MINT-Babys aus NRW sollen Wirtschaftsstandort Deutschland sichern

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In unserem ersten Beitrag über MINT haben wir es versäumt, darauf hinzuweisen, dass es nicht nur bundesweite, sondern auch auf NRW beschränkte MINT-Projekte und -Initiativen gibt. Hierzu ein paar Informationen:

Auf der Homepage des Bildungswerks der Nordrhein-Westfälischen Wirtschaft stößt man auf das sogenannte Netzwerk „SCHULEWIRTSCHAFT Nordrhein-Westfalen“. Dazu heißt es dort:

SCHULEWIRTSCHAFT versteht sich als ein Netzwerk für die partnerschaftliche Zusammenarbeit von Schulen und Betrieben. […] Auf Landesebene und in den Regionen NRWs sind das Bildungswerk der nordrhein-westfälischen Wirtschaft, BWNRW, sowie die regionalen Unternehmensverbände Träger von SCHULEWIRTSCHAFT. Themenschwerpunkte der SCHULEWIRTSCHAFT-Aktivitäten sind die „MINT-Bildung“, die „Berufsorientierung“ und die „Ökomische Bildung“ [sic!].

Zur „MINT-Bildung“ ist zu lesen:

Die Förderung der MINT-Bildung entlang der gesamten Bildungskette ist ein zentrales Anliegen von SCHULEWIRTSCHAFT NRW. Viele Schulen benötigen dringend MINT-Lehrkräfte für die Fächer Mathematik, Chemie, Technik oder Physik. Zahlreiche Unternehmen beklagen einen Mangel an MINT-Fachkräften und MINT-Akademikern. Überdies leistet die MINT-Bildung einen wichtigen Beitrag zur Allgemeinbildung. […]

Seit mehr als 10 Jahren engagieren sich die Landesvereinigung der Unternehmensverbände NRW e.V., unternehmer nrw, sowie der Verband der Metall- und Elektro-Industrie NRW, METALL NRW, für die Stärkung der MINT-Bildung.

2012 wurden alle MINT-Projekte und Veranstaltungsangebote für den Vorschulbereich, den Primarbereich sowie die Bereiche Sekundarstufe I und II unter dem Dach von SCHULEWIRTSCHAFT NRW in einem Themenschwerpunkt „MINT-Bildung“ zusammengeführt.

Zur sogenannten MINT-Früherziehung heißt es:

Die Förderung der MINT-Bildung setzt im Kindergarten an, denn naturgemäß richten Kinder bereits im Vorschulalter viele „MINT-Fragen“ an die Erwachsenen in ihrer Umgebung.
Um Vorschulkinder bei der Erkundung einfacher naturwissenschaftlicher Phänomene kindgerecht unterstützen zu können, bieten SCHULEWIRTSCHAFT NRW und unternehmer nrw spezielle Fortbildungen für Erzieherinnen und Erzieher an. Seit 2006 konnten 4.450 Erzieherinnen in NRW fortgebildet werden.

Auf den Internetseiten der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) ist zu lesen:

Die Unternehmensverbände in NRW fördern mit verschiedenen Projekten die MINT-Bildung (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) vom Kindergarten bis zur gymnasialen Oberstufe. […]
„Um den Mangel an technischen Fachkräften zu beheben, müssen junge Menschen frühzeitig an Naturwissenschaften und Technik herangeführt werden. […]“, so erklärt Dr. Hans-Jürgen Forst, Vorstandsmitglied unternehmer nrw, das Engagement der Unternehmensverbände. […]

Um die Begeisterung für die MINT-Fächer entlang der gesamten „Bildungskette“ zu fördern, haben die Unternehmensverbände 2006 für Grundschulen in NRW das Projekt MINIPHÄNOMENTA gestartet. […]

Zur Förderung der MINT-Bildung in den weiterführenden Schulen bieten die Unternehmensverbände die Projekte MINT-EC (für Gesamtschulen und Gymnasien), MINT-REAL (für Realschulen) und seit 2009 MINT-HAUPT (für Hauptschulen) an.

Die rot-grüne Landesregierung Nordrhein-Westfalen ist ganz auf Linie der Unternehmens- und Arbeitgeberverbände. Sie ist Herausgeberin der Internetseiten „NRW 4.0. Lernen im Digitalen Wandel“. Dort ist am 15. Januar 2016 ein Beitrag von Klaus Bömken („zdi.NRW: Ohne MINT, kein digitaler Wandel!“) erschienen. Bömken gehört der „Landesinitiative Zukunft durch Innovation.NRW“ (zdi) an. Deren Geschäftsstelle arbeitet laut eigenen Angaben im Auftrag des Ministeriums für Innovation, Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen. Bömken schreibt in seinem Artikel:

Woher kommen die Fachkräfte für den digitalen Wandel? […] Wie erreichen wir die gesamte Bildungskette für die Gewinnung der Fachkräfte von morgen? […] Können wir es uns leisten, ein großes Potential von Mädchen, jungen Frauen oder Jugendlichen mit Migrationshintergrund für die MINT-Fächer weiterhin ungenutzt zu lassen?

