Philologenlogik unter Gymnasialniveau

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Der Philologen-Verband Nordrhein-Westfalen (Phv NW) gibt ein Durchhalteblättchen namens „Bildung aktuell. Wir machen Schule“ heraus. Hin und wieder halte ich eine Ausgabe in Händen, und obwohl ich weiß, dass sich die Lektüre in der Regel nicht lohnt, blättere ich zumindest einmal durch. Gestern, nach Feierabend, wollte ich mir die jüngste Ausgabe von „Bildung aktuell“ (6/2015 Ausgabe November) zu Gemüte führen, und zwar ohne bösartig und widerspenstig eingestellt zu sein. Man soll ja trotz schlechter Erfahrungen offen für positive Überraschungen sein. Über das merkwürdige Titel-„Bild“ (die schräg gestellte Kopie eines Wörterbuchauszugs, in der Mitte das Stichwort „Qualität“ — wie kreativ und informativ ist das denn? Glaubt die Redaktion, die Leser hätten keinen Duden zuhause?) habe ich fahrlässigerweise unkritisch hinweggesehen; es hätte mich vor dem Aufschlagen der Postille warnen müssen.

Nichts Böses ahnend habe ich angefangen, auf der zweiten Seite das „Editorial“ der verantworlichen Redakteurin, Cornelia Kapteina-Frank, zu lesen — über die ersten zwei Sätze bin ich nicht hinausgekommen:

2014 meldeten knapp 41,4 Prozent der Eltern (Quelle: it nrw) nach der Grundschulzeit ihre Kinder auf einem Gymnasium an. Damit ist das Gymnasium nach wie vor die erfolgreichste Schulform in Nordrhein-Westfalen!

Wo ist da die Logik? Was ist eine „erfolgreiche“ Schulform? Wann ist die eine Schulform „erfolgreicher“ als eine andere? Hängt der Erfolg einer Schulform davon ab, wie viele Schüler von der Grundschule auf diese Schule übergehen? Wenn ja, inwiefern? Je größer die Übergangsquote, desto erfolgreicher? Ist die Bild-Zeitung die erfolgreichste deutsche Zeitung, weil sie die meisten Leser hat? Ist sie deswegen auch eine gute Zeitung? Sind Förderschulen und Waldorfschulen die erfolglosesten Schulformen, weil die Übergangsquote für diese beiden Schulformen 2014 insgesamt 0,4 Prozent betrug? War das Gymnasium die erfolgloseste Schulform, als es zu Beginn des 20. Jahrhunderts von weniger als fünf Prozent aller Schüler besucht wurde?

Liebe Verbandsphilologen, ich vermute, dass selbst manche Schüler, die nicht auf das ach so erfolgreiche Gymnasium gehen, die allzu simple Gleichsetzung von Erfolg und Quantität in Frage stellen. Hier noch ein Vorschlag für Euer nächstes Titelbild (draufklicken zum Vergrößern):
Lehrplan-Vorgaben

Cornelia Kapteina-Frank ist übrigens Studiendirektorin und Mitglied im Hauptpersonalrat beim Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes NRW. Mich wundert nichts mehr.

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Quellen/Verweise: