Für Eugen Drewermann trägt MINT zur Dehumanisierung von Pädagogik und Gesellschaft bei

Download PDF

In der Radiosendung „Von einem, der auszog… Drewermanns Märchenwelt“ (Nordwestradio, 19. März 2016) äußerte sich der Psychoanalytiker und Theologe Eugen Drewermann kritisch zu MINT:

Wenn wir Kinder schon haben, denen man nichts weiter beibringt als die MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) und die ihre Gefühle gar nicht kennenlernen sollen, weil sie ja nur störend werden beim Lösen der Gleichung, bei der Anwendung des Maschinenbaus, dann haben wir am Ende computerähnliche Menschen, die sich selber gar nicht kennenlernen dürfen, aber für die Selbstverwertung des vorgeschossenen Kapitals hochnützliche Funktion besitzen.
Diese Dehumanisierung durch Zerspaltung zwischen Denken und Fühlen, diese Schizophrenie, die wir pädagogisch anrichten, um unsere Gesellschaftsform des kapitalistischen Wirtschaftens zu erhalten, ist in sich selber inhuman.

Wie wir jüngst berichtet hatten, ist MINT der Versuch, die „Bildung“ in den Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik zur Sicherung des Wirtschaftsstandorts Deutschland zu fördern. In der Radiosendung ging es um die tiefenpsychologische Deutung des Grimm’schen Märchens „Der Fundevogel“. Bei der Auslegung kam Drewermann auf das (mitunter spannungsgeladene) Zusammenspiel von Intellektualität und Emotionalität eines Menschen, von Denken und Fühlen (in dem Märchen verkörpert durch den Fundevogel und Lenchen) zu sprechen:

Dann ist die Kernfrage unseres Menschseins, unserer Pädagogik, unserer Entwicklung, unseres Selbstverständnisses, wie wir Intellektualität und Emotionalität, Denken und Fühlen, in eine immer wieder sich erneuernde Synthese setzen, sodass wechselseitig überhaupt erst ein Überleben möglich wird. […] Richtig ist, dass ein Gefühl, das sich verliert in sich selber, höchst gefährdet [gefährlich?] ist. […] Was wir nicht gleichermaßen beachten, eigentlich auch gar nicht wahrhaben wollen, ist, dass eine Intellektualität, die bodenlos geworden ist, die sich nicht mehr verankert im Gefühl, mörderisch gefährlich sein kann. Mit ihr kann man alles machen. Ich behaupte: Intellektualität ist kein Beweis für Menschlichkeit, sie ist ein Instrument wie ein Jagdhund. Wenn wir dem sagen, er soll einen Knochen finden, findet der ihn. Mit der Intellektualität können Sie Bomben abwerfen über Hiroshima; das ist rational richtig, um einen Krieg zu beenden. Dann werden Sie Leute finden, die genau das tun. 100 000 Tote in wenigen Sekunden. Ohne Skrupel. Weil kein Gefühl mehr dabei ist, keine Trauer, keine Weinkrämpfe.

Ein Hörer, der in der Sendung anrief, wies auf die im Dritten Reich gelehrte „Rassenbiologie“ und die durchgeführte „Rassenhygiene“ hin. Drewermann antwortete darauf unter anderem:

Das für mich Entsetzliche ist, dass wir mit dem Dritten Reich diese Art der Verführbarkeit des Intellekts nicht begraben haben. Wir schauen uns heute um, wenn wir die Zeitung lesen, und wir finden, wie viele gute Gründe es doch gibt, Kriege herbeizureden, moralisch gute Gründe: Wir müssen intervenieren, wir müssen rüsten, wir müssen Drohnenflüge haben, wir müssen unsere Macht, die ja die gute ist, verbreiten.
Das alles wird gelehrt, es wird beigebracht, und ich behaupte, wenn wir Kinder schon haben, denen man nichts weiter beibringt als die MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) und die ihre Gefühle gar nicht kennenlernen sollen, weil sie ja nur störend werden beim Lösen der Gleichung, bei der Anwendung des Maschinenbaus, dann haben wir am Ende computerähnliche Menschen, die sich selber gar nicht kennenlernen dürfen, aber für die Selbstverwertung des vorgeschossenen Kapitals hochnützliche Funktion besitzen.
Diese Dehumanisierung durch Zerspaltung zwischen Denken und Fühlen, diese Schizophrenie, die wir pädagogisch anrichten, um unsere Gesellschaftsform des kapitalistischen Wirtschaftens zu erhalten, ist in sich selber inhuman.
Und das hat mit zur Folge, dass wir ein solches Märchen auch kulturkritisch lesen müssen. Die Romantik sah genau das kommen: Man wird den Menschen wie mit der Axt zweiteilen zwischen Gefühl und Denken. Goethe konnte darüber klagen, er sah das Maschinenzeitalter auf sich zurollen, fühlte sich relativ hilflos dagegen und beschwor den west-östlichen Divan, beschwor die Lyrik, beschwor die Einheit des Gefühls, der Bilder, der Poesie, um zu glauben: Wenn Menschen das noch empfinden können, sind sie mindestens nicht endgültig verführbar; dann bleibt doch ein Rest von humander Evidenz erhalten.
Das alles ist seit 200 Jahren scheinbar passé, und wir gehen in eine Zukunft hinein, in der Menschen substituierbar werden durch intelligent gewordene Maschinen, die kompensieren sollen, was wir an menschlicher Dummheit und Verrohung uns selbst verordnen. […]
Ich kann das Bild nur wiederholen: Ich halte Intelligenz nicht für etwas, das man menschlich hochschätzen kann und sollte. Zum Teil ist sie Veranlagung, zum Teil ist sie Schulung und Training. Sie ist operationell außerordentlich erfolgreich und tüchtig. Leute können sechs verschiedene Sprachen reden. Sie können auf der politischen Bühne einen hohen Eindruck schinden; sind glänzend als Rhetoriker womöglich. Das alles sagt über sie als Person gar nichts aus.
Der wirkliche Maßstab lautet: Wie vereint sich Gefühl und Denken? Haben wir vor uns eine Persönlichkeit, die in sich geschlossen ist, oder eine, die im Grunde schizophren ist, das heißt doppelbödig, krasser ausgedrückt: im Grunde hinterhältig, verlogen, korrumpierbar oder schon korrupt, also jemanden, der etwas will und, um es anzustreben, dabei die Wahrheit unter die Füße tritt.
Wenn wir vorhin die Frage hatten „Was ist denn mit dem jesuanischen Beispiel?“, dann hätten wir eine solche geschlossene Persönlichkeit, die nichts erreichen will, außer mit ihrer Menschlichkeit anderen dabei zu helfen, wie sie frei werden, wie sie eine Kirche bilden mit einem Krönlein drin. Wenn das so wäre, brauchten wir aber die [folgende] Empfehlung für die Pädagogen, für die Lehrer in den Schulen, für die Dozenten in den Hochschulen. Wir müssten den Studentinnen und Studenten, den Schülerinnen und Schülern sagen: Glaubt an nichts, was ihr nur denken sollt; wenn ihr es nicht verbindet mit starken Motiven eurer Gefühle, ist es allenfalls die halbe oder gar keine Wahrheit. Jede halbe Wahrheit ist eine volle Unwahrheit. Und umgekehrt: Wenn ihr nur etwas fühlt, das sich in Gedanken nicht begründen und rechtfertigen lässt, seid ihr in Gefahr, selbstbezügliche Irrtümer zu begehen oder denen anheim zu fallen. Es muss beides zusammenkommen.

Wir danken Eugen Drewermann für seine Worte und dem Nordwestradio für die neue Sendung (namentlich dem Moderator Heinz-Heinrich Obuch und der Redakteurin Ziphora Robina).

PS: Unsere Kritik an MINT heißt nicht, dass wir die einzelnen Fächer Mathematik, Informatik, Physik, Chemie, Biologie und Technik geringschätzen. Wir wehren uns aber dagegen, dass diese Fächer für falsche Ziele oder für Ziele, die mit einer falschen Priorität verfolgt werden, missbraucht werden. Es macht einen Unterschied, ob es in der Schule vorrangig um Bildung oder vorrangig um die Bildung von Humankapital geht. Es macht einen Unterschied, ob ich ein Kind, einen Jugendlichen sich seiner selbst willen entwickeln lasse oder ob ich in ihm vorrangig eine zukünftige MINT-Fachkraft sehe. Keine Frage: Ein Industrieland braucht Physiker und Techniker. Aber das Leben besteht nicht oder nicht nur aus Autos, Computern und sogenannten Smartphones. Im Übrigen macht es einen Unterschied, ob ich Physik und Technik betreibe, um Waffen herzustellen oder um Solaranlagen zu entwickeln. Außerdem steht zu bezweifeln, ob der Wirtschaftsstandort Deutschland von einseitig ausgebildeten Fachidioten profitiert.

———–
Quellen/Verweise: