Johanna Wankas „Computer in alle Schulen“-Vorschlag und die einseitige, unkritische Berichterstattung der Süddeutschen Zeitung

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Kaum haben wir uns von den dusseligen Gedanken der NRW-Schulministerin zu G8/G9 erholt, kommt die Bildungsministerin des Bundes, Johanna Wanka, mit einer super Idee um die Ecke: „Um die Schulen in Deutschland flächendeckend in die Lage zu versetzen, digitale Bildung zu vermitteln, schlägt das BMBF [Bundesministerium für Bildung und Forschung, A.R.] einen DigitalPakt#D mit den Ländern vor. Das BMBF bietet demnach an, über einen Zeitraum von fünf Jahren mit rund fünf Milliarden Euro die rund 40.000 Grundschulen, weiterführenden allgemeinbildenden Schulen und Berufsschulen in Deutschland mit digitaler Ausstattung wie Breitbandanbindung, W-LAN und Geräten zu versorgen“, heißt es in der Pressemitteilung des Bundesbildungsministeriums vom 12.10.2016.

Mit dem fragwürdigen Begriff „digitale Bildung“ wollen wir uns hier nicht weiter aufhalten. Wer dazu etwas wissen will, der lese das Interview „Kein Mensch lernt digital“ oder „ICILS – Digital-Adventisten am Schul-Tor“ mit bzw. von Ralf Lankau. Wir werden hier auch nicht das Für und Wider von Wankas Vorschlag detailliert erörtern, wir haben wirklich keine Lust mehr, jeden Tinnef zu kommentieren.

Worauf wir hier allerdings hinweisen möchten, ist, dass die Süddeutsche Zeitung (SZ) vom 13. Oktober 2016 einseitig, unkritisch und oberflächlich über den Vorschlag der Johanna Wanka berichtet. Wir können die Nachdenkseiten gut verstehen, die permanent die Massenmedien kritisieren, darunter auch die SZ (siehe hier). Das große Aufmacherfoto auf Seite 1 der gestrigen SZ-Ausgabe zeigt vier Kinder von hinten, die jeweils auf einem ergonomisch fragwürdigen Hocker vor einem Computer sitzen. Auf einem der vier Monitore ist ein Eichhörnchen zu erkennen. (Das andere Nagetier können wir nicht eindeutig klassifizieren — ein Hamster?) Der Text darunter lautet:

Bildschirm statt Tafel
Deutschlands Schüler werden zu wenig am Computer unterrichtet. Dabei ziehen moderne Lernprogramme den Nachwuchs meist mehr in ihren Bann als jeder Tafelanschrieb. So wie hier in Hamburg, wo Nagetiere aller Art auf dem Lehrplan stehen. […]

Wer behauptet, Schüler würden zu wenig am Computer unterrichtet? Wer setzt da die Maßstäbe? Auf bemühte, aber im Vergleich zu Lernprogrammen langweilige, wenig begeisternde Lehrer, die hinter jedem Tafelanschrieb stehen, kann offenbar verzichtet werden. Dass Lehrer mit ihrer Persönlichkeit und ihrem Fachwissen „den Nachwuchs in ihren Bann ziehen“ können — vorausgesetzt, sie werden daran nicht durch widrige Rahmenbedingungen wie Zeitnot und bekloppt-kleinkarierte Lehrpläne gehindert –, kommt in der schönen neuen Lernwelt der Süddeutschen nicht vor. Auch der Englischlehrer John Keating aus dem „Club der toten Dichter“ schreibt hin und wieder etwas an die Tafel. Ist ein solcher Lehrer allen Ernstes durch Lernprogramme zu ersetzen? Gibt es mit modernen Lernprogrammen keine Langeweile, keinen Stress, keinen Frust mehr in der Schule? Sind fehlende Computer die Ursache für Langeweile und Demotivation? Langeweile und Demotivation haben nichts mit einem standardisierten Schulwesen zu tun? Von einer Qualitätszeitung erwarten wir mehr als diese simplen, oberflächlichen, irreführenden Aussagen auf Seite 1.

