Flächendeckende unkritische Berichterstattung über den „Bildungstrend 2015“ des IQB

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Vergangenen Freitag (28. Oktober 2016) stellte das IQB (Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen) auf einer Pressekonferenz in Berlin die Ergebnisse seiner Studie „Bildungstrend 2015“ vor. Wie über den „Digitalpakt“ der Johanna Wanka haben viele Massenmedien — allem Anschein nach die meisten — darüber ausführlich, hervorgehoben und unkritisch berichtet (Beispiele unten). Dabei sollten einem aufgeklärten Journalisten automatisch Zweifel kommen, wenn es um irgendwelche „Schulleistungsstudien“ geht. Das IQB schreibt über sich selber (hier):

Als Reaktion auf zunächst unbefriedigende Ergebnisse Deutschlands in internationalen Schulleistungsstudien hat die Kultusministerkonferenz (KMK) eine Reihe von Maßnahmen zur Qualitätsentwicklung und Qualitätssicherung im Bildungswesen eingeführt. Im Zuge dessen gründete sie 2004 das IQB als wissenschaftliche Einrichtung der Länder in der Bundesrepublik Deutschland an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Und hier:

Das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) ist ein wissenschaftliches Institut, das die Länder in der Bundesrepublik Deutschland bei der Qualitätsentwicklung und Qualitätssicherung im allgemeinbildenden Schulsystem unterstützt. Den Ausgangspunkt und die Grundlage dieser Arbeit bilden Bildungsstandards, die von der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland (KMK) verabschiedet worden sind. Diese Bildungsstandards definieren, welche Kompetenzen Schülerinnen und Schüler bis zu einem bestimmten Zeitpunkt in ihrer Schullaufbahn entwickelt haben sollen. Das IQB hat den Auftrag, regelmäßig zu überprüfen, inwieweit diese Ziele in deutschen Schulen erreicht werden (Bildungsmonitoring).

Aktuell ist auf der IQB-Homepage zu lesen:

  • Kernanliegen des IQB sind die Weiterentwicklung, Operationalisierung, Normierung und Überprüfung von Bildungsstandards.
  • Die Vergleichsarbeiten – VERA – dienen vor allem der Unterrichtsentwicklung, besonders mit Blick auf die nationalen Bildungsstandards.
  • Bildungsstandards geben Ziele der pädagogischen Arbeit in Form von anzustrebenden Lernergebnissen vor.
  • Ziel eines Ländervergleichs ist es festzustellen, inwieweit Schülerinnen und Schüler in Deutschland Bildungsstandards erreichen und wo Steuerungsbedarf besteht.

Es ist somit sonnenklar, dass das IQB die McDonaldisierung des Schulwesens unterstützt und vorantreibt. Dass diese McDonaldisierung höchst fragwürdig ist, haben wir in unseren Grundsatzartikeln „McDonaldisierung des Schulwesens durch ‚Bildungsstandards'“ und „Bildung und Schule unter dem Regime von PISA, Bertelsmann & Co.“ gezeigt. Bildung lässt sich nicht standardisieren. Bereits 2009 schrieb Richard Münch („Bildung und Wissenschaft unter dem Regime von PISA, McKinsey & Co.“, Suhrkamp, S. 80f):

Die Kultusminister der Länder begeistern sich inzwischen für bundesweit einheitliche Bildungsstandards. […] Die dunkle Seite dieses Programms ist die Abrichtung der Lehrer auf das Einpauken standardisierter Prüfungsaufgaben, gleichzeitig werden die Schüler zu konditionierten Lernmaschinen. Auf der Strecke bleibt die Bildung als kreativer Teil der Persönlichkeitsentwicklung. Der Mensch wird zum Punktejäger gemacht. […] Allerdings hat dieses Programm keinen nachweisbaren Nutzen für Schüler, Lehrer oder die Gesellschaft, da es nicht zur Erweiterung des verfügbaren Potenzials an Wissen beiträgt.

Es wird noch lange dauern, bis das der letzte Hilfswirtschaftsminister — Pardon! wir meinten natürlich: Kultusminister — einsieht. Aber offenbar ist diese Botschaft auch bei vielen Journalisten noch nicht angekommen. So ist auf den Internetseiten von WDR 2 beispielsweise der Kommentar „Bildung in NRW: Besser werden!“ von Leo Flamm zu lesen. Zur Einleitung heißt es:

Der Bildungstrend hat ergeben, dass sich die Situation in NRW nicht verbessert hat. Die Studie sollte man auf jeden Fall ernst nehmen, sagt Leo Flamm in seinem Klartext – Aber man könne auch nicht alle Aspekte 1:1 vergleichen.

Lieber Herr Flamm: Solange das Ministerium für Schule und Weiterbildung keiner kompetenten demokratischen Kontrolle unterliegt, wird die Bildung in NRW nie besser werden. Auf WDR 5 findet sich der Kommentar „Gutes Deutsch ist wichtiger als gutes Englisch“ (Sendung „Echo des Tages“ vom 28.10.2016). In der Einleitung ist zu lesen:

Wie gut sind deutsche Neuntklässler in Deutsch und Fremdsprachen? Auf diese Fragen gibt der „IQB-Bildungstrend 2015“ nun Antworten. Und er deckt einige Mängel auf, meint Kathrin Erdmann in ihrem Kommentar.

Die Aachener Nachrichten (Ausgabe vom 29. Oktober 2016) berichteten auf Seite 1 vierspaltig mit der Überschrift und der Unterzeile:

Mäßige Noten für NRW-Schüler

Im bundesweiten Vergleich der Neuntklässler liegt das Land im Fach Deutsch auf den hinteren Plätzen. Besser sieht es in Englisch aus. Insgesamt holt der Osten auf, und der Südwesten rutscht ab

Der letzte Absatz des Beitrags fängt so an:

Die Erhebung ist eine Folge des Pisa-Schocks 2001. Diese internationale Studie zeigte damals teils erhebliche Rückstände Deutschlands.

Ein Hinweis darauf, dass sowohl PISA als auch der „Bildungstrend“ zum fragwürdigen Bildungsmonitoring gehören, fehlt. Das gleiche Bild beim Kölner Stadt-Anzeiger (29./30. Oktober 2016): Auf Seite 2 („Themen des Tages“) wird auf vier Spalten (einschließlich Foto und Grafik) über die Studie des IQB berichtet, ohne sie auch nur ansatzweise in Frage zu stellen: „Schwächen im Hauptfach. NRW-Neuntklässler in Deutsch schlechter als der Durchschnitt — Schüler holen in Englisch auf“. Am Ende des Artikels heißt es:

Wie aber lässt sich erklären, dass ein Teil der Länder sich verbessert, andere sich aber verschlechtert haben? Die Leiterin der Studie, Petra Stanat, erklärte, die Ergebnisse legten nahe, dass es nicht entscheidend darauf ankomme, wie viele Schüler beispielsweise zum Gymnasium gingen und wie stark das Schulsystem gegliedert sei. Wichtig sei, dass die Länder ihr Augenmerk darauf richteten, den Unterricht zu verbessern.

Wie lässt sich erklären, dass die Erklärung der Petra Stanat nicht erklärt, warum ein Teil der Länder sich angeblich verbessert, andere sich aber verschlechtert haben? Is‘ auch egal. Wir haben genug Tinnef für heute bearbeitet. Nur eine Bemerkung noch: Eine Nachrichtensuche bei Google (30. Oktober 2016, Suchwort „Bildungstrend“, siehe Anhang) ergab auf den ersten (zugegeben: nicht gründlichen) Blick, dass viele andere Massenmedien — darunter heute.de, tagesschau.de, Spiegel online — ähnlich unkritisch und oberflächlich über die IQB-Studie berichteten wie der WDR, die Aachener Nachrichten und der Kölner Stadt-Anzeiger.

PS
Josef Kraus — jener ältere Herr aus Bayern, der angeblich das Internet verteufelt und nichts von Johanna Wankas Digitalpakt hält und deswegen als rückständig eingestuft wird (siehe hier) — hat übrigens das Buch „Der PISA-Schwindel“ (Signum, 2005) geschrieben — gewidmet „allen, denen PISA auf den Geist geht“. Im Vorwort heißt es (S. 7f):

Wenn im Buchtitel vom PISA-Schwindel die Rede ist, dann sollen damit bewußt zweierlei Assoziationen geweckt werden. Schwindel ist zum einen das Ergebnis einer Täuschungsabsicht: Da schwindelt einer, weil er seine wahren Absichten verbergen oder versteckt zu einem ganz bestimmt führen möchte. Schwindel ist zum zweiten das Ergebnis einer partiellen, vorübergehenden oder chronischen geistigen Absenz, eine Störung der Orientierung aufgrund von Benommenheit oder gar Trunkenheit. PISA hat mit beiden Arten von Schwindel zu tun — mit Täuschung und mit Taumel, damit zugleich mit Politik und mit Psychologie. Mit Politik hat PISA zu tun, weil es hier um einen Kernbereich von Politik geht, um die Bildung unserer jungen Leute und damit um die Zukunft dieser Nation. Wo Politik ist, ist Propaganda, zumal in der Bildungspolitik, nicht weit.

Hat vermutlich kaum ein Journalist gelesen, weil es dazu weder Pressemitteilung noch -konferenz gab.

Anhang
Nachrichtensuche bei Google (30. Oktober 2016, Suchwort „Bildungstrend“)

IQB-Bildungstrend-Google01

IQB-Bildungstrend-Google02

IQB-Bildungstrend-Google04