Ein Kindergarten in Israel trimmt Kinder auf MINT — mit Unterstützung der Rüstungsindustrie

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Die NRW-Schulministerin und MINT-Befürworterin Sylvia Löhrmann (Grüne) sollte dringend nach Israel reisen. Dort wird geklotzt, nicht gekleckert, was MINT1 angeht. Wie die Süddeutsche Zeitung vor drei Wochen berichtete, werden in einem sogenannten wissenschaftlich-technischen Kindergarten in der israelischen Kleinstadt Kirjat Malachi Kinder auf MINT getrimmt („Vom anderen Stern. Astronomie, Physik, Chemie und Robotertechnik schon im Kindergarten? In zwei israelischen Städten wird das ausprobiert. Mit Erfolg“ von Peter Münch, SZ vom 10.03.2017, Seite 11, online hier). In dem Artikel heißt es:

Der Kindergarten zählt zu einem Pilotprojekt, das weit über das hinausgeht, was in Deutschland auf diesem Gebiet passiert. Geht es dort in der Regel darum, die Kinder durch den spielerischen Umgang mit Computern auf die digitalisierte Welt vorzubereiten, wird in Israel ein viel breiterer Ansatz verfolgt. Astronomie, Physik, Chemie und Robotertechnik stehen in Kirjat Malachi sowie im Parallelprojekt in Beerschewa auf dem Stundenplan des Kindergartens. […] Das Ziel ist klar definiert: die nächste Generation von Wissenschaftlern großziehen.

Stundenpläne im Kindergarten? — O tempora, o mores! Das US-Rüstungsunternehmen Lockheed Martin, unter anderem Hersteller von Kampfflugzeugen wie der F-16, unterstützt dem Bericht zufolge solche Kindergärten finanziell. Die Leiterin des Kindergartens wird mit Worten zitiert, die — vorsichtig formuliert — etwas fragwürdig sind:

Die Kinder lernen hier, die Wissenschaft zu lieben. Wir zeigen ihnen, dass alles machbar und alles ganz einfach ist.

An ehrgeizigen Eltern, die ihre Kinder auf die MINT-Kaderschmieden schicken, scheint es nicht zu fehlen. Es wird von einer Mutter berichtet, deren 5-jährige Tochter Mika den Kindergarten in Kirjat Malachi besucht. Mutter über Mika:

Klar, sie wird Wissenschaftlerin. Sie ist so schlau, dass sie alles werden kann, was sie will.

Mika scheint das noch nicht zu ahnen:

Wenn man sie fragt, was sie am liebsten macht im Kindergarten, dann sagt sie: „Draußen spielen.“ Als nächstes dann: „Mit den Puppen spielen“, und schließlich auch: „Einen Roboter bauen, einen der fährt.“

Der Versuch, Kinder schon im Alter von fünf Jahren und jünger zur Bildung von Humankapital zu vereinnahmen, glückt offenbar nicht vollständig. Wie wir im Beitrag vom 10. März 2017 mit Mathias Binswanger festgestellt haben: Freude an Naturwissenschaften und Technik lässt sich nicht künstlich herbeizüchten. Das Unterfangen, es dennoch zur Sicherung des Industriestandorts irgendeiner Nation zu tun, ist abzulehnen.

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  1. MINT ist der Versuch, die „Bildung“ in den Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik zur Sicherung des Wirtschaftsstandorts Deutschland (oder eines anderen Landes) zu fördern. Unsere Kritik an MINT heißt nicht, dass wir die einzelnen Fächer Mathematik, Informatik, Physik, Chemie, Biologie und Technik geringschätzen. Wir wehren uns aber dagegen, dass diese Fächer für falsche Ziele oder für Ziele, die mit einer falschen Priorität verfolgt werden, missbraucht werden. Es macht einen Unterschied, ob es in der Schule vorrangig um Bildung oder vorrangig um die Bildung von Humankapital geht. Es macht einen Unterschied, ob ich ein Kind, einen Jugendlichen sich seiner selbst willen entwickeln lasse oder ob ich in ihm vorrangig eine zukünftige MINT-Fachkraft sehe. Keine Frage: Ein Industrieland braucht Physiker und Techniker. Aber das Leben besteht nicht oder nicht nur aus Autos, Computern und sogenannten Smartphones. Im Übrigen macht es einen Unterschied, ob ich Physik und Technik betreibe, um Waffen herzustellen oder um Solaranlagen zu entwickeln. Außerdem steht zu bezweifeln, ob ein Wirtschaftsstandort von einseitig ausgebildeten Fachidioten profitiert.