Verschwundene Klausuren eines RWTH-Dozenten versus rechtswidrige Prüfungen im Zentralabitur

Download PDF

Über die verschwundenen Klausuren des Armin Laschet wird flächendeckend berichtet, aber nicht über rechtswidrige Prüfungen im NRW-Zentralabitur.

Armin Laschet ist Vorsitzender der CDU-Fraktion im Landtag Nordrhein-Westfalen. Bis vor kurzem war er nebenbei Dozent („Lehrbeauftragter“) der RWTH Aachen. Irgendwann, irgendwo, irgendwie sind Klausuren seiner Studenten, die er bewertet hatte, verschwunden. Die Noten hat er anhand von Notizen „rekonstruiert“, wie Laschet sagt. Dabei ist es zu Unstimmigkeiten gekommen.
Darüber wurde vergangene Woche landauf, landab berichtet, z. B. in den Aachener Nachrichten, im WDR, auf Spiegel Online, im Kölner Stadt-Anzeiger und in der Süddeutschen Zeitung. Vielfach war von „Noten-Affäre“ die Rede. Norbert Römer, Chef der SPD-Fraktion im Landtag, hat die Geschichte mit markigen Worten angeheizt: „Laschet trickst und täuscht, hintergeht Studierende.“ Über die gestrige Stellungnahme der RWTH wird erneut landesweit berichtet, z. B.: „RWTH Aachen klärt ‚Noten-Affäre‘: Laschet-Klausuren sollen annulliert werden“ (WDR).

Verschwundene Klausuren eines Privatdozenten sind das eine; rechtswidrige Prüfungen im Zentralabitur das andere. Schule intakt hat am 12. September 2014 erstmals über die Fixvektorpanne berichtet. Anlässlich des Zentralabiturs 2015, wo es offenbar erneut zu derselben Panne gekommen ist, haben wir in den vergangenen Wochen weitere Beiträge darüber veröffentlicht.

Sowohl 2014 als auch in jüngster Zeit haben wir diverse (Massen-)Medien auf die Fixvektorpanne hingewiesen, darunter Aachener Nachrichten, WDR, Rheinische Post, Kölner Stadt-Anzeiger, derwesten.de, taz, Spiegel, Süddeutsche Zeitung, Bild, Express (… ja, in der Not frisst der Teufel Fliegen). Öffentliche Resonanz: Null.

Mehr oder weniger zufällig sind wir auf den freien Journalisten Armin Himmelrath gestoßen. Der hat als einziger das Fixvektorproblem erkannt und darüber in der Sendung „Leonardo“ auf WDR 5 berichtet (siehe hier). Selbst dieser Bericht fand keinen Widerhall in anderen Medien, sodass die Fixvektorpanne immer noch ungeklärt ist.

Während von der Klausurenpanne einmalig rund 30 Studenten der RWTH betroffen sind, besteht die Fixvektorpanne darin, dass das Ministerium für Schule und Weiterbildung wiederholt gegen die Vorgaben für die schriftlichen Prüfungen im Fach Mathematik (also gegen geltendes Recht) verstößt und dadurch die Rechtssicherheit fürs Zentralabitur untergräbt. Selbst wenn man das in dieser Schärfe nicht wahrhaben will, sollte man zumindest die mit Fixvektoraufgaben verbundenen Unstimmigkeiten, Widersprüche, Merkwürdigkeiten und Probleme erkennen.
Kein Student sollte von seinem Dozenten benachteiligt werden. Aber auch jeder Schüler und jeder Lehrer muss sich darauf verlassen können, dass die Spielregeln fürs Zentralabitur eingehalten werden.

Auf den Internetseiten des Ministeriums heißt es unmissverständlich:

Um […] gleiche Voraussetzungen für die Vorbereitung aller Schülerinnen und Schüler auf die zentralen Prüfungen zu schaffen, ist es notwendig, für jeden Abiturjahrgang verbindliche Unterrichtsvorgaben für die Qualifikationsphase festzulegen, denn auf diese beziehen sich die Prüfungsaufgaben.

Liebe Journalisten, warum berichten Sie flächendeckend-ausführlich über verschwundene Klausuren eines einzelnen Dozenten, aber überhaupt nicht über fast alljährliche rechtswidrige Prüfungen im NRW-Zentralabitur?

[Das Argument, es gäbe keine „Betroffenen“ oder keine Beschwerden, zählt nicht: Angenommen, in einem Atomkraftwerk verstößt die Werksleitung wiederholt gegen Sicherheitsvorschriften; es kommt trotzdem nicht zu einer Panne, bei der Radioaktivität austritt — sei es aus Glück oder weil emsige Arbeiter das vorsätzliche Fehlverhalten der Vorgesetzten kennen und immer wieder mit Notmaßnahmen korrigieren. Würden Sie auch darüber nicht berichten, nur weil es keine „Betroffenen“ (d.h. weder Verletzte noch Strahlungstote) gibt?]