Grüne Schulministerin will mit MINT den Industriestandort NRW sichern

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Sylvia Löhrmanns wirtschaftskonforme Schulpolitik steht im Gegensatz zu einem Beschluss ihrer Partei

In zwei Ansprachen aus dem Jahr 2015 hat die von uns hochgeschätzte Ministerin für Schule und Weiterbildung MINT das Wort geredet und damit zum wiederholten Mal gezeigt, dass sie im Schlepptau der Wirtschaft liegt. Die eine Rede hielt Sylvia Löhrmann (Grüne) am 12. Februar 2015 anlässlich des „Schulnetzwerktreffens MINT400“, die andere am 28. Mai 2015 anlässlich der Preisverleihung zum Wettbewerb „MINT-SCHULE NRW“.

In der ersten Rede sagte Löhrmann neben viel weiterem Blabla laut Manuskript:

Noch nie gab es so viele Möglichkeiten, junge Menschen für Mathematik, Naturwissenschaften, für Technik und Informatik oder Ingenieursberufe zu begeistern, wie heute. […]
MINT schafft Zukunft. […] Die Kultusministerkonferenz und die Länder entwickeln den mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterricht seit Jahren weiter und fördern außerdem systematisch die Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften in den MINT-Fächern. Vor dem Hintergrund des Fachkräftebedarfs im naturwissenschaftlich-technischen Bereich hat die Kultusministerkonferenz schon vor einigen Jahren „Empfehlungen zur Stärkung der mathematisch-naturwissenschaftlichen Bildung“ verabschiedet, die sich auf alle Bildungsetappen und auf die Lehrerbildung beziehen.
Eltern, Kindergärten und Schulen können nicht früh genug damit beginnen, das Interesse für naturwissenschaftliche Phänomene und Fragestellungen bei Kindern zu wecken und ihren Forscherdrang nachhaltig zu unterstützen. […] MINT-EC kommt bei dieser positiven Entwicklung deshalb eine Schlüsselrolle zu, weil die beteiligten Schulen Leuchttürme sind, die Orientierung geben.

Dass der Mathematikunterricht — auch zu Lasten des Wirtschaftsstandorts Deutschland — seit Jahren systematisch abgewickelt wird (siehe hier), hat die Ministerin wohl noch nicht mitbekommen. In der zweiten Rede sagte sie laut Manuskript:

Der Begriff „MINT“ wird […] in der Öffentlichkeit, insbesondere von Eltern, Schülerinnen und Schülern sehr bewusst wahrgenommen. Die MINT-Profilbildung einer Schule ist daher ein wichtiger Wettbewerbsfaktor, und das MINT-Gütesiegel genießt auch von Seiten der Schulen eine große Wertschätzung. MINT-Bildung ist aber kein Selbstzweck, kein Baustein einer Schule im Wettbewerb um Schülerinnen und Schüler. MINT-Bildung ist vor allem auch ein wichtiger Motor unserer wirtschaftlichen Entwicklung und eine der Grundlagen unseres Wohlstandes.

Nebenbei bemerkt: Einerseits ist die MINT-Profilbildung einer Schule angeblich ein wichtiger Wettbewerbsfaktor, andererseits ist MINT-Bildung angeblich kein Baustein einer Schule im Wettbewerb um Schülerinnen und Schüler — logisch finden wir das nicht. Weiter sagte die Ministerin:

Sie [die MINT-Bildung] hilft unseren Schülerinnen und Schülern, sich in der technischen Welt besser zu orientieren. Deshalb übernehmen Schulen hier eine ganz wichtige und besondere Rolle: Sie sichern so den Industriestandort Nordrhein-Westfalen und eröffnen gleichzeitig unseren Jugendlichen hervorragende Zukunftsperspektiven – denn entsprechend ausgebildete Schülerinnen und Schüler sind in der Wirtschaft stark gefragt.
Ziel unserer Bemühungen und die unserer Partner aus der Wirtschaft ist es daher, die Zahl qualifizierter Bewerberinnen und Bewerber für technische Ausbildungsberufe und Studienfächer auch weiterhin erkennbar zu steigern. […]
Und auch wir versuchen dafür zu sorgen, dass sich junge Menschen immer früher Informatik [sic!] begeistern.

Es ist bemerkenswert, mit welcher Selbstverständlichkeit und wie ungeniert eine grüne Ministerin MINT das Wort redet. Noch nicht einmal ansatzweise unterscheidet sie zwischen Bildung und Ausbildung. Dieses MINT-Gerede reiht sich ein in die wirtschaftskonforme Schulpoltik der rot-grünen Landesregierung: Diese kooperiert mit der fragwürdigen Bertelsmann-Stiftung; sie orientiert sich an PISA, einer fragwürdigen Studie, hinter der die OECD steckt, eine Organisation, die mit neoliberalen Mitteln versucht, zu einer optimalen Wirtschaftsentwicklung beizutragen; sie orientiert sich ferner am „Bildungsmonitor“, einer fragwürdigen Studie, hinter der die von der Metall- und Elektroindustrie finanzierte „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ steckt (ausführlich hier). Zum wiederholten Mal: Dass der Staat zur Sicherung des Wirtschaftsstandorts Deutschland versucht, Kinder und Jugendliche derart einseitig zu beeinflussen und auf MINT zu trimmen, verträgt sich in unseren Augen nicht mit Artikel 2 des Grundgesetzes: „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit […].“

In krassem Widerspruch zu dieser Schulpolitik steht ein Beschluss, den die Grünen NRW auf ihrem Landesparteirat 2015 in Mülheim an der Ruhr fassten. Darin heißt es an erster Stelle:

Die GRÜNEN in NRW stehen für einen ganzheitlichen Bildungsbegriff, der Bildung als Wert an sich betrachtet und der nicht auf verwertbares Wissen verengt.

Liebe Freundinnen und Freunde von den Grünen, wenn Ihr so etwas beschließt, warum lasst Ihr dann Eurer grünen Ministerin eine Schulpolitik durchgehen, die sich an Interessen der Wirtschaft ausrichtet und dadurch Bildung missbraucht und auf verwertbares Wissen reduziert? — Ok, in demselben Antrag stand auch: „Schulentwicklung ist das Kerngeschäft von Schule.“ Von daher sollten wir nicht zu viel erwarten. Spaß beiseite: Der Vorsitzende der Grünen NRW, Sven Lehmann, sagte auf dem Landesparteirat (hier): „Das Kind steht im Mittelpunkt und nicht die Einrichtungen.“ Zu dieser Widersprüchlichkeit (um nicht zu sagen: Doppelbödigkeit — oder ist es einfach nur Naivität?) fällt uns nichts mehr ein.

Zu ihrem Landesparteitag vom 23. April 2016 in Neuss ist auf den Internetseiten der Grünen NRW zu lesen:

Sylvia steht für die Landtagswahl 2017 bereit

Sylvia Löhrmann, stellvertretende Ministerpräsidentin und bereits 2010 und 2012 unsere Spitzenkandidatin zur Landtagswahl, erklärte auf dem Parteitag ihre Bereitschaft, die Partei auch 2017 in den Landtagswahlkampf als Spitzenkandidatin zu führen: „Wenn ihr möchtet, dass ich in den kommenden Jahren an eurer Seite für ein gerechteres, für ein freies und ein ökologisches Nordrhein-Westfalen streite, dann biete ich Euch meine Leidenschaft und mein Engagement an. Ich bin gerne bereit im nächsten Jahr wieder eure Spitzenkandidatin zu sein, wenn ihr dazu im September ja sagt!“

Die Delegierten nahmen das Angebot mit Standing Ovations am Ende von Sylvias Rede auf.

Standing Ovations? Seid Ihr noch ganz dicht? Wie wäre es mal mit ein paar kritischen Fragen an die stellvertretende Ministerpräsidentin Sylvia? — Wir erwarten offenbar wirklich zu viel.

Für all diejenigen Kultusminister und Grünen-Mitglieder, die vergessen haben, was Bildung ist, hier eine Annäherung an den Begriff durch Hermann Hesse:

Echte Bildung ist nicht Bildung zu irgendeinem Zwecke, sondern sie hat, wie jedes Streben nach dem Vollkommenen, ihren Sinn in sich selbst. So wie das Streben nach körperlicher Kraft, Gewandtheit und Schönheit nicht irgendeinen Endzweck hat, etwa den, uns reich, berühmt und mächtig zu machen, sondern seinen Lohn in sich selbst trägt, indem es unser Lebensgefühl und unser Selbstvertrauen steigert, indem es uns froher und glücklicher macht und uns ein höheres Gefühl von Sicherheit und Gesundheit gibt, ebenso ist auch das Streben nach „Bildung“, das heißt nach geistiger und seelischer Vervollkommnung, nicht ein mühsamer Weg zu irgendwelchen begrenzten Zielen, sondern ein beglückendes und stärkendes Erweitern unseres Bewußtseins, eine Bereicherung unsrer Lebens- und Glücksmöglichkeiten. […] [Echte Bildung] ist nicht Steigerung einzelner Fähigkeiten und Leistungen, sondern sie hilft uns, unserm Leben einen Sinn zu geben, die Vergangenheit zu deuten, der Zukunft in furchtloser Bereitschaft offenzustehen.

Wenn es in den Schulen nicht mehr vorrangig um Bildung, sondern wenn es, wie von Rot-Grün mit Hilfe von MINT forciert, um die Bildung von Humankapital geht, dann ist eine furchtlose Bereitschaft, der Zukunft offenzustehen, in der Tat vonnöten.

PS:
Wie wir gelesen haben, sprach die Ministerin in beiden Reden mehrfach von „Begeisterung“ für und „Interesse“ an den MINT-Fächern. Ein weiteres Zitat:

Ohne Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen, ohne Ihr unermüdliches Engagement und Ihre Begeisterung für den naturwissenschaftlich-technischen Unterricht wäre das alles nicht möglich! […] Ich wünsche Ihnen und Ihren Schülerinnen und Schülern auch weiterhin spannende Erlebnisse mit der Mathematik und den Naturwissenschaften in Ihrem Unterricht.

Die Ministerin hat es wohl noch nicht verstanden: Ein seelenloses, mit Hilfe von Lernstandserhebungen, kleinkariert-kompetenzorientierten Lehrplänen, Zentralabitur und Qualitätsanalyse durch und durch standardisiertes Schulwesen wirkt jedem Interesse, jeder Begeisterung, jeder Spannung, jedem Forscherdrang entgegen. (Ausführlich hier.)

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Quellen/Verweise: