„Kompetenzen machen unmündig“ von Jochen Krautz

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Wir möchten gerne auf einen Aufsatz von Jochen Krautz, Professor für Kunstpädagogik an der Bergischen Universität Wuppertal, hinweisen. Er beschäftigt sich kritisch mit der sogenannten Kompetenzorientierung und trägt den Titel „Kompetenzen machen unmündig. Eine zusammenfassende Kritik zuhanden der demokratischen Öffentlichkeit“ (erschienen in der Reihe Streitschriften zur Bildung (Heft 1), herausgegeben von der GEW Berlin).

Den Text kann man herunterladen über http://www.gew-berlin.de/public/media/20150622_streit1-kompetenzen.pdf, hier ein Auszug:

Das Kompetenzkonzept wurde durch die OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) mittels ihrer PISA-Studien als neues Leitziel von Schule durchgesetzt. Dies geschah ohne demokratische Legitimation und am Souverän, den Bürgern, vorbei. Dabei kann das Kompetenzkonzept als wissenschaftlich ungeklärt gelten, es senkt empirisch nachweisbar das Bildungsniveau, widerspricht den Leitzielen eines demokratischen Bildungswesens, zersetzt didaktisches und pädagogisches Denken und Handeln und behindert Kinder und Jugendlichen in ihrer Entwicklung zu mündigen Staatsbürgern. Dennoch wird das Konzept weiterhin bildungspolitisch durchgesetzt.
Lehrpläne werden dementsprechend umgeschrieben, Schulbücher danach umgestaltet, Lehrer daraufhin ausgebildet. Millionen von Steuergeldern fließen zudem in entsprechende Forschung. […]

In der Folge erfinden nun Lehrpläne endlose Kataloge von Kompetenzen, Sub- und Teilkompetenzen, weil jetzt alle in der Schule angesprochenen Fähigkeiten einzeln aufgesplittet und aufgelistet werden müssen. […]
So wimmeln schulische Lehrpläne heute von „Kompetenzen“, die letztlich willkürlich gesetzt sind, weil ihnen ein Aufbau fehlt, der sich an der Logik der Sache, also dem Fach und der entsprechenden Fachwissenschaft orientiert. Derart kann aber bei den Schülern keine geordnete und geklärte Vorstellung von den Sachgebieten entstehen. Fachliches Wissen und Können wird gerade verhindert.
[…]
Was sich auf der praktischen Ebene des Unterrichts zeigte, sind also nicht „ungewollte Nebenwirkungen“ eines „gut gemeinten“ Konzepts, sondern ist dezidierte Absicht: Nicht Mündigkeit, sondern Anpassung und Steuerbarkeit ist das Ziel der Kompetenzorientierung. Damit unterläuft sie den Anspruch der Aufklärung: Der Mensch solle Ausgang nehmen aus seiner „selbstverschuldeten Unmündigkeit“, heißt es bei Immanuel Kant. Ziel der Schule ist demnach, dass der junge Mensch lernen kann und soll, selbständig und kritisch zu denken und zu urteilen sowie human und verantwortlich zum Wohle des Gemeinwesens zu handeln. Dies spricht die OECD dem Menschen ab. Er soll sich nicht seiner Vernunft bedienen, sondern sich anpassen.