Löhrmanns neue Idee: Wer unter G8 einmal sitzenbleibt, hat G9

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Die Frau macht uns fertig. Wir können nicht mehr. Wir kapitulieren. Wir sind es leid, die orientierungslose, irrsinnige Schulpolitik der NRW-Schulministerin, Sylvia Löhrmann (Grüne), wohlgeordnet und ausführlich zu kommentieren. Wir entschuldigen uns bei unseren Lesern, dass wir ihnen nichts Besseres als die Berichterstattung über Tinnef bieten.

Noch am Dienstag (13. September 2016) meldete der Kölner Stadt-Anzeiger (online) unter der Überschrift „Schulministerin Sylvia Löhrmann verteidigt das Turbo-Abi“:

NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann hält gegen massive Kritik vorerst am Turbo-Abitur nach acht Schuljahren (G8) fest. „Bei meinen Schulbesuchen höre ich immer wieder: »Wir sind froh, dass endlich mal Ruhe eingekehrt ist«“, sagte die Grünen-Politikerin dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Ein ständiges Hin und Her mache Schule nicht besser. Es sei ihre Verantwortung, „den eingeschlagenen Weg mit den Schulen erfolgreich zu gestalten“. […]
Eine eigene klare Neupositionierung lehnt Löhrmann derzeit ab. Damit würde sie alle brüskieren, die am „Runden Tisch“ der Regierung Verbesserungen am G8-Modell erarbeitet, befürwortet und in einem Fazit vom Dezember 2015 für gut befunden hätten. Als Ministerin habe sie einen Auftrag vom Runden Tisch und vom Parlament. „Ehe von dort kein klares Votum ergangen ist, sehe ich weder die Notwendigkeit noch die Legitimation, davon abzuweichen und aktionistisch das Bestehende über Bord zu werfen.“

Einen Tag später (14. September 2016) meldete der Kölner Stadt-Anzeiger (online, „Schulministerin Löhrmann positioniert sich zu G8“):

In acht oder in neun Jahren zum Abitur? Sylvia Löhrmann schlägt nun vor: Jeder wie er will. Die Länge der Schulzeit soll flexibel werden – und zwar an allen Schulformen. Der Grundsatz solle lauten: Jedem Kind seine eigene Lernzeit.
Mit diesem radikalen Konzept stößt die NRW-Schulministerin und grünen Spitzenkandidatin auf massive Kritik oder zumindest auf Skepsis: „Gestern noch plädierte die Schulministerin dafür, dass endlich Ruhe an den Gymnasien einkehren müsse, heute mischt sie Schulen, Lehrer und Eltern mit ihrem Vorschlag der flexiblen Lernzeit für jedes Kind gründlich auf“, sagt die bildungspolitische Sprecherin der FDP-Landtagsfraktion, Yvonne Gebauer.

Am Donnerstag, 15. September 2016, wurde Sylvia Löhrmann im WDR2-Morgenmagazin von dem Moderator Stefan Vogt interviewt (als Stream hier, als mp3-Datei hier). Warnung: Das Interview kann Kopfschütteln, Kopfschmerzen und/oder psychische Verstimmungen auslösen!

Moderator: Jetzt kommt die grüne NRW-Schulministerin mit einer ganz neuen Idee um die Ecke: eine flexible und individuelle Lernzeit für alle Schüler. […] Das heißt konkret, es wird Schüler geben, die in Nordrhein-Westfalen schon nach 11 Jahren das Abi machen, manche erst nach 13 oder 14 Jahren?
Löhrmann: Das ist ja im Grunde schon heute so. Wir haben schon heute das Muster, dass besonders begabte junge Leute überspringen. Die können zum Beispiel in der flexiblen Eingangsphase in der Grundschule nach einem Jahr in Klasse 3, und manche machen dann den G8-Bildungsgang und überspringen dann vielleicht nochmal. Und es gibt halt Schüler, die sind drei Jahre in der ersten Phase der Grundschule und wiederholen möglicherweise ein Jahr, weil sie sitzengeblieben sind, dann sind es 14 Jahre. Also, im Grunde haben wir das schon heute.

Die angeblich neue Idee der Ministerin besteht also in etwas, was wir im Grunde heute schon haben. Wer unter G8 sitzenbleibt, hat G9. Und wer zweimal sitzenbleibt, hat G10. Problem gelöst! Die Frau ist genial. Warum sind wir darauf nicht gekommen?

Heute ist das meist mit dem Gedanken des Scheiterns verbunden. Und ich hab mir einfach überlegt, um aus dieser alten Blockade „Ist jetzt das eine gut oder das andere gut?“ [herauszukommen?], Schule wirklich noch einmal vom Kind aus zu denken und das, was in der Grundschule so gut geht, auch in den weiterführenden Schulen systematisch zu verankern. […]
Jedes Kind ist anders, und deswegen müssen wir davon wegkommen, dass es so klassische Muster gibt, in die Kinder reingepresst werden und passen, oder ob wir nicht — den Grundsatz des Schulkonsenses — die Kinder in den Mittelpunkt stellen und von da aus die Schule, das Lernen gut gestalten, damit jedes Kind gut lernt und zu guten Ergebnissen kommt.

Achso, und weil die Ministerin die Schule „vom Kind aus“ denkt und sie kein Kind in „so klassische Muster reinpressen“ will, setzt sie auf darauf, die Kinder zur Sicherung des Wirtschaftsstandorts NRW auf MINT zu trimmen (vgl. hier) und Schule auf Teufel komm raus zu standardisieren (mit Lernstandserhebungen, mit rigoros-kleinkarierten Lehrplänen, die sie von der OECD einleiten lässt, und mit dem Zentralabitur). Und für jeden Oberstufenschüler gibt es zwangsweise den GTR, weil die sich den schon von klein auf zu Weihnachten gewünscht haben. Alles klar. Nein, die Ministerin stellt nicht die Kinder in den Mittelpunkt, sondern ihren Machterhalt.

Moderator: Sie machen da ein völlig neues Modell auf. Wie soll das organisatorisch funktionieren? Dafür brauchen Sie mehr Lehrer, mehr Klassenräume, mehr Personal.
Löhrmann: Ehm, überhaupt nicht zwingend, es werden ja nicht mehr Kinder dadurch, sondern wir haben ja heute schon welche, die schneller sind, und andere, die etwas langsamer sind. Wir haben schon heute achtjährige Bildungsgänge und neunjährige Bildungsgänge.

Wo sie recht hat, hat sie recht: Durch Löhrmanns „neues Modell“ entstehen nicht mehr Kinder. Aber offenbar geht die Ministerin davon aus, dass dieses Modell nicht dazu führt, dass nennenswert mehr Kinder ein Jahr länger zur Schule gehen. Dafür bräuchte es nämlich mehr Personal. Welchen Nutzen hat dann das Modell?

Moderator: Aber die [Schüler] müssen individuell gefördert werden, so versteh ich das.
Löhrmann: Ganz genau! Und das steht schon heute im Schulgesetz. Und deswegen ist es wichtig, dass wir das viel mehr noch mit Leben füllen.

Papier ist geduldig. Im Grundgesetz heißt es auch: „Außer zur Verteidigung dürfen die Streitkräfte nur eingesetzt werden, soweit dieses Grundgesetz es ausdrücklich zuläßt.“ Aber die Ministerin meint wohl: Wenn’s im Gesetz steht, erfüllt sich das mit der individuellen Förderung von selber — genauso wie der Rechtsanspruch von Eltern auf Kleinkindbetreuung. Angesichts von Klassen mit 30 Schülern ist es ein Witz, von individueller Förderung zu sprechen. Jede Masseurin, jeder Friseur, jeder Saunameister hat mehr Zeit, sich neben der Hauptaufgabe mit seinen/ihren Kunden bzw. Gästen zu unterhalten, als ein Lehrer Zeit hat, sich um seine Schüler zu kümmern. Keine private Nachhilfeschule fasst ihre Nachhilfeschüler in Gruppen zu 20 – 30 Personen zusammen.

Deshalb hilft vielleicht dieser Vorstoß von mir, doch wieder eine gemeinsame Linie zu finden zwischen allen Beteiligten, denen es um gute Schule für unsere Kinder und Jugendlichen geht.
[…]
Ich will als Ministerin mit dem Runden Tisch vernünftig weiter arbeiten. […] Und alle überlegen im Vorfeld der Landtagswahlen: Wie kommen wir aus dieser vermeintlichen Blockade, aus diesem Richtig oder Falsch raus? Und da hab ich mich hingesetzt und hab überlegt: Lasst uns noch mal ganz neu denken! Ich war in Skandinavien, hab mir das angeguckt, in der Schweiz gibt es solche flexiblen Modelle. Vielleicht hilft dieser Vorstoß, dass wir gemeinsam nach vorne kommen und gute Schule für Nordrhein-Westfalen gestalten, für die Kinder und Jugendlichen.

Nein, dieser Vorstoß hilft nicht. Auf wdr.de ist zu lesen:

„Ich konnte da noch nicht einmal drüber lachen“, sagt Dieter Cohnen von der Landeselternschaft der Gymnasien in NRW im WDR 5 Morgenecho. […] Die Landeselternschaft habe in ihrem Forderungskatalog an Schulministerin Löhrmann eingebracht, dass 80 Prozent der Eltern G9 wollten, 20 Prozent G8. „Wir wollen, dass die Möglichkeit, schnell zum Abitur zu kommen, gegeben wird, aber wir können deswegen doch nicht gleich das ganze Schulsystem aufbrechen.“ Der Weg zurück zu G9 sollte im Schulministerium vorbereitet werden – „und nicht ein dritter, vierter oder fünfter Weg“, fordert Cohnen.

Statt „ganz neu“ hat die Ministerin mal wieder voll daneben gedacht. Wir empfehlen dringend: Lieber Schule intakt lesen (und den Herausgeber zum Chefberater ernennen), anstatt nach Skandinavien zu reisen!

Wer nach all dem Löhrmann-Driss etwas zur seelischen Erbauung braucht, für den haben wir Amy Macdonald („Higher and Higher“):