„Die Kindheit eines Chefs oder die Einsamkeit des Mächtigen“ von Eugen Drewermann

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Unser Beitrag vom 16. August 2017 enthielt zwei Berichte über einen Vortrag, den Eugen Drewermann am 5. März 1991 auf Einladung der damaligen Schulleitervereinigung Nordrhein-Westfalen (heute Schulleitungsvereinigung NRW) gehalten hatte. In deren Zeitschrift Schulleitung in NRW (Ausgabe vom Juli 1991) erschien der Wortlaut des gesamten Vortrags. Mit freundlicher Genehmigung der Schulleitungsvereinigung wiederveröffentlichen wir ihn auf Schule intakt.

Aus Schulleitung in NRW (Juli 1991)1:

Dr. Eugen Drewermann

Die Kindheit eines Chefs
oder
die Einsamkeit des Mächtigen

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich danke Ihnen ganz herzlich für Ihre Bereitschaft, einen an sich freien Nachmittag aufzuwenden für ein Thema, das mir selber durch eine Erinnerung wichtig und vortragenswert scheint.

Ich war damals gerade zum Priester geweiht worden und hatte wie üblich die Kommunionkinder vorzubereiten: 3 Klassen, zusammen über 120 Mädchen und Jungen. Also war ich bestrebt, wie ich es gelernt hatte, die biblische Botschaft den Kindern nahezubringen, par exemple das Gleichnis Jesu vom verlorenen Schaf. Es war großartig, was ich mir vorgenommen hatte, und die Sicherung des Stundenergebnisses verriet auch, daß es mir annähernd wohl gelungen sein mußte. Das Dekor der palästinensischen Wüste, die Einsamkeit eines Tieres, das nicht mehr vor- und rückwärts weiß, die Notwendigkeit eines Hirten, sich auf die Suche zu machen, es war eindrucksvoll.

Drei Monate später fragte ich die Kinder, wie es ihnen in der ersten Beichte wohl gegangen sei, und da erfuhr ich, daß ein Junge es nicht gewagt hatte, den Schatten des Beichtstuhls auch nur zu betreten. Er fing mitten in der Klasse an zu weinen, und was mich überraschte, war, daß die anderen ihn auslachten. „Er macht es immer so“, sagten sie. Ich aber hatte in vier Monaten Unterricht diesen Jungen überhaupt nicht zu Gesicht bekommen. Er war bei der Förderung der Intelligenzspitzen der Klasse bei meinem leistungsorientierten pädagogischen Unterrichtsstil nicht aufgefallen. Jetzt erst begann ich, mich für ihn zu interessieren, und erfuhr, daß er morgens, bei einem Schulweg, der zu Fuß 10 Minuten vom Elternhaus zum Gebäude in Anspruch genommen hätte, fast 20 Minuten zubrachte mit dem Fahrrad, aus lauter Angst vor seinen Schulkameraden. Mit anderen Worten, ich hatte das Gleichnis vom verlorenen Schaf gut und recht abfragenswürdig am Ende zur Verteilung von Religionsnoten unterrichtet. Aber die Gelegenheit bot sich bei diesem Typ von Pädagogik durchaus nicht, auch bloß entfernt zu realisieren, wovon die Rede war. Da saß das hundertste Schaf, und es war völlig unsichtbar geblieben. Einen Typus von Lehrer hatte ich offenbar selber verkörpert, der dem im Wege stand, was inhaltlich rüberkommen sollte.

Als ich die Einladung zum heutigen Nachmittag las, dachte ich, das darf sich, soweit es an mir liegt, nicht wiederholen. Die Gelegenheit, mit Lehrern zu sprechen, ist günstig, um als Problem zu thematisieren, was wir eigentlich im Unterricht vermitteln wollen. Mich hatte man in der Theologenausbildung dazu erzogen, lediglich ein Kleriker zu sein, ein Priester und Religionslehrer. Aber wo ist das Feld, das man Menschen erlaubt, Mädchen und Jungen als Menschen heranzubilden für das Allerwichtigste: selber eines Tages als Männer und als Frauen sich zu leben und selber zu sein. Es gibt kein Unterrichtsfach Menschwerdung. Und das Allerwichtigste verstecken wir, verbergen wir und verbieten wir hinter Ersatzfächern. Die Liebe ist ein Teil entweder der Biologie oder der Ethikkunde oder der Soziallehre, wenn es hoch kommt. Das Glauben wird abgehandelt unter Glaubenskunde, in einem Wust von Lehrsätzen, und das Terrain, sich selber zu begegnen, taucht allenfalls am Rande auf, z.B. in der Form, wie man miteinander umgeht im Unterrichtsgespräch, wie man sich im Rahmen bestimmter Fairneßregeln behandelt beim Sport, aber es wird eigentlich nie thematisiert. Von daher scheint es möglich, daß man ein guter Lehrer ist, je mehr man hinter dem Amt, das man bekleidet oder benutzt wie einen Umhang zur Maskierung der eigenen Persönlichkeit, gänzlich zurücktritt.

Sie können denken, was ist denn daran so gefährlich? Allein die Palette des Wissensangebotes differenziert sich ständig, reift also und funktionalisiert sich aus zu einem immer korrekteren Betriebsapparat. Den aufrecht zu erhalten, verunmöglicht es doch geradewegs noch, den Lehrbetrieb zu verkomplizieren mit den Eigentümlichkeiten der eigenen Person. Die eigene Person mag gebildet werden, wo sie will, im Elternhaus oder, wenn das ausfällt, später bei der Bundeswehr oder beim Eintritt in das Dienstleistungsgewerbe, irgendwo, aber als Lehrer tun wir unsere Pflicht, indem wir den Unterrichtsstoff vermitteln, und wir haben die Pflicht, am Ende dafür korrekte Noten zu vergeben und also die Rahmenbedingungen abzustecken für die späteren Eintrittsformen in die bürgerliche Gesellschaft, — angepaßt, leistungsorientiert, pflichtgemäß, treu, brav, ordentlich, exakt, korrekt, — Herz, was willst du mehr? Solche Menschen braucht die Gesellschaft vielleicht morgen. Aber was sie nicht braucht, sind Querköpfe und Querdenker, rebellische Geister, Chaoten. Da stehe Gott vor oder der Büttel.

Ich glaube, daß wir spätestens aus den Erfahrungen des Dritten Reiches, aus der Gestalt des Eichmann in Jerusalem, hätten lernen können und mindestens lernen müssen, daß das Böse im 20. Jahrhundert ein einziges Gesicht trägt, nicht besessen von Sadismen, sondern grau, alltäglich, einfältig, müde, abgearbeitet und immer unpersönlich. Es scheint mir eine sehr wichtige Metapher der biblischen Sprache zu sein, daß der Teufel eigentlich nie erscheint als ein Ich, sondern ständig als Macht eines Kollektivs, unfähig vom Ich zum Du zu reden, immer nur im Wir anzutreffen und ständig bestrebt, die Personalisierung des Menschen aufzuhalten mit allen Formen der Angst.

Was hier pädagogisch auf dem Spiel steht, werden die meisten kennen aus dem Film, der am Anfang des letzten Jahres erfolgreich auch in den deutschen Lichtspielhäusern reüssierte, der Film von Peter Weir „Der Club der toten Dichter“. Problematisiert wird dort die Frage, wie man im Unterricht in Englisch (oder vice versa Deutsch) Lyrik unterrichtet.

Schlagt auf, sagt Mr. Keating zu seinen Schülerinnen und Schülern, das Buch „Wie man Lyrik verstehen muß“. Erste Seite, geschrieben von Dr. Pritchard. „Der Wert eines Gedichtes bemißt sich aus den Koeffizienten des Inhalts und der Formgestaltung, eingetragen auf den Achsen X und Y.“ „Wie bitte?“ „Steht hier, Sir.“ „Dann reiß den Quatsch raus und schmeiß ihn in den Papierkorb.“ „Was soll ich bitte?“ „Verdammt noch mal, ich will kein Buch mehr sehen, das beginnt mit den Ausführungen von Mr. Pritchard über Lyrik. Sind wir denn Klempner? Sollen wir dabei bleiben, Shakespeare zu bewerten wie in den American Charts: 45 Punkte, Lord Byron: 50 Punkte.“ Wie lehrt man Kinder Lyrik?

Sie spüren bei dieser Frage mit einem Mal, daß es nicht darum geht, Informationen weiterzugeben, sondern Menschen zu bilden im Umgang mit sich selber. Also führt Mr. Keating die gesamte Klasse vor die Ahnengalerie der Schule. Die Schule selber wurde präsentiert am Anfang des Films in 4 Schildern der „wirklichen“ Tugenden: Tradition, Disziplin, Fleiß und Erfolg, die ehernen Transparente der Schulmoral. Mr. Keating hingegen möchte, daß man sich die Vorväter dieser Haltungen einmal anschaut auf ihren Photos. „Seht ihr all diese Leute,“ sagt er, „sie sind längst tot. Aber ihr könnt sie hören, unter dem Gras weg sprechen sie zu euch und sagen: ‘Carpe diem’. Hört ihr sie sprechen? ‘Lebe so, daß ein jeder Tag sich für dich lohnt.’“ Wie ist das möglich?

Auf dem Pausenhof sieht man, wie alle mehr oder minder im Gleichschritt dahintraben. Wie bringt man einen Menschen dahin, den Rhythmus im Blut seines eigenen Körpers zu spüren und dementsprechend sich zu bewegen? Wie bekommt man es fertig, jemanden auf das Pult zu stellen, damit er merkt, daß ein Klassenraum sich sehr anders ansieht, je aus der Perspektive, die man einnimmt? Und wie vermag man Schüler dazu zu verführen, daß sie ein Gedicht schreiben? „Schaut euch diesen Schüler an,“ sagt Mr. Keating, „er hat kein Gedicht zu schreiben unternommen. Er glaubt überhaupt nicht, daß sein Leben, seine Erfahrungen, seine Gedanken, irgendeine Zeile wert sind, die einem Gedicht ähneln. Mensch, schreibe dein Gedicht.“ Es beginnt die Ahnung, daß Lyrik zu lernen bedeuten würde, Mut zu sich selber zu gewinnen. Anders käme sie gar nicht zustande.

Sie ist eine Funktion, wenn schon, dann einzig der Energie der Liebe. Sie ist eine Weise, der Seele Flügel zu verleihen und also in sich selber die geborene Anarchie. Sie droht, lebensgefährlich zu werden. Da (an der Wand dieses Vortragsraums) hängt das Plakat von Romeo und Julia. Sie brauchen es nur einmal zu spielen auf einer Schülerbühne, und Sie werden merken, daß die Liebe gefährlich ist. Sie bestimmt einen Menschen dahin zu glauben, daß er so etwas sei wie ein Endziel der Evolution, der Mensch an seiner Seite sei etwas Absolutes und Unableitbares, das im ganzen Kosmos nie mehr wieder aufzufinden ist, und er hätte in sich selber etwas zu sagen, das nur er der ganzen Menschheit mitteilen könnte. Das ist die Kraft der Liebe. Und wenn sie wahr wird und beginnt zu reden, dann ist sie wirklich die sich selbst organisierende Formkraft der Lyrik. Das ist Unterricht in Ästhetik. Und wie jetzt erst, wenn wir herangehen, Religion unterrichten zu wollen in den Fußspuren des Mannes aus Nazareth, den man in Lukas 22 anklagt, er bringe das ganze Land durcheinander, von Galiäa angefangen bis herunter nach Jerusalem! Er überwirft sich mit allen Autoritäten, in Kirche wie in Gesellschaft. Er zwingt den Menschen dahin, sich zu entscheiden für Gott und sich selbst und eine Wahrheit einzuführen, die nicht von außen kommt.

Mir scheint, daß, wenn wir den Typus eines Beamten in Augenschein nehmen, wir idealtypisch davon ausgehen sollten, daß jemand nicht einfach den Beruf ausübt, der ihn dahin bestimmt, in einer Schreibstube tätig zu sein, Lehrer zu sein, Priester zu sein, Polizist zu sein, sondern daß er irgendetwas von dem Beamtensein als wesentlich für sich selber wählt, und wenn es gar darum geht, auf der Leiter des Beamtenstatuts sich vorzuarbeiten bis zum besonderen, zum autoritär Bevollmächtigten eines Chefs, daß dies wiederum nicht geschieht durch das bloße Gefüge eines Getriebes von außen, rein external durch die Umstände, sondern daß es sich gestaltet durch ein inneres Bedürfnis, mit dem die Persönlichkeit und der Charakter eines Menschen auf das Vollkommenste verschmelzen. Dann aber wage ich die These, daß, wenn ein Mensch wesentlich sich dahin drängt, das Objektive seines sozialen Bezugsgeflechtes im Status des Beamtenseins leben zu wollen, er in sich selber eine Persönlichkeitsstruktur tragen will und wird, die sich selber mimosenhaft empfindlich hineindrückt in die Kalkschalen eines Panzers von Schutz und Sicherheit, stets auf der Flucht vor sich selber.

Das Problem, das wir heute nachmittag lösen müssen, ist mithin dieses: wie jemand den Status des objektiv Wahren für den anderen, also den Status einer vermittelten, delegierten Existenz als sein Innerstes selber zu wählen vermag. Ich behaupte, daß im Untergrund einer solchen Wahlmöglichkeit determinativisch etwas wirkt, das der englische Psychoanalytiker und Psychiater Ronald D. Laing genannt hat die ontologische Unsicherheit. Er meinte damit eine ursprüngliche Negiertheit des Daseins, die darin besteht, daß jemand bereits als kleines Kind erlebt und ihn sich in einer Welt hat vorfinden müssen, die ihn im Grunde ausschließt und ihn zum Unwesentlichen, ja sogar Störenden herabdrückt.

Sie werden fragen, wie ist denn so etwas vorstellbar? Ein Kind wird doch, zumindest in unseren Breiten, für gewöhnlich als ein Wunschkind geboren. Die Eltern haben lange gemeinsam vorher überlegt, sie haben befürwortet, daß ein weiteres Kind das Licht der Welt erblicken soll. Woher dann die Vielzahl von Beamten in unserer Gesellschaft?

Der Widerspruch, scheinbar, löst sich sehr einfach, wenn Sie bedenken, wie rasch es geschehen kann, daß ein Kind deutlich spürt, daß die Eltern es zwar lieben möchten, aber durch eine Vielzahl von Umständen gar nicht wirklich zu lieben vermögen. Man schätzt, daß in unserer Gesellschaft in den Großstädten bis zu drei Viertel aller Erwachsenen an sich selber seelisch leidet bis zum Krankheitswert. Wir haben es mit Menschen zu tun, die in ihrer Persönlichkeit bis zum Neurotischen von sich selbst entfremdet sind.

Nun müssen Sie voraussetzen, daß wenn zwei Menschen sich in der Gemeinsamkeit der Ehe aneinanderklammern, sie all die Konflikte ihrer Kindheit mitbringen, miteinander austauschen, projektiv die Wahrnehmung aneinander verformen und, ohne daß sie es möchten, ein Gefälle der Unsicherheit in ihrer Familie aufbauen werden. Sie werden an die eigenen Kinder gerade die Wünsche ihres ungelebten Lebens delegieren; das einzelne Kind wird dann sehr leicht zu einem Substitut der unerfüllten Wünsche des Vaters bzw. der Mutter. An dem Kind wird dann das Unerledigte in der Kindheit der Eltern selber ausgetragen. Gerade also, wenn nur ein oder zwei „Wunschkinder“ in einer Familie existieren, können Sie sehr leicht beobachten, daß ein einzelnes Kind sich selbst gegenüber schon sehr früh entfremdet und überfordert wird durch die Anspruchshaltung seiner eigenen Eltern. Geringfügige Irritationen bereits können dabei den Raum des ontologisch Unsicherseins eröffnen. Der Vater beispielsweise steht unter dem Druck der Leistungserwartungen seines eigenen Berufes. Oder er spürt, daß er den Ansprüchen und den Erwartungen seiner Frau nur genügen kann, wenn er noch einen Schritt weiter auf der Leiter der Karriere nach oben steigt. Das aber geht nur, wenn er, jetzt 35- oder 40jährig alle Energie zusammennimmt. Dieses Mal muß er es schaffen. Es genügt, den Vater seiner Familie auf diese Weise für drei oder fünf Jahre zu entfremden, und man hat umgekehrt eine Mutter vor sich, die in gewissem Sinn alleinerziehend gegenüber ihrem Kind ist. Unterstellen Sie, daß auch diese Frau eine in gewissem Sinne haltsuchende und bedürftige Person ist, so mögen Sie leicht einsehen, wie wenig dazugehört, ein Kind, das eben noch gewünscht wurde, zum Überflüssigen, zum Unbedeutenden, zum Nebensächlichen herabzudrücken. Ein Kind wird diese Schwankungen im Gefühlsbereich der primären Kontaktpersonen augenblicklich erleben als ein verzweifeltes Suchenmüssen nach einer Liebe, die es braucht, um zu sein, die ihm aber als selbstverständliche eben nicht geschenkt wird.

Und schon beginnt das Spiel: Wie findet man eine verlorene Liebe wieder bzw. wie findet man eine Liebe, die man nie besessen hat und dennoch unbedingt braucht, um ruhig ins Dasein treten zu können? Gerade diese Mischung müssen wir voraussetzen: eine relativ intakte Liebe, eine mindestens zur Hälfte an Zuwendung ehrlich vergebene Bereitschaft der Mutter oder des Vaters, auf das Kind einzugehen; gleichzeitig aber auch den Reflex von Gebrochenheit, von Überbeanspruchung, von im Grunde aggressiv untertönter Ablehnung. In einem solchen Feld wird ein Kind ständig angespornt, hinter der Zuneigung seiner Eltern, die konditioniert vergeben wird, sich auf die Suche zu begeben und ständig sich zu fragen: Was muß ich tun, um ganz richtig zu sein? Was muß ich tun, um so leicht zu werden, daß ich gut erträglich bin? Wie kann ich womöglich der drohenden Ablehnung von Mutter und Vater zuvorkommen, indem ich selber herausfinde, was die Mutter und der Vater von mir wünschen, ohne daß sie es aussprechen? Ich gebe ein kleines Beispiel wieder, das zeigt, wie rasch in das Herz eines Kindes sich Angst hineindrücken läßt. Eine Frau erzählte mir vor einer Weile, daß sie zwei Stockwerke über sich in ihrem Gebäudekomplex nur jemanden einmal laut keifen hören müsse, um ganz erschrocken zu sein und auf Stunden irritiert zu werden. Wir kamen sehr bald darauf, daß es die lautstarke, die mitunter jähzornige Aggressivität ihrer eigenen Mutter sein mochte, die sie als Kind verstörte; und dann fiel ihr das folgende Beispiel ein. Die Mutter mit vier Kindern war im Grunde herzensgut, aber völlig überfordert. So entsann sie sich, als Mädchen mit vier Jahren etwa einmal draußen gespielt zu haben im Sandkasten, als sie von drinnen ihre Mutter schreien hörte, daß die Milch überkoche und sie, die Tochter, hätte das eigentlich sehen müssen. Die Tochter hatte überhaupt nicht gewußt, daß sie auf die Milch hätte aufpassen sollen. Sie war nur die einzige Person, an welcher die Mutter ihren Zorn, jetzt auch noch den ganzen Ofen wieder abwaschen zu müssen, ablassen konnte. Für die Tochter indessen bedeutete dieses Schimpfen ihrer Mutter ein Erdbeben, das nie wieder aufhörte. Es zerspülte den gesamten Untergrund ihrer Existenz. Fortan galt es, gewissermaßen mit dem Ohr am Boden, ständig zu horchen, wann wieder das Grollen des Donners eines sich neuerlich ankündigenden Erdbebens aus dem Munde der Mutter hörbar würde, und dann ihm zuvorzukommen mit besonderer Bereitschaft zu Pflichterfüllung und Bravheit.

So etwas ist es, was Sie unter dem Stichwort der ontologischen Unsicherheit sich vorstellen müssen. Es ist eine Angstdurchtöntheit in jedem Lebensbereich, verbunden mit einem ständigen Suchen, durch Anpassungsleistungen aller Art, durch vorauseilenden Gehorsam, durch ein Gedankenlesen unausgesprochener Wünsche, eine Leichtigkeit des Seins gegenüber den primären Kontaktpersonen aufzubauen, so daß am Ende ein Schimmer von Berechtigung, ja schließlich sogar von Akzeptation, mehr noch: von besonderer Berechtigung und Bestätigung über dem eigenen Dasein ruht.

Es ist, wenn Sie so wollen, die Logik einer Ziege im Stall, die eigentlich genau weiß, daß der Bauer sie schlachten will, weil sie überflüssigerweise das Gras und das Heu frißt. Wenn eine solche Ziege sehr schlau ist, kann sie eines Tages darauf kommen, daß, wenn sie sehr, sehr viel Milch gibt, der Bauer begreifen wird, daß sie nützlich ist und den Einsatz bei weitem übertrifft, den er ihr an Futtermitteln vorausleistet.

Es gibt eine Rettung für die im Grunde abzuschaffende Ziege im Stall: Wenn sie sich übernützlich macht, rechtfertigt sie ihre Existenz. Wenn sie soviel abgibt als sie irgend kann, und zwar viel mehr, als man in sie hineingesteckt hat, dann ist es möglich, das Leben zu retten.

Diesen Kampf, das Dasein zu rechtfertigen und zu retten durch eine ständige Überangepaßtheit, setze ich in den Hintergrund der Existenz eines Beamten als Wesenstyp menschlicher Charakterprägung. Ich unterstelle damit, daß wir einen Beamten in seiner charakterlichen Prägung wesentlich gerade so definieren müssen: Tue niemals, was Du selber möchtest, sondern schaue Dich um, was die anderen von Dir wollen. Halte es für prinzipiell verkehrt, etwas Eigenes zu entscheiden, sondern vermute, daß die eigene Entscheidung, das eigene Wollen schon als Eigenwilligkeit etwas Falsches bedeutet. Horche, was die anderen sagen, denn nur das andere hat die Vermutung des Richtigen an sich. Und handele dann, wenn Du weißt, was die anderen als richtig von Dir fordern, unter Einsatz aller Anstrengungen und dann sogar auch aller Phantasie. Gib Dir die größte Mühe. Am Ende winkt die Prämie, daß Du zugelassen wirst zum Leben, mehr noch, daß man Dich belobigt in gewissem Sinne als unersetzlich. Du findest schließlich das kostbarste Lob: Du wirst gebraucht, man hat Dich nötig. Du verwandelst die Überflüssigkeit Deiner Existenz in die Erwünschbarkeit anderer.

Wie eine solche Aufhebung der ontologischen Unsicherheit möglich ist, hat der französische Existenzphilosoph Jean-Paul Sartre aus dem Erleben seiner Kindertage zu verdeutlichen versucht. Sartre schildert einmal, wie bei einem Diner im Hause seiner Eltern die Honoratioren der Stadt eingeladen waren. Er, der kleine Jean-Paul, ist bei der Begrüßung dieser großartigen Leute vollkommen überzählig. Er steht da, gelangweilt, und begreift sehr wohl: Er wird von niemandem dieser Anwesenden vermißt. Er ist völlig überflüssig für die Stahlproduktion, er ist völlig überflüssig für die Presse am anderen Morgen. Er hat nicht die mindeste Aufgabe oder Rolle zu spielen. Im Kontrast zu dieser Erkenntnis vernimmt er, daß soeben eines gewissen Monsieur Simenon Erwähnung getan wird: M. Simenon wird erwähnt als ein Fehlender an diesem Abend. Man vermißt seine Anwesenheit, und Sartre schreibt: „Dieser M. Simenon war unendlich viel anwesender als alle anderen. Er wurde entdeckt als fehlend. An dem Abend beschloß ich, der Menschheit zu fehlen wie Wasser und Brot.“

Ich glaube, Sie begreifen, was da passiert, wenn ein Kind mit allen Fasern spürt, daß es überhaupt keine Funktion besitzt auf Erden, jetzt aber, diese vollkommene Nichtigkeit seiner Existenz, diese Vakuole seines Daseins, den gesamten Hohlraum der Beliebigkeit füllen muß, indem es die anderen förmlich dahin zwingt, durch Leistung, durch Zuverlässigkeit, durch Tüchtigkeit, durch Bravourosität in irgendeinem Bereich des Lebens, die eigene Person für unersetzlich für den Fortbestand der Menschheit zu empfinden.

Es handelt sich um ein Schema, das Sie biblisch ausgeprägt finden in den Urzeiterzählungen der Genesis, in Kapitel 4 des 1. Buches Moses. Da treffen Sie die Kinder Adams und Evas an als gerade derartig Vertriebene und Heimatlose, als Wesen, die sich zutiefst in Frage gestellt fühlen, ob sie berechtigt sind zur Existenz oder nicht. Und das erste, was Kain und Abel, die Kinder Evas und Adams, tun, ist, daß sie hingehen, um Opfer zu bringen mit der Zielsetzung, eine Gottheit zu versöhnen, die ihnen eigentlich zürnt. Ein besseres Portrait wüßte ich gar nicht, um Menschen zu beschreiben, die zum Dasein nur glauben kommen zu können um den Preis eines fatalen Selbstverzichts. Nicht, was sie selber sind, darf sich sehen lassen vor den Augen des Allerhöchsten, vor der Instanz der letztgültigen und absoluten Anerkennung, sondern liebenswert werden Menschen eigentlich nur, indem sie auf sich Verzicht tun; alles Eigene müssen sie zerstören und zum Opfer bringen. Nicht was Du bist, sondern was Du nicht bist, das vielleicht erlaubt es, daß man Dich mag.

Die Kain-und-Abel-Geschichte, sage ich, beschreibt das Lieblingsspiel auf jeder Beamtenetage: Wie man emporkommt im Feld der Konkurrenz. Es herrscht ein ständiger lateraler oder frontaler Kampf der Anerkennung aller gegen alle, die in demselben Terrain sich befinden und bestätigen möchten.
Wenn beispielsweise, — erzähle ich gern vor Theologen —, ein Dozent der Theologie damit beschäftigt sein mag, die Dreifaltigkeit zu erforschen, und er hat im Fach Biologie einen Kollegen, der gerade dabei ist, eine bestimmte Schneckenart mit zwei Hörnchen in Südrußland zu erforschen, dann können die beiden sich vermutlich sehr gut verstehen, denn sie kommen sich nie allzu nahe. Sie sind nie wirklich „Brüder“. Trifft es sich aber, daß der Kollege nebenan ebenfalls mit der Trinitätslehre befaßt ist, sagen wir: der eine erforscht sie beim Heiligen Augustinus und der andere bei Hugo von Skt. Viktor, dann ist dazwischen immerhin noch ein schützendes Feld von 700 Jahren Kirchengeschichte. Sollte aber auch der Kollege die Dreifaltigkeitslehre bei Augustinus erforschen, dann beginnt ein buchstäblich tödlicher Kampf.
Es ist die Frage, wer hat die einzig richtige, die wahre, die umfassende, die mustergültige Darlegung dieses Problems und seiner Lösung. Da gibt es nur noch einen Sieger. In der Sprache Jean-Paul Sartres formuliert aus dem Bühnenstück „Die Eingeschlossenen von Altona“: „Soll ich Dir zeigen das Raubtier ohne Fell? Eins und eins macht eins. Das ist das Problem unseres Jahrhunderts.“ Es ist die Bedingung des Kampfs auf dem Wege zum Chefsein.

Wovon ich möchte, daß Sie es heute nachmittag begreifen, das ist, daß es viel zu einfach ist zu glauben, der Weg nach oben, der Wille zur Macht forme sich im Sinne Friedrich Nietzsches aus einem Überelan an Instinkt, an sozusagen tierischer Vernunft. Der Wille zur Macht, wollte uns Friedrich Nietzsche belehren um 1870, sei eine Eigentümlichkeit der starken Charaktere, der gesunden Individuen, der Herrenmenschen, die mit Füßen hinweggingen über die Masse der Untertanen.

Wir müssen sagen: Ganz im Gegenteil, es würde solchen Menschen, wie Nietzsche sie vor sich hat, vollkommen unmöglich sein, in die Hülle des Beamtendasein hineinzuschlüpfen. Wenn denn schon der Weg zur Macht den Hauptinhalt des Lebens ausmachen soll, dann so wie Nietzsche selber: Er vertrug es überhaupt nicht, Dozent der Philosophie zu bleiben. Die Einsamkeit von Sils-Maria, die Nähe zu den Wolken, der Sturm auf die Gipfel, die unbedingte Radikalität einer individuell riskierten Existenz, das alles geht noch irgendwie mit diesem großen Vorbereiter von Lebens- und Existenzphilosophie überein; aber daß man im Gewand des Alltäglichen, des Allergrauesten, des Beamtenstatus das Maximum der Macht versammelt wissen möchte auf die eigene Person, das setzt im Hintergrund eine genau umgekehrte Psychologie voraus, eine, die bis in die Wurzeln hinein zernagt und zerfasert ist, in ständigen Selbstzweifeln, und die nach außen viel darstellen muß, weil sie nach innen gar nichts ist.

Ich weiß keinen Berufeneren, der Ihnen ein Intelligibilitätsschema für dieses psychodynamische Geflecht einer Struktur, im Allgemeinen das Besondere, im Alltäglichen das Ungewöhnliche und in der objektiven Angleichung an das Man ein eigenes Ich aufzubauen, geben könnte, als erneut J. P. Sartre mit seiner kleinen Monographie Ende der dreißiger Jahre unter dem Titel: „Die Kindheit eines Chefs“.

Jean-Paul Sartre erzählt dort die Biographie eines Jungen, Lucien Fleurier, dessen Kindheit dramatisch beendet wird entsprechend der Lehre der Psychoanalyse durch eine Beischlafbeobachtung (oder Beischlafphantasie) seiner eigenen Eltern. Es ist eine merkwürdige Erinnerung, einen dunklen Tunnel zu sehen, eine schreckhafte Vision, die seit jener Nacht Lucien die eigenen Eltern scheinbar wie gestohlen hat.

Seitdem existieren gewissermaßen nur noch diese beiden Stellvertreter da anstelle der wirklichen Eltern. Lucien weiß nicht mehr, was er, vor allem an seiner eigenen Maman, wirklich hat. Im Grunde will er und soll er sie lieben, und dennoch spürt er sehr bald, daß die Liebe zu seiner Mutter nichts ist als Heuchelei. Lucien spielt den lieben Lucien, den Mutterliebling Lucien. Aber in Wahrheit weiß der liebe Gott doch ständig, daß die Gefühle, die er den anderen Vormacht, gar nicht wirklich sind. Sehr bald schon versinkt Lucien denn auch in die Unfähigkeit zu einem wirklich ehrlichen Gefühl. Ein wirklich ehrliches Gefühl, das wäre Haß und Widerstand gegenüber seinen Eltern, aber dazu getraut er sich nicht.

Das Ausblenden dieser wahren, feindseligen Gefühle, ihre Gegenbesetzung im Bemühen, die Mutter zu lieben, führt am Ende zu einer Art von Nebel, von Langeweile des Alltags. Lucien ist im Grunde ein Nichts an Gefühl. Dabei ist er ein scheinbar aufgeweckter, fleißiger, begabter Schüler. Niemand wird im Religionsunterricht beim Empfang der ersten heiligen Kommunion vom Pfarrer und vom Lehrer so prämiert wie Lucien, der aber liegt auf seiner Couch und denkt darüber nach: „Bin ich ein guter Schüler? Ein guter Schüler liebt doch seine Arbeit. Ich liebe sie nicht. Ich mache sie. Ich habe dabei Erfolg, aber sie ist mir wurst. Alles ist mir wurst.“ Kaum 15 Jahre alt, beginnt Lucien darüber nachzudenken, ob nicht ein Schuß durch die Schläfe der gesamten Welt beweisen könnte, daß sie überhaupt nicht existiert.

Dann aber fällt ihm ein, Sohn eines Fabrikvorgesetzten, eines Chefs, der er ist, daß alle großen Vorgesetzten und Chefs irgendwann einmal der Gefahr des Selbstmords ausgesetzt waren, — Napoleon auf Helena z.B. Er legt den Revolver wieder fort. Stattdessen, an der Seite seines Jugendfreundes Berliac, gerät er an die Psychoanalyse. Da kriecht es unter der Hülle des Unbewußten hervor. „Ist er, Lucien, nicht im Grunde ein Monstrum? Hat er nicht eben noch gewünscht, bei seiner Mutter zu liegen. Wie er Berliacs Mutter anschaut und sich ihre Brust vorstellt unter dem gelben Pullover! Er ist pervers, er ist anal fixiert, — Lucien!“ Und doch verkriecht er sich immer mehr in diese Krebse, die aus den Nächten auftauchen und ihn immer wieder heimsuchen wollen, eine Phantasmagorie der Vorstellung.

Eines Tages wird er eingeführt in die Mysterien seines Freundes Bergère. Man liest miteinander Rimbaud. Man entdeckt die Homosexualität, das Rauschgift, Abenteuer der Vorstellung, denen sich Lucien eines Tages voller Ekel wieder entzieht. Er erkennt: Man hat ihn beinahe auf diese Schleimspur der Haltlosen zu locken vermocht; aber er hat moralisch früh genug widerstanden. Freud, das ist der Abgrund. Jetzt hingegen gilt es, Geographie zu lernen, Wanderungen zu unternehmen in der heimischen Landschaft, um sich zu verwurzeln mit dem gesunden und ordentlichen Leben, das da blüht auf den Höfen der Bretagne. Lucien wird ein bodenständiger Mensch. Er sucht bei Bridge und Billard Kontakt zu aufrechten Charakteren und hört, daß man ein guter Franzose im Jahre 1937 eigentlich nur werden kann, wenn man das Geschmeiß des Judentums bekämpft. Lucien wird ein großartiger Redner. Er verleugnet die Existenz derer, die das Dasein wahrer Franzosen negieren, und also ist er ein guter Franzose. Indem er die eigene Negiertheit in den anderen negiert, erschafft er sich als Realität. Einzig in dieser Dialektik findet man Lucien. Er ist zum ersten Mal dabei, sich politisch zu engagieren, und indem er den Haß auf sich selber verwandelt in den Haß auf diejenigen, die alle anderen hassen, reputiert er sich als Führer.

Er beginnt zu lernen, wie man mit Menschen spielt. Ein Chef muß die Namen aller seiner Angestellten kennen, das ist die erste Bedingung. Und er muß wissen, wo er wen einsetzt. Es gibt noch einige Probleme zu lösen. Die Angst, ob nicht, aus den Tagen mit Bergère und Rimbaud, doch noch der Schatten der Homosexualität auf ihm liege. Er widerlegt jeden Verdacht: Auf offener Szene beim Tanzen tritt er ein in einen Kußwettbewerb mit seiner Freundin Maud. Es geschieht sogar, ohne daß beide es wollen, daß sie zueinander finden wie Mann und Frau. Am anderen Morgen indessen steht Maud zu dieser Nacht, aber nicht so Lucien. Was er bewundert hat an Maud, war gerade die Straffheit ihres Körpers, die Unbescholtenheit ihres Rufs, die Unentdecktheit ihres Leibes, und das alles schmolz dahin in dieser einen Nacht der Zudringlichkeit. Eine fleischige Pflanze, etwas Schlüpfriges hat sich ihm da aufgetan, und er wird froh sein, es von sich abzustoßen. Die Frau, die Lucien heiraten wird, wird eine gute Mutter seiner Kinder sein, eine Bürgerliche aus einfachem Stande, die er vollkommen in der Hand hält, wie ein Juwel, das er vorzeigt mit Stolz, und sie wird nie etwas anderes zu sagen haben, als was er ihr vorgedacht hat, und nie etwas anderes zu tun wagen, als er ihr befiehlt.

Sie wird seine Frau sein, und er ist ein Chef, Nachfolger seines Vaters in der Firma. Wenn er privat nach Hause kommt, umgeben von der Fürsorge seiner Gattin, soviel weiß er jetzt schon, umgeben auch von der Achtung seiner Kinder, dann fehlt nur noch, daß er sich einen entsprechenden Bart wachsen läßt, die Haare zurecht macht und Platz nimmt auf dem Gestühl seines Vaters, — ein Chef!

Was Sartre mit dieser Geschichte zeigen wollte, boshaft, bissig, satirisch, wie mit Ätzlauge die Fassade dessen abfressend, was wir bürgerlich so sehr bewundern, ist dieses Geflecht der Lügen der Angst, immer auf der Flucht vor sich selber, der Aufbau Potemkinscher Dörfer unter der Scheinexistenz von Verlogenheit, und dies alles in einer Kaskade sich abarbeitender Unsicherheiten.

Gehen Sie die Biographie des Lucien Fleurier durch, so ist er unsicher in jedem Punkte. Er ist unsicher, ob es ihn überhaupt geben darf. Er ist unsicher der Liebe seiner Mutter. Er unsicher seiner eigenen Liebe zu seiner Mutter. Er ist unsicher gegenüber seinem eigenen Geschlecht, ob Junge oder Mädchen. Er ist unsicher sogar seinen Tugenden gegenüber, denn er meint sie nicht selber, sie sind nichts weiter als die von außen aufgeklebten Etiketten seines Daseins.

Er ist unsicher der Rolle, die er anderen gegenüber einnehmen will und soll. Er ist unsicher bis in jede Faser seiner Lebensäußerungen. Sein Leben, das ist das Gelebtwerden. Seine Existenz ist zunehmend der Dienst nach Fahrplan. Aber der ganze listenreiche Aufbau dieser Daseinsverformungen liegt eben darin, alles richtig machen zu wollen im ständigen Horchen auf das, was die anderen wollen. Dies aber dann mit einer solchen Leidenschaft betreiben zu mögen, daß es glaubhaft wird, dahinter stehe eine starke Persönlichkeit. Ich gebe Ihnen dieses Intelligibilitätsschema, damit Sie einmal prüfen mögen, womit Sie es zu tun haben.

Sie werden viele Vorgesetzte kennen, die gerade darin Angst verbreiten, daß sie glauben machen möchten, eherne, kraftvolle, starke Charaktere zu sein. Gehen Sie aber ein wenig nur hinter das Pappmaché dieser Bühnenkostümierung, werden Sie beizeiten finden, wieviel an Selbstunsicherheit, an Fragwürdigkeit, an Unentschlossenheit dahinter steht. Vor fünf Wochen hatten viele Chefs an ihren Schulen zu entscheiden, ob ihre Schüler bei Ausbruch des Golfkrieges auf eine Friedensdemo gehen durften oder nicht.

Ich spreche jetzt nur für den Kulturraum Paderborn. (Einen solchen gibt es!) Ich mußte damals feststellen, an wie vielen Schulen die Chefs überhaupt nicht wußten, was sie tun sollten. Es lag kein ministerieller Erlaß vor, alles war ganz unsicher. Sie berieten sich mit ihren eigenen Parteifreunden. Sie entdeckten, daß die Lehrer im Kollegium vielleicht nicht derselben Partei angehörten, daß die Kinder sie mit Fragen und Ängsten konfrontierten, auf die es keine fertigen Antworten gab.

Also flüchtete man sich als erstes in die Sprache der Erlasse: Runderlaß des Chefs an alle Lehrer des Kollegiums. Die Schüler aber demonstrierten weiter. Was war zu tun, wenn die Schüler sich nicht danach richteten, was der Erlaß beinhaltete, oder sogar die eigenen Kollegen begannen, dagegen zu revoltieren, — eine äußerst schwierige Situation, ich glaube auch, eine Krisenzeit, die lehrreich dafür ist, um Kriterien zu sammeln, womit man es zu tun hat als Mensch. Unsicherheiten, die plötzlich objektiv bestehen, sind Entlarvungsspielräume der subjektiven Unsicherheit, die sich nur getarnt hat hinter der Scheinsicherheit der Anordnungen und der Macht.

Wieviel Macht aber benötigt ein Mensch, um aus sich etwas zu machen, weil er gar nichts ist? Das ist die Frage, an welcher Sie die Chefs und die eigene Neigung, es ihnen gleichzutun, beobachten, analysieren, vergleichen können und sollten. Psychoanalytisch gesprochen, ist dieser Typus des Chefseins im Sinne Jean-Paul Sartres völlig identisch mit einem Zwitter, der beides in eins lebt: die Negation und die Affirmation; in seinem Ich lebt er gar nicht, stattdessen aber ist er voll identifiziert mit seinem Überich; wieder aber lebt er auch in seinem Überich nicht so, als wäre dieses stark geprägt aus der Kindheit her, sondern es bestehen auch im Überich erhebliche Unsicherheiten gegenüber den Idealformen, die man befolgen muß, und in diesen Unsicherheits- oder Klammerspielraum hinein dringen dann die sozialen Vorgaben der Umgebung von außen her ein.

Vor einer Weile fragte mich ein Regens in einem Priesterseminar, was er von einem bestimmten Studenten halten solle; er sei so unterschiedlich, daß er es gar nicht verstehen könne. Dieser Student, dieser Priesteramtskandidat, könne so gegensätzliche Anschauungen äußern, so widersprüchliche Verhaltensformen; mal sei er ganz brav in der Kirche, die Hände gefaltet, eine Viertelstunde noch nach Schluß der Messe in der Bank knieend vor dem Allerheiligsten, und dann wieder fast tolldreist und ausgelassen bei einer Karnevalsfete. Er verstehe ihn nicht. — Ich gebe zu, daß es für manche Chefs wirklich schwer ist, die kommenden Chefs richtig zu verstehen. Denn das, was man vor sich hatte, war so schwer wirklich nicht zu begreifen.

Es war einfach die Haltung eines Chamäleons. Dieser junge Mann war überbemüht, fast seismographisch begabt, fast empathisch und telepathisch hellsichtig gegenüber den Wünschbarkeiten der Gruppen, mit denen er es zu tun hatte. So wußte er, daß von ihm als erstes Frömmigkeit gewünscht wurde, und er gab sie als Schauspiel der Hingabe vor dem göttlichen Allerheiligsten, so daß es wirklich alle Anerkennung und Hochachtung seines Vorgesetzten verdienen mußte. Dann aber spürte er natürlich, daß ein Karneval z.B. andere Qualitäten von ihm forderte; und so brachte er es, auf der Bühne stehend, übers Herz und über die Lippen, alle möglichen Witze zum besten zu geben, so daß es dem Kölner Karneval alle Ehre gebracht hätte.

Es paßte aber nicht ganz gut in den offiziellen Betrieb des Klerikerrahmens. Es war genauso doppelbödig wie der Kölsche Karneval selber: Zucht und Ordnung vom Aschermittwoch, vorher aber barocke Tolldreistigkeit; mal sich ins Fleisch vergrabend und dann vom Fleische abfallend. Dieser junge Mann bot beides, und so wirkte er völlig irritierend für seinen Vorgesetzten. Genau das aber will ich Ihnen vorlegen als Probe aufs Exempel: Menschen, die selber überhaupt nicht leben, die aber in jedem Belang ein Muster sind an Anpassungsfähigkeit, stets den Prägeformen des Augenblicks ausgeliefert.

Dann freilich komme ich zurück zur Einleitung und möchte sagen: Es gibt im 20. Jahrhundert vermutlich keine größere Gefahr, als diesen Status des Beamtenseins zu routinieren bis zur Chefetage, bis zum Perfekten. Menschen, die selber nicht mehr fühlen, nicht mehr denken, nicht mehr wollen dürfen, sondern nur noch nach Betrieb und Fahrplan handeln, sind als erstes in der Genese sich selber ungeheuerlich gewesen. Aber sie werden, ohne daß sie es möchten, ungeheuerlich in ihren Spielräumen für andere. Was aus ihnen wird, entscheiden niemals sie selber, sondern ausschließlich die Umstände. Sie können halt nicht dafür, daß gerade das 3. Reich dran ist oder daß die Amerikaner sich die Option des Krieges in Nahost offenhalten. Dann spielen sie Eichmann in Jerusalem oder den Wächter im KZ oder den Advokaten der Existenz guter Soldaten und gerechter Kriege.

Sie hören des Nachts Mozart oder Beethoven. Sie sind gefühlsselig in ihrem Privatbereich, leben aber nach außen den Terror, und zwischen beidem ist kaum ein Widerspruch feststellbar. Das Problem wird daher sein, wie man Menschen dahin bringt, sich selber zurückzumelden in der Zuständigkeit einer eigenen Existenz. Gerade weil wir in der Gesellschaft der Vermassung im 20. Jahrhundert immer mehr die Sekundärtugenden trainieren, d.h. eine bestimmte Form der Schablone der Existenz, kollektivieren, kopieren und in den Ausdruck geben, muß unser Unterricht als Lehrer, weit mehr als wünschbar, im Abrollen des Dienstes nach Vorschrift, darauf gerichtet sein, Menschen zu erziehen, Persönlichkeiten zu bilden, also die Kreativität der eigenen Existenz zu fördern, so gut es geht.

Ich glaube, daß es kein Zufall ist, wenn wir gerade einen Krieg hinter uns hatten, der bis zum letzten Tag mit dem Kommentar abschloß aus dem Munde eines hochgestellten amerikanischen Politikers, es gehe alles nach Plan, alles nach Plan. Man hat in der letzten Woche amerikanische Piloten gefragt, was sie sich gedacht haben, die Konvois der Irakis auf dem Rückzug von Basra nach Norden, viele Kilometer lang, Panzerwagen, Lastwagen, völlig wehrlos, zusammenzubomben — Tausende von Menschen zu töten. Wir sind Soldaten, lautete der Kommentar. Und dann ist es erlaubt, dann kann man es machen, dann muß man das machen, dann ist man dafür trainiert?

Es ist sehr schlimm, daß wir in einer Gesellschaft leben, die unserer Wahrnehmung und unserem Gefühl all das entzieht, was wir wirklich anrichten. Wir machen tausend Dinge und man kann sie nicht mal fühlen, nicht mal anschauen, nicht mal begreifen mit dem Herzen. Um so wichtiger ist es, daß wir es vermeiden, in die Schablone einzurücken, und nichts tun, was wir, mindestens im Umraum unserer eigener Zuständigkeit, nicht auch verantworten können.

Es bleibt dann die Frage: Wie erlöst man die Mächtigen aus der Einsamkeit ihrer selbst? Das Problem jeder Beamtetheit, jedes Chefseins liegt, wie ich sagte, darin, daß man verzweifelt sucht, wie man Liebe findet. Man glaubt dabei niemals, daß man liebenswert sei in der eigenen Person. Also flüchtet man in die Rolle. Am Ende, wenn man es sehr weit bringt, wird man geliebt für das, was man darstellt. Aber man weiß genau, daß man das alles gar nicht ist, was man nach außen setzt. Und das zwingt selbst im Intimbereich der Liebe, selbst im Umgang mit Lob und Anerkennung immer noch in die Einsamkeit: Niemand darf wissen, wer man selber ist.

Das Geheimnis, herauszufinden, woraus wir wirklich existieren, läge darin, der Macht abzuschwören. Nicht die Menschen, sagt Jesus, sind groß, die das Sagen haben über andere Menschen, sondern die einzige Frage im Leben sei, was wir mit dem, was wir wirklich sind, den anderen an unserer Seite menschlich bedeuten können. Wer unter euch groß sein will, der möge dienen dem anderen, sagt er. Man hat das im kirchlichen Sprachraum immer wieder interpretieren wollen als Unterdrückung der Persönlichkeitsentfaltung einzelner, als Beschneidung der Glücksmöglichkeiten auf dem Wege zu sich selber.

Mir liegt sehr daran zu sagen: Hilfreich für die Persönlichkeit eines anderen Menschen können wir nur sein in dem Maße, wie wir es selber wagen, persönlich zu leben. Die Träume, die wir zerstören in unserem Dasein, werden auch die Träume anderer beschneiden. Die Visionen vom Leben, die wir nicht zu realisieren wagen, zerstören auch die Hoffnungen unserer Kinder. All das, was wir nicht sind, tritt als Verbot gegenüber anderen auf, selber zu sein. Es gibt keinen anderen Weg, als Erzieher zu wirken, als indem wir uns einbringen als die Menschen, die wir sind. Dann freilich bin ich oft erschüttert zu erleben, in wie wenig Zeit all das abschmilzt, was Menschen groß an Scheinposen von sich aufgebaut haben.

Es scheint ein ganz schwerer Verzicht zu sein, auf Macht nicht mehr so viel Wert zu legen und stattdessen auf Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit nach drinnen wie nach draußen zu schauen. Es scheint so demütigend zu sein, wenn ein Lucien Fleurier sich bekennen soll zu den beschämenden Stunden seiner Kindheit, zu dem nie aufgearbeiteten Chaos seiner Seele, zu den Verdrängungsmechanismen seiner abgespaltenen Existenz. Aber dann, wenn es abschmilzt wie der Firnis von gefrorenem Schnee, setzt es vieles frei, durchtränkt das Erdreich, bringt so etwas zum Vorschein wie einen neuen Frühling, und Menschen, die mit einem Mal wagen, von sich selber zu reden, laden sogar die Menschen an ihrer Seite, die Frau oder den Mann ihrer Liebe, die Schüler ihrer eigenen Klasse, dazu ein, von sich selber zu sprechen; und das ist das Allerschönste und Kostbarste, was beginnen kann auf dem Weg der Menschwerdung.

Je mehr wir beamtet existieren, wird das Wort „Ich“ nie über unsere Lippen kommen, sondern wir werden reden von „man“ und wie „es muß“ und in den allgemeinen Sprachregelungen der Objektivität. Je mehr wir aber wagen, die Welt zu sehen von der Kraft der eigenen Persönlichkeit her, der eigenen Erfahrung, dem eigenen Gefühl, der Subjektivität des Ichs, ermutigen wir auch andere, sich zu öffnen wie Blumen im Licht.

Wir werden die Geschichte von Kain und Abel erst dann abarbeiten, wenn wir lernen, uns selber zu akzeptieren in allem, was menschlich ist, und darum auch den anderen Menschen in seinen Suchwanderungen zur Wahrheit. Es gibt kein Patent auf Richtigkeit. Aber das bißchen Wahrheit, das wir in unserem Leben finden können, werden wir nur finden, wenn wir selber leben, also aufhören, beamtet zu sein.

Es gibt kein Abonnement auf Sicherheit im Leben. Es ist eine trübe Aussicht, wenn wir heute immer mehr einer Generation von jungen Leuten begegnen, die mit 25 sich schon fragt, wie sie mit 65 Jahren in Rente geht. Was wir unseren Kindern beibringen sollten, steht im 6. Kapitel des Matthäus-Evangeliums: Sorgt euch nicht um das Morgen, ein jeder Tag hat genug der eigenen Plage. Es wäre das Ende, ein „Bürger“ zu sein. Es wäre das Anfangsmoment der Freiheit.

Ich danke sehr für Ihre Aufmerksamkeit.

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