Auf Seite 5 der SZ findet sich der Beitrag „Klicken statt blättern“ von Ulrike Nimz (online hier). Auch wenn die Seite 5 nicht die Meinungsseite der SZ ist, hält die Autorin mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg:

Nach der Neuauflage der Exzellenzinitiative, dem Milliardenförderprogramm für deutsche Elite-Unis also, ist der Digitalpakt ein weiterer großer Wurf Wankas. Ein Jahr vor der Bundestagswahl ist ihre Legislatur-Agenda nahezu abgearbeitet, und schon jetzt empfiehlt sie sich mit einem neuen Projekt für die nächste Wahlperiode.

Der Verdacht der Hofberichterstattung drängt sich auf. Erst am Ende des mehrspaltigen Artikels (wieder mit großem Foto) kommt eine Stimme zu Wort, die Wankas Vorschlag im Kern kritisiert, nämlich die von Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbands:

Geht es nach Kraus – lange Jahre selbst Schulleiter an einem bayerischen Gymnasium – ist die Digitaloffensive vor allem eines: ein Konjunkturpaket für die Hersteller von Smartphones und Tablet-Computern. Es gebe keine belastbaren Belege dafür, dass digitalisierte Schulen zu besseren Schülerleistungen führten. Im Gegenteil: Von „Häppcheninformationen“, wie sie Suchmaschinen bereitstellten, hält Kraus nichts: „Schule funktioniert immer noch am besten mit Vis-à-vis-Kommunikation. Die jungen Menschen müssen zu mündigen Mediennutzern erzogen werden.“

Die Autorin versäumt es nicht, Kraus‘ Ansicht postwendend um eine Bemerkung zu ergänzen, aus der wir einen gewissen Spott heraushören:

Das Bundesland Bayern hat dazu eine eigene Strategie entwickelt: Die Nutzung digitaler Medien an Schulen ist außerhalb des Unterrichts und ohne Erlaubnis der Lehrkräfte verboten.

Auf Seite 4 der SZ findet sich der Kommentar „Auf die Lehrer kommt es an“ von Susanne Klein (online hier). Wer den Titel so versteht, dass es auf die Lehrer, auf deren persönlich-pädagogischen Umgang mit den Schülern und nicht auf seelenlose Medien ankommt, wird enttäuscht. „Auf die Lehrer kommt es an! Für eine Rückkehr der Pädagogik in die Schule“ ist übrigens der Titel eines Buches von Michael Felten. Der Autor beleuchtet darin laut Klappentext „den unterschätzten Kern allen Lernens — das menschliche Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern, die pädagogische Beziehung“. Von Computern und Internet ist da herzlich wenig die die Rede. Dem Einwand von Josef Kraus und dem Buch von Michael Felten zum Trotz ist in dem SZ-Kommentar zu lesen:

Digitale Medien müssen im Schulalltag so normal sein wie im übrigen Leben.

Ach ja? Warum? Ist alles, was „normal“ ist, automatisch gut? Unter manchen Jugendlichen ist exzessiver Alkoholkonsum am Wochenende „normal“ — gibt es deswegen steuerfinanziertes Freibier für alle Oberstufenschüler? Es ist ironisch, dass in derselben Ausgabe der Süddeutschen Zeitung auf Seite 18 der Artikel „Du machst es doch auch“ von Werner Bartens zu lesen ist. Darin heißt es:

Kinder sollen weniger Zeit mit dem Smartphone verbringen, doch viele Eltern können sich selbst kaum davon lösen. Das schlechte Vorbild beeinträchtigt Familienleben und kindliche Entwicklung

[…] Einerseits ist da der Wunsch, zu Hause zu sein und Zeit für die Familie zu haben, andererseits ermöglichen es die kleinen, gemeinen technischen Hilfsmittel, jederzeit und von überall auf Angebote und vermeintliche Erfordernisse zu reagieren. Die in der Studie befragten Eltern berichten übereinstimmend von starker emotionaler Anspannung und der Not, sich im Strudel von Informationsflut und Familienroutine zwischen Arbeit, Kindern und sozialem Umfeld entscheiden zu müssen. […] Andere Eltern erzählen, wie die mobile Kommunikation auf ihre Stimmung abfärbt. […] Als Vorbild taugt ein solches Verhalten nicht. „Kinder sehen ihre Eltern ständig am Handy und denken sich: Das gehört dazu, das ist Teil der Kommunikation“, sagt Karl Heinz Brisch, Bindungsforscher an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Der ganz normale Wahnsinn. Im Kommentar „Auf die Lehrer kommt es an“ heißt es weiter:

Da junge Menschen ohne Kenntnisse im Digitalen praktisch keinen Beruf mehr ergreifen können, gehört zu guter Bildung eben auch der souveräne Umgang mit dem Laptop und Tablet.

Eher nicht. Vielleicht gehört der souveräne Umgang mit Computern je nach Beruf zu einer guten Ausbildung — Ausbildung ist aber etwas anderes als Bildung. Aber diese Unterscheidung ist heute wohl nicht mehr „normal“, schon gar nicht in der Redaktion der Süddeutschen. Und ob ein Masseur, ein Friseur oder ein Koch sich hauptsächlich mit digitalen Medien auskennen sollte, steht zu bezweifeln. Selbst mancher Blogger braucht weder Laptop noch Tablet.

Doch was nützen schnelles Internet und smarte Endgeräte, wenn die Pädagogen fehlen, die mit der Technik auch gut umgehen können? Wenn viele Lehrer statt zu fragen, was didaktisch und inhaltlich eigentlich möglich ist, bei Stichworten wie „Snapchat“ oder „digitaler Lernraum“ nachschlagen müssen.

Ach, und wenn solche Pädagogen nicht fehlen, dann nützen schnelles Internet und smarte Endgeräte? Was helfen Internet und Computer, wenn die vorgeschriebenen Lerninhalte selbst an den Lehrern vorbeigehen, wenn die Schulmathematik durch den neuen Kernlehrplan in NRW mehr und mehr abgewickelt wird (siehe „Der neue Kernlehrplan Mathematik: ein weiterer Sargnagel für die Analysis“)? Dass trigonometrische Funktionen wie die Sinus- und die Kosinusfunktion seit Jahren im NRW-Zentralabitur keine Rolle mehr spielen, scheint weder für die Bildungsministerin Wanka — von Hause aus Mathematikerin — noch für die SZ-Redaktion ein Thema zu sein. Hauptsache, die WLAN-Verbindung steht. Laut Wikipedia ist Snapchat übrigens ein kostenloser Instant-Messaging-Dienst zur Nutzung auf Smartphones und Tablets. „Der Dienst ermöglicht es, Fotos, die nur eine bestimmte Anzahl von Sekunden sichtbar sind und sich dann selbst ‚zerstören‘, an Freunde zu versenden.“ Ein Lehrer, der so etwas nachschlagen muss, hat wirklich seinen Job verfehlt. Warum gibt es eigentlich keine Artikel in der SZ, die sich nach zehn Sekunden selbst zerstören?

Dass neue Medien nicht nur angebliche Vorteile, sondern auch Risiken und Nebenwirkungen haben, wird nicht einmal ansatzweise erwähnt. In der SZ vom 2. Mai 2014 war zum Beispiel unter der Überschrift „Bleistift statt Laptop. Über das Schreiben und Lernen“ zu lesen:

Berichtet wurde über die Forschungsergebnisse der Psychologen Pam Mueller von der Universität Princeton und Daniel Oppenheimer von der Universität von Kalifornien in Los Angeles: „Die Forscher ließen ihre Probanden Vorträge protokollieren — entweder auf dem Rechner oder mit Stift und Papier. Anschließend prüften sie die Teilnehmer mit unterschiedlich konzipierten Aufgaben. Wurde nur das reine Faktenwissen abgefragt, zeigten sich nur geringe Unterschiede. Bei Transferleistungen fiel die Laptop-Gruppe hingegen deutlich ab. Mit der Hand zu schreiben stimulieren wohl die kognitive Verarbeitung, so die Autoren.

Dessen ungeachtet heißt es in dem Kommentar weiter:

Soll Wankas Pakt sein Ziel erreichen, muss er sich zuerst auf die Lehrer konzentrieren. Sie müssen mit Hardware versorgt und unterrichtet werden. Es braucht Geld und Zeit für Fortbildungen, aber auch für ganz praktische Allianzen: So könnten internetaffine, mit digitalen Lerninhalten erfahrene Kollegen anderen helfen. Ob der Funke dabei überspringt? Man muss es hoffen. Ohne Begeisterung bei den Lehrern wird Wankas Plan jedenfalls nicht funktionieren.

Die Lehrer müssen also mit Hardware versorgt und unterrichtet werden — als ob es an Schulen keine anderen Probleme gibt; als ob Lehrer keine anderen Sorgen und Nöte haben! Wie wäre es mal mit Fortbildungen, die mit dem ureigenen Geschäft eines Pädagogen zu tun haben, nämlich Kindern und Jugendlichen dabei zu helfen, sich zu entwickeln und erwachsen zu werden? Was psychoanalytische Pädagogik angeht, gäbe es zum Beispiel einen enormen Fortbildungsbedarf. Da die SZ-Redaktion vermutlich nachschlagen muss, was das ist, haben wir einen kleinen Lesetipp: „Aus der Werkstatt eines Lehrers“ von Hans Zulliger, einem in psychoanalytischer Pädagogik geschulten Lehrer und Autor.

Auf die Lehrer kommt es an — ja, aber nicht so, wie es die Süddeutsche Zeitung meint. Pädagogen sollten vorrangig gut mit Kindern und Jugendlichen umgehen können und nicht mit Technik. Wer Pädagoge ist, leistet Dienst am Menschen — hierbei sollte der Funke überspringen –, nicht an Maschinen. „Die stärkste Motivationsdroge für junge Menschen ist der andere Mensch“ (Joachim Bauer). Dass ein bürokratisch-standardisiertes Schulwesen jeder Begeisterung entgegenwirkt, muss sich offenbar nicht nur im Düsseldorfer Schulministerium herumsprechen, sondern auch in der Redaktion der Süddeutschen in München. Ob Kinder gern in die Schule gehen, ob der Unterricht interessant oder gar spannend ist, hängt nicht entscheidend davon ab, ob dieses oder jenes Medium zum Einsatz kommt — genausowenig wie die Qualität eines Zeitungsartikels davon abhängt, ob er auf Papier oder online veröffentlicht wird. Wer allerdings in den neuen, digitalen Medien ein Allheilmittel oder einen dominierenden (Selbst-)Zweck sieht und deren Risiken und Nebenwirkungen verkennt, der sei gewarnt — zum einen durch Marius Reiser (Bologna: Anfang und Ende der Universität. Bonn: Deutscher Hochschulverband, 2010. S. 44f.):

[M]an wird den neuen Medien eine gewisse begleitende und unterstützende didaktische Funktion zugestehen. Aber die Euphorie wird doch gedämpft, wenn man an die vergeblichen Hoffnungen denkt, die man in der Vergangenheit mit dem Schulfernsehen oder den Sprachlabors verknüpft hat. Am Ende war es jedesmal vertane Liebesmüh und eine große Geldverschwendung. […]
Irgendwann wird in einigen Köpfen die unheimlich innovative Idee dämmern, […] dass man selbständiges Denken, rationale Argumentation und Urteilsvermögen nicht durch Pauken lernt; und dass es zu alledem die persönliche Beziehung von Lehrer und Schüler braucht (oder wie immer man das dann nennen wird).

und zum anderen durch Joseph Weizenbaum (Hessendienst der Staatskanzlei (Hrsg.). Symposium der Hessischen Landesregierung. Informationsgesellschaft oder Überwachungsstaat. Strategien zur Wahrung der Freiheitsrechte im Computerzeitalter. Protokoll. 1984. S. 366.):

Der Computer in der Schule ist eine reine Frage der Priorität. Ich frage: Beherrschen 18jährige in diesem Land ihre Muttersprache? Wissen sie viel von ihrer Geschichte, ihrer Kultur, ihrer Literatur? Können sie denken? Wenn die Schule diese Dinge vermittelt hat, dann wäre ich damit einverstanden, wenn der Computer eingeführt wird.

Damit keine Journalistin der SZ nachschlagen muss: Joseph Weizenbaum war kein ewiggestriger Pädagoge, sondern ein deutsch-US-amerikanischer Informatiker.

PS
Liebe Redaktion der Süddeutschen Zeitung: Statt auf den Zug der Johanna Wanka aufzuspringen, wie wäre es, wenn Ihr mal über rechtswidrige Prüfungen im NRW-Zentralabitur und die wegen politischer Korruption mangelhafte Kontrolle des NRW-Schulministeriums berichten würdet?

PPS
Bei dem Vornamen der Bundesbildungsministerin mussten wir an das Lied „Gimme Hope Jo’anna“ von Eddi Grant denken. Der Text passt weitgehend nicht zu Johanna Wankas Politik, doch die Passage „She even knows how to swing opinion/In every magazine and the journals/For every bad move that this Jo’anna makes/They got a good explanation“ weist eine gewisse Parallele auf.