Schon wieder flächendeckende unkritische Berichterstattung — diesmal über TIMSS

Download PDF

Wer trotz unserer Beiträge zu Johanna Wankas „Digitalpakt“ und zum IQB-„Bildungstrend“ (19.10. bzw. 02.11.2016) immer noch glaubt, die Massenmedien würden kritisch und gründlich berichten und wären nicht gleichgerichtet, für den haben wir ein weiteres Gegenbeispiel. Dieses soll vorerst das letzte sein — wir haben wirklich keine Lust mehr. Bis auf Weiteres sind wir der Überzeugung, dass die meisten Massenmedien im Allgemeinen oberflächlich, unkritisch und gleichgerichtet über Schul-, Bildungs- und andere Themen berichten. Erst am Freitag schrieben Paul Steinhardt und Heiner Flassbeck, dass „die meisten Medien heute eher Public Relations Agenturen sind als kritische Begleiter des demokratischen Willensbildungsprozesses“ (makroskop.eu).

Zur Sache. Wenn die dämliche Studie nicht „TIMSS“, sondern „TINNEF“ oder „SHIT“ heißen würde, dann wäre wenigstens der Name amüsant. So aber kriegen wir schon beim Lesen dieser Buchstabenfolge Pickel. Irgendwer muss in den vergangenen Tagen irgendwo die Ergebnisse von „TIMSS 2015“ vorgestellt haben; vielleicht wurde auch nur ein Knopf gedrückt und eine Pressemitteilung ging per Rundmail an die Redaktionen sämtlicher Presseagenturen, Zeitungen und Rundfunkhäuser, die dann nichts Besseres damit anfangen wussten, als sie zu verbreiten.

Was ist TIMSS? Auf der Homepage der obersten Bildungsbürokraten, also der Kultusministerkonferenz (KMK), ist zu lesen:

TIMSS (Trends in International Mathematics and Science Study) erfasst das mathematische und naturwissenschaftliche Grundverständnis von Schülerinnen und Schülern am Ende der 4. Jahrgangsstufe in einem vierjährigen Rhythmus. Auf internationaler Ebene ist die International Association for the Evaluation of Educational Achievement (IEA) Initiator und unter Leitung des International Study Center verantwortlich für die Organisation.

Die Durchführung der Untersuchungen TIMSS 2007, TIMSS 2011 und TIMSS 2015 oblag in Deutschland dem Institut für Schulentwicklungsforschung (IfS), Technische Universität Dortmund, jeweils unter wissenschaftlicher Leitung von Prof. Dr. Wilfried Bos. […] Die Kultusministerkonferenz hat im Oktober 2016 die Teilnahme an TIMSS 2019 beschlossen.

TIMSS ist also eine weitere fragwürdige Schulleistungsvergleichstudie und damit Teil des fragwürdigen Bildungsmonitorings und der McDonaldisierung des Schulwesens. Wilfried Bos scheint ein Didaktor ersten Ranges und oberster Helfershelfer der KMK zu sein. (Zur Erinnerung: Zu den Didaktoren gehören nach Definition von Franz Lemmermeyer Didaktiker, die fast gar nie unterrichtet haben, aber trotzdem besser als alle Lehrer wissen, was guter Unterricht ist.) Laut Lebenslauf hat Bos die Volksschule in Haltern besucht und später ein Diplom in Erziehungswissenschaft von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster erhalten (Abschlussarbeit zum Thema „Zentrale Werte chinesischer Identität“). Den Internetseiten der TU Dortmund zufolge gehört die „pädagogische Chinaforschung“ zu seinen Arbeitsschwerpunkten. Wir wollen nicht wissen, was das ist, fragen uns dennoch, ob es dasselbe wie chinesische Pädagogikforschung ist — „Pädagogik und Didaktik sind als universitäre Fächer zum Kotzen. Sie haben einen solchen Minderwertigkeitskomplex gegenüber den richtigen Fächern, dass sie sich um höchstes Niveau bemühen und so abgehoben und unverständlich werden, dass man mit ihnen nichts anfangen kann“ (Wolf Wagner). Das nur nebenbei.

Wir wiederholen uns: Dass die McDonaldisierung und das Bildungsmonitoring höchst fragwürdig sind, haben wir in unseren Grundsatzartikeln „McDonaldisierung des Schulwesens durch ‚Bildungsstandards'“ und „Bildung und Schule unter dem Regime von PISA, Bertelsmann & Co.“ gezeigt. Bildung lässt sich nicht standardisieren. Bereits 2009 schrieb Richard Münch („Bildung und Wissenschaft unter dem Regime von PISA, McKinsey & Co.“, Suhrkamp, S. 80f):

Die Kultusminister der Länder begeistern sich inzwischen für bundesweit einheitliche Bildungsstandards. […] Die dunkle Seite dieses Programms ist die Abrichtung der Lehrer auf das Einpauken standardisierter Prüfungsaufgaben, gleichzeitig werden die Schüler zu konditionierten Lernmaschinen. Auf der Strecke bleibt die Bildung als kreativer Teil der Persönlichkeitsentwicklung. Der Mensch wird zum Punktejäger gemacht. […] Allerdings hat dieses Programm keinen nachweisbaren Nutzen für Schüler, Lehrer oder die Gesellschaft, da es nicht zur Erweiterung des verfügbaren Potenzials an Wissen beiträgt.

Münch schreibt ferner (S. 48f):

Der PISA-Test „misst“ nämlich nicht einfach Leistungsunterschiede zwischen den teilnehmenden Ländern, vielmehr konstruiert er diese Unterschiede, indem er die Diversität nationaler Bildungstraditionen ignoriert. […] Ein simples, methodisch fragwürdiges Testverfahren erzeugt somit eine globale Statushierarchie, ohne dass die Legitimität dieses Verfahrens überhaupt debattiert würde.

Sollte es bei TIMSS anders sein?

In unserem Beitrag „McDonaldisierung des Schulwesens durch ‚Bildungsstandards'“ haben wir den Bildungsforscher Volker Ladenthin zitiert, der in einem Interview mit der NRZ (17.11.2007) sagte:

Alle Schulbesuche der letzten Zeit zeigen mir: Unterricht dreht sich immer weniger um jene Inhalte, die bedeutsam sind, und widmet sich immer mehr dem Training von Kompetenzen, die man überprüfen kann. Bedeutsamkeit wird durch Überprüfbarkeit ersetzt. Im Unterricht nach PISA liest man Kurzgeschichten nicht, weil Schriftsteller Heranwachsenden helfen können, die wichtigen Lebensfragen immer differenzierter zu thematisieren — sondern um herauszufinden, ob Schüler formale Teilkompetenzen entwickelt haben. […]
Standardisierung ist die Idee der industriellen Produktion: Man will die Dinge vergleichbar machen. Dann kann man sie besser tauschen und austauschen. Bei Autos und Computern ist das vielleicht ja hilfreich. Nicht aber bei Menschen. Die wollen nämlich unterschiedlich sein. Und sie sind auch unterschiedlich. […]

Wofür sind diese empirischen Erhebungen [z. B. PISA, A.R.] eigentlich wichtig? Die Missstände an deutschen Schulen kennen alle Eltern, alle Lehrer und alle Schüler sehr genau. Sie erfahren sie jeden Tag: Zu große Klassen; mit Bürokratie überlastete Lehrer, die Mangel verwalten, aber keine Zeit mehr haben, ihre Schüler an bedeutsamen Inhalten zu bilden; ein immer maßloser werdendes Test- und Kontrollwesen; Unterricht, der immer mehr auf die angeordneten Tests ausgerichtet wird; fragwürdige räumliche Bedingungen; […]. Um diese Missstände zu bemerken, braucht es keine teure Studie. Man kann einfach die nächste Schule an der Ecke besuchen.

Trotz dieser Worte sind die meisten Massenmedien weit davon entfernt, die TIMSS-Studie und allgemein das Bildungsmonitoring zu hinterfragen. Statt die nächste Schule an der Ecke zu besuchen (und zwar nicht nur, wenn ein Theaterstück aufgeführt wird) oder über rechtswidrige Prüfungen im NRW-Zentralabitur zu berichten oder über den untauglichen und überflüssigen GTR und die Abwicklung des Mathematikunterrichts zu schreiben, besuchen Journalisten offenbar lieber Pressekonferenzen und verbreiten Pressemitteilungen. Es überwiegt unserem Eindruck nach die unkritische oberflächliche Berichterstattung — als ob TIMSS und PISA das Maß aller Dinge wären. Ein paar Beispiele:

  • Die Aachener Nachrichten vom 30. November 2016 berichten vierspaltig auf Seite 1 unter der Überschrift und Unterzeile „Studie: Mathe macht Grundschülern das Leben schwer. Experten haben festgestellt, dass Kinder hierzulande ganz gerne zur Schule gehen, aber international etwas im Rückstand sind“. In dem Bericht des Hagen Strauß aus Berlin heißt es:

    Die Schülerschaft in Deutschland sei „herausfordernder“ geworden, meinen Experten. Das schlägt sich offenkundig auch bei den Leistungen nieder. Während in anderen Ländern die Grundschüler der vierten Klasse Mathematik und den Naturwissenschaften deutlich besser geworden sind, stehen laut der internationalen Bildungsstudie TIMSS ihre Altersgenossen hierzulande schlechter da als noch 2011.

    Sind deutsche Schüler Mathe-Muffel?
    Danach sieht es aus. Die Schüler anderer Länder sind leistungsstärker geworden […]. Auch die Kinder in Staaten wie Dänemark, Niederlande, England, Ungarn oder Slowenien haben leistungsmäßig „deutlich zugelegt“, so der Dortmunder Bildungsforscher Wilfried Bos.

    Nur weil manche deutsche Grundschüler bei TIMSS nicht so gut abgeschnitten haben, macht Mathe ihnen gleich das Leben schwer? — Das hoffen wir mal nicht. Wie kommt der Autor darauf, dass deutsche Schüler Mathe-Muffel seien? Nur weil sie angeblich nicht so „leistungsstark“ sind? Wo ist da die Logik? (Laut dtv-Wörterbuch der deutschen Sprache bedeutet „muffelig“ unter anderem „mürrisch“, „verdrießlich“. Ein Muffel ist laut Duden ein mürrischer Mensch.) Oder steht „Mathe-Muffel“ nicht für jemanden, der keinen Bock auf Mathe hat, sondern verhüllend für „Mathe-Depp“ oder „Mathe-Idiot“?

    Hagen Strauß ist laut xing.com bundespolitischer Korrespondent für 21 Regionalzeitungen. Laut newspool.de arbeitet er im Berliner Büro der Berliner Medien Service GmbH (BMS). Über dieses Berliner Büro heißt es an selber Stelle:

    Das Berliner Büro unter dem Dach vom BMS versorgt die Regionalzeitungen der Saarbrücker Zeitungsgruppe täglich mit hochwertiger Parlamentsberichterstattung aus Berlin. Zu diesen Blättern gehören die Saarbrücker Zeitung, der Pfälzische Merkur in Zweibrücken, die Lausitzer Rundschau in Cottbus und der Trierische Volksfreund. Auch außerhalb der Saarbrücker Gruppe sind inzwischen namhafte Regionalzeitungen Kunde des Berliner Büros vom BMS: Offenburger Tageblatt, Pirmasenser Zeitung, Aachener Nachrichten, Ludwigsburger Kreiszeitung, Pforzheimer Zeitung, Nordsee-Zeitung, Wetzlarer Neue Zeitung, Tageblatt (Luxemburg), Westdeutsche Zeitung, Solinger Tageblatt, Remscheider General-Anzeiger, Main-Echo, Westfalen-Blatt, Hessische Niedersächsische Allgemeine, Mannheimer Morgen, Weinheimer Nachrichten und Odenwälder Zeitung.

    So verwundert es nicht, wenn auch die Saarbrücker Zeitung (online, 30. November 2016) titelt: „Mathe macht Grundschülern das Leben schwer“ und dort der SZ-Korrespondent Hagen Strauß „zentrale Fragen beantwortet“, wobei von „beantworten“ nicht immer die Rede sein kann.

  • Der Kölner Stadt-Anzeiger („Grundschüler schneiden in Mathematik schlecht ab“, 30. November 2016) schreibt auf Seite 1:

    Im internationalen Vergleich stagnieren die Leistungen deutscher Grundschüler in Mathematik.

    Auf Seite 22 findet sich ein fünfspaltiger Artikel von Tobias Peter: „Scheitern an den einfachsten Aufgaben“. Derselbe Text findet sich unter dem Titel „Deutsche Kinder sind schlecht in Mathe“ in der Berliner Zeitung (online, 29. November 2016). Der erste Satz lautet:

    Die deutschen Grundschüler haben Probleme in Mathe.

    Nie würden wir behaupten: „Die deutschen Journalisten haben Probleme mit kritischer Berichterstattung“, weil dies unserem Sprachverständnis nach so viel heißt wie „Alle Journalisten haben Probleme mit kritischer Berichterstattung“ — im Gegensatz zu der Version ohne bestimmten Artikel: „Deutsche Journalisten haben Probleme mit kritischer Berichterstattung.“ Aber vielleicht sind wir an dieser Stelle zu spitzfindig. (Falls ja: Gibt es kundige Deutschlehrer unter unseren Lesern, die uns die Bedeutung des bestimmten Artikel „die“ (Plural) in diesem Zusammenhang erklären können?)

    Wie auch immer, der Beitrag enthält keine Kritik an TIMSS. Genauso wenig wie der Kommentar „Schlussfolgerungen aus der Timss-Studie. Für eine Kultur der offenen Tür“ auf derselben Seite, ebenfalls von Tobias Peter. Auch hier finden wir gleich den ersten Satz merkwürdig: „Von unseren Schülern erwarten wir, dass sie stets Neues lernen“, möchten uns aber nicht weiter den Kopf darüber zerbrechen. In dem Kommentar heißt es ferner:

    Anderen Ländern ist es schließlich gelungen, die Mathefähigkeiten ihrer Grundschüler in den vergangenen Jahren zu verbessern […]. Überhaupt gilt: Schule ist ein lebendiger Organismus, der sich auf die jeweiligen Herausforderungen einstellen muss. Er höre in Deutschland immer den Satz, die Schule könne nicht die Probleme der Gesellschaft lösen, sagte einmal der OECD-Bildungsexperte Andreas Schleicher. Und ergänzte treffend: „Welche Probleme soll sie denn sonst lösen?“

    Im Ernst? Die Schule kann und soll die (!) Probleme der Gesellschaft lösen? Arbeitslosigkeit, soziale Ungleichheit, Armut, Niedriglohnsektor, Stress, Vandalismus, Umweltverschmutzung, Kriminalität, geringe Wahlbeteiligung und Politik(er)verdrossenheit, Drogenmissbrauch, Integration von Flüchtlingen, Energiewende, unkritische Berichterstattung gleichgerichteter Massenmedien, Korruption, Eurokrise, Ökonomisierung der Gesellschaft — diese Probleme soll und kann Schule lösen? Im TIMSS-Ranking stehen unter anderem Russland und die USA ein paar Pünktchen besser da als Deutschland. Werden in jenen Ländern die Probleme der Gesellschaft besser gelöst als hierzulande? In den „TIMSS-Spitzenreiter“-Ländern Singapur, Südkorea und Japan löst Schule die Probleme der Gesellschaft?

    Schnell weiter im Text des Kommentars:

    Timss zeigt: Starke und Schwache werden in Deutschland nicht optimal gefördert. Deshalb sind Politiker, Wissenschaftler und Schulpraktiker einmal mehr gefordert, zu schauen, was andere Länder besser machen. Da ist nicht alles gleichzusetzen, aber eines lässt sich jetzt schon sagen: Es tut dem hiesigen Unterricht nicht gut, dass Lehrer ein so einsamer Beruf ist. Gebraucht wird eine Kultur der offenen Tür, der gegenseitige Unterrichtsbesuch von Kollegen sollte selbstverständlich werden.

    Was versteht der Autor unter „optimaler Förderung“? Wo gibt es die? Zu welchem Preis? Davon abgesehen haben wir uns gefragt, warum der Autor zum Schluss kommt, „der gegenseitige Unterrichtsbesuch von Kollegen sollte selbstverständlich werden“. Wir haben zwar mal davon gehört, dass die sogenannte kollegiale Hospitation in Mode gekommen ist — aber auf welcher Grundlage ergibt sich diese Forderung (oder Schlussfolgerung) aus der TIMSS-Studie? — Die Antwort findet sich in dem zuerst erwähnten Artikel „Scheitern an den einfachsten Aufgaben“:

    [Wilfried] Bos lieferte nur den Befund — was andere besser machten, könne man aus den Daten nicht herauslesen, sagte er. Bildungsforscher wie der OECD-Experte Andreas Schleicher (Paris) hatten in der Vergangenheit zum Beispiel bemängelt, in deutschen Klassenzimmern fehle es an gegenseitigen Unterrichtsbesuchen der Lehrer und gemeinsamer Stundenvorbereitung.

    Daher weht der Wind. Wie wäre es, wenn der eine oder andere Journalist hin und wieder an Stelle einer Pressekonferenz den alltäglichen Unterricht an einer deutschen Schule besuchen würde? Das täte einer kritischen, aufklärenden, realitätsnahen Berichterstattung über Schule und Bildung gut. Ein solcher Journalismus würde vielleicht dazu beitragen, Probleme der Gesellschaft zu lösen — anstatt sie zu kaschieren.

    Tobias Peter arbeitet übrigens für die DuMont-Hauptstadtredaktion und hat in Dortmund und Washington als Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes Journalistik und Politikwissenschaften studiert (laut DuMont Redaktionsgemeinschaft).

  • Auf Seite 1 der Süddeutschen Zeitung vom 30. November 2016 findet sich die kleine Meldung „Schlechte Mathe-Noten für Viertklässler“. Auf Seite 6 dann vierspaltig der Beitrag „Unter dem Durchschnitt. Grundschüler sind schwach in Mathematik – im internationalen Vergleich rutscht Deutschland ab“ einschließlich des TIMSS-Rankings („Ostasien vorn“). Fett gedruckt ist zu lesen:

    Wir können „es uns nicht mehr leisten, Potenziale ungenutzt zu lassen“, sagt Bildungsforscher Bos.

    Es ist viel zu wenig, wenn am Ende des Beitrags „immerhin“ Udo Beckmann, Vorsitzender des Verbands Bildungs und Erziehung, zu Wort kommt:

    „[…] Außerdem hätte die Politik längst dafür sorgen müssen, dass die Lerngruppen kleiner werden als 24 bis 28 Kinder“, so Beckmann. Da nütze es nichts, wenn ein Test den anderen jage.

  • WDR 5 berichtete in der Sendung „Leonardo“ vom 29. November 2016 über TIMSS.

    Oberflächlicher und weniger kritisch geht’s nicht.

  • Die Westdeutsche Zeitung (online, 29. November 2016) schreibt unter der Überschrift „Studie: Deutsche Grundschüler sind Mathe-Muffel“:

    Berlin (dpa) – Deutschlands Grundschüler haben besorgniserregende Probleme mit Mathematik.

    Wir finden eher die Probleme manches Journalisten mit kritischer Berichterstattung besorgniserregend.

  • Tagesschau.de (29.11.2016, „Deutsche Schüler nur Mittelmaß in Mathe“) meldet:

    Deutsche Viertklässler sind im internationalen Vergleich nur Mittelmaß in Mathe und in Naturwissenschaften. Das belegt die internationale Vergleichsstudie TIMSS. Viele andere Staaten schneiden deutlich besser ab.

    Deutschlands Grundschüler haben besorgniserregende Probleme mit Mathematik. In diesem Unterrichtsfach sind sie laut Bildungsstudie TIMSS im internationalen Vergleich abgerutscht und liegen nun unterhalb des EU-Durchschnitts.

  • Die Zeit (online, 29. November 2016) schreibt unter der Überschrift „Mathe ist ein Problem für deutsche Grundschüler“:

    Im internationalen Vergleich liegen deutsche Schüler unter dem EU-Durchschnitt. Der Unterschied in Naturwissenschaften zwischen Mädchen und Jungen verringert sich.

    Kritische Berichterstattung ist ein Problem für deutsche Journalisten.

  • Spiegel online (29. November 2016) schreibt unter der Überschrift „Deutsche Grundschüler haben ein Mathe-Problem“:

    Zu viele Grundschüler erreichen nicht einmal das mittlere Leistungsniveau: In Mathe steht Deutschland laut einer aktuellen Studie schlechter da als viele andere EU-Staaten, Tendenz fallend.
    Alle kennen Pisa. Aber für ihr Teilgebiet ist die Timss-Studie ebenso interessant: Sie misst und vergleicht die Leistungen von Schülern im Fach Mathe und in den Naturwissenschaften, und zwar jeweils zum Ende der vierten Klasse. Am Dienstag wurde die aktuelle Timss-Studie mit Ergebnissen von 2015 vorgestellt.

    Das wichtigste Ergebnis: Die Grundschüler in Deutschland haben Probleme mit Mathe. Und sie sind im Vergleich zur Vorgängerstudie von 2011 sogar weiter abgerutscht, sie liegen nun auf dem Niveau von 2007. Immerhin: In den Naturwissenschaften konnte der Stand der Vorjahre etwa gehalten werden.

  • Deutschlandradio Kultur meldet („Warum so wenige Schüler stark in Mathe sind“, 29. November 2016):

    Deutschland ist ein Abstiegskandidat − jedenfalls bei den Mathe-Kenntnissen seiner Viertklässler. Die neue TIMSS-Studie legt nach Meinung von Fachleuten einige Versäumnisse offen.

    Mathe? Geht so. Trotz einer Vielzahl von Schulreformen in den letzten Jahren sind deutsche Grundschüler in ihren Mathematik-Leistungen seit 2007 leicht abgerutscht, auf europäischer Ebene erreichen sie weiterhin nur das Mittelfeld.

  • In der Rhein-Necker-Zeitung (online) fanden wir einen Artikel, dessen Titel Hoffnung auf einen kritischen Kommentar machte: „«Testeritis» im Bildungssystem: Ein Feuerwerk von Daten und Trends“. In der Einleitung heißt es:

    Berlin (dpa) – Ende Oktober der IQB-Bildungstrend mit regionalen Daten zu den Neuntklässlern, heute nun TIMSS zur Kompetenz von Grundschülern in Mathe und Naturwissenschaften, nächste Woche PISA-Noten der 15-Jährigen: Die «Testeritis» im Bildungswesen kulminiert zum Jahresende in einem Feuerwerk von Zahlen, Trends und Empfehlungen, wie Schule funktionieren sollte, um möglichst alle mitzunehmen und Chancengerechtigkeit zu garantieren.

    Was folgte, war aber keineswegs ein kritischer Kommentar, sondern ein wie bei den anderen Medien üblicher oberflächlicher Bericht über TIMSS 2015:

    Der Test ist international angelegt und gilt daher – wie die noch deutlich bekanntere PISA-Studie der OECD – als sehr ausagekräftig. […]

    Die TIMSS-Ergebnisse der an rund 200 deutschen Grund- und Förderschulen organisierten Studie mit 4000 Kindern präsentiert der renommierte Bildungsforscher Wilfried Bos. Im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur warnte er die deutsche Schulpolitik am Montag vor Genügsamkeit angesichts verbesserter Ergebnisse bei internationalen Vergleichstests – ähnlich wie zuvor auch schon Bos‘ OECD-Kollege Andreas Schleicher, der «PISA-Papst».

  • Eine Nachrichtensuche bei Google (30. November 2016, Suchwort „TIMSS 2015“, Screenshots im Anhang) deutet ebenfalls darauf hin, dass flächendeckend unkritisch und oberflächlich über TIMSS berichtet wurde.

Wer noch nicht genug vom TIMSS-Blabla hat, hier die zugehörige Pressemitteilung des NRW-Ministeriums für Schule und Weiterbildung vom 29. November 2016. Da heißt es:

Zum Abschneiden Deutschlands beim internationalen Schulleistungsvergleich TIMSS 2015 erklärte Schulministerin Sylvia Löhrmann, dass sich alle Verantwortlichen in Schule und Politik bessere Ergebnisse erhofft hätten: „Mit diesen Ergebnissen können wir nicht zufrieden sein. TIMSS 2015 zeigt, dass wir alles daran setzen müssen, die individuelle Förderung in Mathematik und den Naturwissenschaften weiter zu verbessern.“ […] Die Ministerin unterstrich die vielfältigen Anstrengungen des Landes für eine moderne Unterrichtsentwicklung in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Lernebereichen [sic!].

Kommende Woche wird übrigens die neueste PISA-Studie vorgestellt. Wir empfehlen: Radio und Fernseher ausschalten und nur den Sportteil der Tageszeitung lesen! Wir haben genug von flächendeckender unkritischer gleichgerichteter Berichterstattung und hören lieber Musik — „Je veux“ von Zaz:

Anhang
Nachrichtensuche bei Google (30. November 2016, Suchwort „TIMSS 2015“)

TIMSS-Screen-2016-11-30_19-55-06TIMSS-Screen-2016-11-30_19-55-23