Die Gemeinschaftsoffensive „Zukunft durch Innovation.NRW“, kurz zdi, ist eine Initiative zur Förderung des naturwissenschaftlichen und technischen Nachwuchses in Nordrhein-Westfalen. Denn das Land braucht MINT. […] Auf Landesebene unterstützen gleich mehrere Ministerien (Wissenschaft, Schule und Wirtschaft); die Federführung liegt beim Wissenschaftsministerium. Die Regionaldirektion NRW der Bundesagentur für Arbeit setzt einen Großteil der Maßnahmen zur vertiefen Berufs- und Studienorientierung im MINT-Bereich über zdi um. Europaweit ist diese Art der MINT-Nachwuchsförderung einzigartig. […]
Die Programme und Projekte wollen Schülerinnen und Schüler möglichst früh mit MINT in Kontakt bringen. Ob Forscherprojekte im Kindergarten oder die erste eigene programmierte App in der Schulzeit – zdi will Kindern und Jugendlichen ermöglichen, ihre Talente und Fähigkeiten zu entdecken und bietet MINT-Erfahrungen jenseits des klassischen Schulunterrichts. […]
Mit Angeboten wie Roboter-Wettbewerben oder Projektwochen nur für Mädchen will das Programm zudem Mädchen und junge Frauen gezielt ansprechen und den Anteil von Studentinnen und Auszubildenden im MINT-Bereich erhöhen. […]
Für Unternehmen ist Nachwuchssicherung im naturwissenschaftlichen und technischen Bereich unerlässlich. Schon heute spüren die starken Industrie-regionen und vor allem kleine und mittlere Unternehmen (KMU) in NRW den Fachkräftemangel. zdi ermöglicht Unternehmen schon früh, talentierte Bewerber kennenzulernen und den Nachwuchs auf den eigenen Betrieb aufmerksam zu machen.

Insbesondere die grüne Ministerin für Schule und Weiterbildung, Sylvia Löhrmann, ist im Schlepptau der Wirtschaft. 2014 war Löhrmann Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK). In einer Pressemitteilung der KMK vom 13. November 2014 heißt es:

Die KMK-Präsidentin betonte die überragende Bedeutung von Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT) für die Innovationskraft und die internationale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands: „Naturwissenschaftliche Bildung ist ein Schlüssel für die Zukunftssicherung unseres Landes. Die Schulen legen dazu den Grundstein. […]“

Droht Deutschland ohne MINT, insbesondere ohne den GTR, unterzugehen? Vor wem müssen wir Angst haben? Vor den Chinesen oder, hier in Nordrhein-Westfalen, vor den Holländern? — Sylvia, rette uns!

Wie man sieht, sollen die MINT-Babys aus NRW den Wirtschaftsstandort Deutschland sichern. Dieser staatlich unterstützte Versuch, auf Heranwachsende von kleinauf einseitig Einfluss auszuüben, verträgt sich in unseren Augen nicht mit Artikel 2 des Grundgesetzes: „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit […].“ Statt von Bildungskette sollte man ehrlicherweise lieber von Humankapitalproduktionskette sprechen.

PS
Wir wiederholen das Postscriptum aus einem vorherigen Beitrag: Unsere Kritik an MINT heißt nicht, dass wir die einzelnen Fächer Mathematik, Informatik, Physik, Chemie, Biologie und Technik geringschätzen. Wir wehren uns aber dagegen, dass diese Fächer für falsche Ziele oder für Ziele, die mit einer falschen Priorität verfolgt werden, missbraucht werden. Es macht einen Unterschied, ob es in der Schule vorrangig um Bildung oder vorrangig um die Bildung von Humankapital geht. Es macht einen Unterschied, ob ich ein Kind, einen Jugendlichen sich seiner selbst willen entwickeln lasse oder ob ich in ihm vorrangig eine zukünftige MINT-Fachkraft sehe. Keine Frage: Ein Industrieland braucht Physiker und Techniker. Aber das Leben besteht nicht oder nicht nur aus Autos, Computern und sogenannten Smartphones. Im Übrigen macht es einen Unterschied, ob ich Physik und Technik betreibe, um Waffen herzustellen oder um Solaranlagen zu entwickeln. Außerdem steht zu bezweifeln, ob der Wirtschaftsstandort Deutschland von einseitig ausgebildeten Fachidioten profitiert.

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Quellen: