn die kläglich-kleinkarierten Empfehlungen des Runden Tisches gedankenlos übernommen werden.) Ohne diese Richtschnur stellen die in dem Antrag gestellten Forderungen ein wildes Sammelsurium ungerichteter Maßnahmen dar, deren jeweiliger Beitrag zur „Entlastung der Schüler“ überhaupt nicht klar ist.

Aber diese technische Frage „Wie viel Freizeit?“ müssen sich Mitglieder von Bündnis 90/Die Grünen gar nicht stellen, wenn es nach Sylvia Löhrmann vom Grünen-Kreisverband Solingen (hauptberuflich Ministerin für Schule und Weiterbildung) geht. Die sagte nämlich in der Debatte:

Liebe Freundinnen und Freunde, es kann uns als Grüne nicht um die Zeit gehen, die Uhren messen. Es geht um das Wesen der Zeit, was in ihr in der Schule passiert. Also: Statt schlicht die Quantität des Unterrichts zu senken, müssen wir die Qualität des Lernens steigern.

Respekt — darauf muss man erstmal kommen! Gegen diese metaphysische Weisheit der Sylvia Löhrmann ist kein Kraut gewachsen. Wer wie die lieben Freunde von den Grünen NRW behauptet, Schulentwicklung sei das Kerngeschäft von Schule (wir berichteten), bei dem ticken die Uhren halt anders — wenn überhaupt.

Als in den 80er-Jahren des 18. Jahrhunderts das Pariser Volk hungerleidend nach Versailles zog und Brot forderte, hat Königin Marie-Antoinette Gerüchten zufolge gesagt: „Wenn sie kein Brot haben, dann sollen sie doch Kuchen essen!“

Was beklagen sich die Schüler kleinkariert über zu wenig Freizeit? — Sollen sie doch froh und dankbar sein, dass sie all ihre (nicht mit Uhren zu messende) Zeit in der Schule verbringen dürfen, in Schulen, für deren Qualitätsentwicklung die Marie-Antoinette der Grünen NRW ohne Rücksicht auf die Realität stets eintritt!

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Quellen: