Ein Interview mit Peter Silbernagel weist auf Unterwürfigkeit und Hinterlist im Philologen-Verband hin

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Wir hatten neulich über die Umfrage berichtet, wonach knapp 80 % der Eltern in NRW zurück zu G9 wollen (hier). Der Kölner Stadt-Anzeiger nahm die Umfrageergebnisse zum Anlass, Peter Silbernagel, den Vorsitzenden des Philologen-Verbandes Nordrhein-Westfalen (PhV NW), zu interviewen (hier). Auf die Frage „Erleben Sie die Belastung der Schüler, über die die Eltern klagen, denn im Alltag an den Schulen?“ antwortete er:

Wir haben eine Wiederholer-Quote von 1,4 Prozent — das ist einer von 70 Schülern. 4300 Schüler haben im letzten Schuljahr das Gymnasium verlassen — das sind pro Jahrgangsstufe in der Sekundarstufe I ein bis zwei Schüler. An diesen Zahlen lässt sich definitiv kein Stress ablesen.

Silbernagel hat vollkommen recht. An diesen Zahlen lässt sich definitiv kein Stress ablesen. An diesen Zahlen lässt sich nämlich gar nichts ablesen — weder, dass es in der Schule Stress gibt, noch, dass es in der Schule keinen Stress gibt. Wenn einer von 70 Schülern sitzenbleibt, kann es sein, dass alle 70 Schüler unter Stress gestanden haben, um das Klassenziel zu erreichen. Es kann ebenso gut sein, dass keiner der 70 Schüler unter Stress gestanden hat und alle eine ruhige Kugel geschoben haben.
Die Wiederholerquote eignet sich nicht als Indikator für Stress. Am Ölstand eines Autos lässt sich nicht ablesen, ob der Benzintank voll oder nicht voll ist. Im Übrigen: Wenn es keinen Stress gibt, warum wird dann seit 2010 versucht, G8 zu „optimieren“, um die Schüler zu entlasten? Das passt nicht zusammen.

Wer so dummes Zeug wie Peter Silbernagel redet, ist entweder selber dumm oder er will die Leser des Interviews für dumm verkaufen. Es soll suggeriert werden, es gäbe keinen nennenswerten Stress unter den Schülern. Für diese Botschaft an die G8-kritische Bevölkerung ist jedes auch noch so falsche Argument recht. Dass die Interviewerin nicht kritisch nachfragt und dem Philologenchef ein Forum für Logik unter Hauptschulniveau bietet, ist eine andere Sache.

Warum dieser Täuschungsversuch? Warum diese Hinterlist? Warum diese Unwahrhaftigkeit? Im März haben wir festgestellt (hier): „Wenn es ans Eingemachte geht, zeigt sich, dass der Philologen-Verband weder Biss noch Eier hat.“ Heiße Eisen werden nicht angepackt. Zur Erklärung dieser rückgratlosen, opportunistischen Haltung vermuten wir, dass der PhV NW es sich mit der grünen Ministerin für Schule und Weiterbildung nicht verscherzen will, dass er mit ihr aus Angst um das Gymnasium einen Nichtangriffspakt geschlossen hat, der aus Sicht der Verbandsphilologen ungefähr so aussieht:

Liebe Schulministerin, wir haben furchtbare Angst, dass du mit einem Federstrich alle Gymnasien in Gesamtschulen umwandelst. Damit du, liebe Ministerin, uns unser heiliges Gymnasium lässt — zumindest dem Namen nach –, lassen wir dich in Ruhe und verzichten darauf, deine unter uns gesagt ziemlich irrsinnige Schulpolitik scharf und entschieden zu kritisieren. Wir üben uns in Unentschiedenheit. Damit das niemandem auffällt, protestieren wir hin und wieder gegen deine Politik, aber nie so stark, dass du in Bedrängnis kommst. Wie das geht, haben wir uns von deiner obersten Erfüllungsgehilfin, der GEW NRW, abgeguckt. Für den Erhalt des Gymnasiums ist uns jedes Mittel recht, auch wenn dabei die Wahrheit, die Logik und das Humboldt’sche Bildungsideal auf der Strecke bleiben. Wir sind bereit, jeden zu verarschen, auch uns selber. Bitte, bitte, lass uns unser Gymnasium, auch wenn es längst zur Hauptschule geworden ist!

Das ganze Interview mit Peter Silbernagel weist auf diesen doppelbödigen Schmusekurs hin, den der PhV mit der Schulministerin fährt — wobei das Ministerium den Lehrerverband de facto im Schlepptau hat. Der von den Eltern beklagte Stress wird mit fadenscheinigen Argumenten heruntergespielt. Laut der Überschrift des Interviews hat Silbernagel gesagt: „Wir können die Uhr nicht zurückdrehen.“ Ach nein? Es gibt politische Entscheidungen, die korrigiert oder revidiert werden können. Niedersachsen macht gerade vor, dass man zu G9 zurückkehren kann. Was in Niedersachsen geht, soll in NRW nicht möglich sein?
„Wir können die Uhr nicht zurückdrehen“ lautet aus der Verbandsphilologensprache übersetzt: „G8 ist ziemlicher Mist. Mist kann man nicht optimieren. Wir müssten also die Rückkehr zu G9 fordern. Das dürfen wir aber nicht wegen unseres Nichtangriffspakts. Die bedingungslose Beibehaltung von G8 wollen wir aber auch nicht vertreten. Dann würden wir uns ja komplett selbst verarschen. Also reden wir dummes Zeug in der Hoffnung, dass es niemand merkt.“

Was sagt Silbernagel sonst noch?

Mir wäre es allerdings lieber gewesen, man hätte nicht schon wieder eine Umfrage zu dem Thema initiiert.

Warum? Weil eine solche Umfrage ein Jahr vor der Landtagswahl die rot-grüne Landesregierung in Bedrängnis bringt? Nein:

Weil es jetzt wieder dieses Thema nach oben spült, das rational nicht in den Griff zu kriegen ist.

Ach, und über ein Thema, das angeblich rational nicht in den Griff zu kriegen ist, kann getrost der Mantel des Schweigens gelegt werden? Wie will man ein Thema „rational in den Griff“ kriegen, wenn man selber keine rationalen Argumente beisteuert, sondern ein doppeltes, hinterlistiges Spiel betreibt?

Im Übrigen: Soweit wir wissen, ist die jüngste Umfrage zu G8/G9 die erste, die von der Landeselternschaft der Gymnasien in NRW in Auftrag gegeben worden ist. Auf deren Homepage ist zu lesen:

Wir sind als Vorstand mit einer neutralen Einstellung an die Frage herangegangen, da wir endlich eine belastbare Basisbefragung ermöglichen wollten.
Die positiven Meldungen des Ministeriums über G8 in NRW und die Umsetzung der Ergebnisse des sog. „runden Tisches“ standen im Widerspruch zu den Rückmeldungen aus unseren Mitgliedsschulen.
[…] Die Landeselternschaft der Gymnasien NRW e.V. wird sich […] nunmehr dafür einsetzen, den doch eindeutigen Elternwillen konstruktiv umzusetzen.

Solche sympathischen basisdemokratischen Elemente sind dem Vorstand des PhV vermutlich fremd. Wir können uns kaum vorstellen, dass die einfachen PhV-Mitglieder ein gehöriges Wörtchen mitzureden haben, wenn es darum geht, den Kurs der Verbandsspitze festzulegen.

In der Landeselternschaft muss es übrigens im vergangenen Jahr mächtig gerumst haben. Die Rheinische Post (online-Ausgabe) schrieb am 21. März 2015 unter der Überschrift „Eltern kündigen G8-Kompromiss auf“:

In den Streit um die Schulzeitverkürzung an den Gymnasien in NRW kommt neue Bewegung. Der neue Vorsitzende der Landeselternschaft, Ulrich Czygan, kritisierte den achtjährigen Bildungsgang (G8) heftig. […]
Der 57-jährige Wittener Czygan […] war Ende Februar auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung zum neuen Vorsitzenden der Landeselternschaft gewählt worden. Von Teilen des Verbands wird die Rechtmäßigkeit seiner Wahl angezweifelt; der interne Streit wird auch juristisch ausgetragen. Neben vereinsrechtlichen Fragen geht es um den Vorwurf, Czygans Vorgänger Ralf Leisner habe mit seiner Pro-G 8-Linie die Meinung der Eltern ignoriert.

Wer weiß, wann es im Philologen-Verband ähnlich kracht? — Laut der Umfrage der Landeselternschaft befürworten 88,2 % der (befragten) Gymnasiallehrer in NRW G9 …

Noch hat Häuptling Silbernagel das Wort:

Die Eltern haben auf die Frage „G8 oder G9?“ ganz klar mit G9 geantwortet. Aber ohne zu berücksichtigen, ob das politisch umsetzbar ist. […] Wir hatten 2005, wenn ich mich recht erinnere, gerade mal zwei Dutzend Gymnasien im gebundenen Ganztag. Heute sind es 165. Und das ist nur ein Beispiel dafür, wie sich die Lehr- und Lernkultur an Gymnasien weiterentwickelt hat. Es ist unrealistisch diese Entwicklungen zurückzudrehen.

Die Frage ist nicht, ob es realistisch ist, sondern, ob man diese „Entwicklungen“ zurückdrehen will oder ob man es nicht will — siehe Niedersachsen. Im Übrigen: Was spricht gegen Gymnasien mit „offenem Ganztag“ (das heißt mit freiwilligem Nachmittag)? Hält Silbernagel die Verlängerung des normalen, unter rigorosen Lehrplänen stehenden Schulunterrichts bis in die 9. Stunde am Nachmittag allen Ernstes für eine „Weiterentwicklung der Lehr- und Lernkultur“? Zählt er dazu auch den neuen Kernlehrplan Mathematik, die zwangsweise Benutzung des GTR, die elende Kompetenzorientierung und das Zentralabitur? — Zum GTR äußerte sich Silbernagel laut WAZ einmal kritisch: „Welcher Mehrwert kommt dabei herum, wenn Schüler in vielen Bereichen die Lösungen präsentiert bekommen, ohne den Weg zum Ergebnis zu erfahren?“ Doch bei dieser Frage ist es geblieben. Würde der Philologen-Verband einen geharnischt-massiven Protest gegen dieses überflüssige Gerät organisieren, würde der GTR-Erlass schneller auf dem Schrotthaufen landen, als Texas Instruments und Casio ihre Produktion drosseln könnten.
All diese „Entwicklungen“ genannten politischen Entscheidungen könnte man zurücknehmen, wenn man es wollte.

Silbernagel steht mit seiner seltsamen Haltung nicht allein im Vorstand des PhV. Dem Thema G8/G9 widmete der Lehrerverband „mit Herz und Verstand“ (eigenes Motto) im Mai 2014 ein Sonderheft seiner Mitgliederzeitschrift „Bildung aktuell. Wir machen Schule“. Die Referentin für Öffentlichkeitsarbeit Cornelia Kapteina-Frank — die ist uns schon einmal mit bestechender Logik aufgefallen (hier) –, damals wie heute Vorstandsmitglied, schreibt im Vorwort:

Bei den G9-Befürwortern hat man derzeit das Gefühl: Wenn nicht sofort die Schulzeitverkürzung zurückgenommen werde, geschehe großes Unheil. So wird die Diskussion von dieser Seite auch mit großer Heftigkeit geführt. Sind da vielleicht nicht nur sachliche Argumente im Spiel, sondern auch persönliche Interessen? Da tut es gut, dass von ministerieller Seite Ruhe in das Ganze gebracht wird.

Tja, die einen diskutieren mit großer Heftigkeit, die anderen mit Hinterlist und Verstößen gegen die Logik — wobei bei den Verbandsphilologen natürlich nie persönliche Interessen wie die eigene Karriere im Spiel sind. Auch der Gedanke, dass mancher Verbandsfunktionär vor dem nervenaufreibenden Schulalltag in die höheren Etagen geflohen ist und nun Rache übt, ist völlig abwegig…

Klaus Schwung, damals wie heute stellvertretender Vorsitzender, schreibt in dem Sonderheft („Philologen-Verband NW: Keine Kehrtwende, aber pädagogische und organisatorische Veränderungen am G8“):

Wir müssen aber auch klar darauf hinweisen, dass viele Veränderungen der letzten zehn Jahre unumkehrbar sind, unabhängig von der Frage, wie wir sie beurteilen. Hierzu zählen unter anderem: Angebote des Ganztags, Über-Mittag-Betreuung, Stundenrhythmisierung, Kompetenzorientierung der Lehrpläne, Zentralabitur, Freigabe des Elternwillens, Lehrwerke, Hausaufgabendiskussion, individuelle Förderung etc.

Für wie blöd hält der PhV-Vorstand seine eigenen Mitglieder?

Nabil Zeriouh, damals Vorsitzender der Jungen Philologen NW, heute noch in deren Vorstand, schreibt („Wenn Eltern und Medien Schulpolitik machen wollen …“):

Die Bundesjugendtagung sieht eine Entscheidung für G9 kritisch, da das Gymnasium ohne G8 als Alleinstellungsmerkmal in vielen Bundesländern überflüssig werden könnte, da auch an anderen Schularten, wie zum Beispiel den Gesamtschulen und Gemeinschaftsschulen, das Abitur in neun Jahren erreicht werden kann. […] Eine Abkehr von G8 löst keine Probleme.

„G8 ist in Nordrhein-Westfalen ein Alleinstellungsmerkmal der Gymnasien“, pflichtet Silbernagel in dem Sonderheft dem Jungspund bei („G8/G9: endliche oder unendliche Geschichte?“). Auf Wikipedia ist zu dem verdächtigen Wort „Alleinstellungsmerkmal“ zu lesen:

Als Alleinstellungsmerkmal (englisch unique selling proposition oder unique selling point, USP) wird im Marketing und in der Verkaufspsychologie das herausragende Leistungsmerkmal bezeichnet, durch das sich ein Angebot deutlich vom Wettbewerb abhebt. Synonym ist veritabler Kundenvorteil. […] Der Begriff gehört zum Grundvokabular des Marketings. Ein Alleinstellungsmerkmal, d. h. ein einzigartiges Nutzenversprechen, soll mit dem Produkt verbunden werden.

Wir wissen nicht, warum manche Philologen Marketingsprache benutzen und eindimensional in Wettbewerbskategorien denken — ganz davon abgesehen, dass „ein Jahr weniger Schule“ seinen Preis hat und von einem „veritablen Kundenvorteil“ und von einem „einzigartigen Nutzenversprechen“ nicht unbedingt die Rede sein kann. — „Jeder Vorteil hat einen kleinen Nachteil“, pflegte unser Fahrradhändler aus Aachen zu sagen. Im Übrigen: „ein Jahr weniger Schule“ soll „das herausragende Leistungsmerkmal“ des Gymnasiums sein? Hat diese Schulform nichts anderes mehr zu bieten?

Silbernagel beendet seinen Artikel so:

Die vorliegende Thematik lässt keine rezeptartigen, schlichten, einfachen Lösungen zu. […] Es geht uns nicht um eine Defensivposition zum ‚Turbo-Abitur‘, wohl aber um die Wahrnehmung der maßgeblichen Mitausgestaltung eines ‚Qualitätsgymnasiums‘

Aha, was auch immer das heißen soll.

Der Schmusekurs des PhV zeigt sich ferner darin, dass er seit 2014 die Fixvektorpanne ignoriert (siehe hier). Das Problem wird noch nicht einmal erwähnt. Würde der PhV öffentlich auf rechtswidrige Prüfungen und Chancenungleichheit im Zentralabitur hinweisen, würde das die Landesregierung erheblich in Erklärungsnot bringen. Zum Wohle des Gymnasiums werden Schüler und Lehrer, die sich an die Vorgaben halten, im Regen stehen gelassen. Die Entwicklung zu regelmäßigen Verstößen gegen geltendes Recht halten Silbernagel, Schwung und Co. vermutlich für unumkehrbar.

Zum Schluss des Interviews mit dem Kölner Stadt-Anzeiger sagte Silbernagel:

G8 hat auch nicht dazu geführt, dass die Eltern den Gymnasien den Rücken gekehrt haben. Unsere Anmeldezahlen sind stabil.

Wenn das so ist, kann der Philologen-Verband Nordrhein-Westfalen getrost auf stabile Standpunkte und stabile Argumentationen verzichten. Denn hohe Anmeldezahlen beweisen einer seltsamen Philologenlogik (hier) zufolge, dass das Gymnasium die erfolgreichste Schulform ist. Die Hauptsache ist: Das heilige Gymnasium wird um jeden Preis gehalten. An all diesen Beispielen lässt sich definitiv nicht ablesen, dass der Vorstand des PhV mit logischem Denkvermögen, Rückgrat, Entschiedenheit und Wahrhaftigkeit gesegnet wäre. Vieles deutet stattdessen auf Unterwürfigkeit und Hinterlist (oder Dummheit) im Philologen-Verband Nordrhein-Westfalen hin.

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Quellen: