Kein Kind zurücklassen: Eltern sollten für erkrankte Lehrer einspringen

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Man könnte manchmal meinen, man würde nicht in einem reichen, hochentwickelten Industrieland leben, sondern in einer Bananenrepublik. WDR.de meldete vor Kurzem:

Langenfeld: Eltern dürfen Lehrer nicht vertreten

In einer Langenfelder Grundschule dürfen Eltern keine erkrankten Lehrer vertreten. Das hat die Bezirksregierung in Düsseldorf entschieden (06.04.2017). Die Leiterin der Schule hatte Eltern in einem Brief um ihre Mithilfe gebeten.

Die Eltern sollten in Zweier-Teams einspringen, wenn ein Lehrer für wenige Stunden oder einen Tag ausfällt. Das sei zwar eine kreative Idee, doch unterrichten dürften nur Lehrer, sagt die Bezirksregierung. Die Behörde will der Schulleitung jetzt helfen, einen Vertretungsplan zu erstellen. In der Schule gebe es nämlich genügend Lehrer, um auch Fehlzeiten aufzufangen. An den Grundschulen in NRW herrscht zur Zeit akuter Lehrermangel. Laut Bezirksregierung liegt das auch daran, dass angehende Grundschullehrer jetzt nicht mehr nur sechs, sondern mindestens zehn Semester studieren müssen.

Ach, liebe Bezirksregierung Düsseldorf, irgendwie wollen wir partout nicht glauben, dass die betroffene Schulleitung einfach nur zu blöde war, einen Vertretungsplan zu erstellen, und dafür die Hilfe der aufopferungsvollen Schulaufsichtsbehörde benötigt. Wir glauben eher, dass im Allgemeinen die Schulen in NRW Notstandsbetriebe sind und dass Schulleitungen den Mangel verwalten müssen, anstatt aus dem Vollen schöpfen zu können. „Dass viele Kollegen wegen Überlastung, die immer neue, häufig sinnentleerte Anforderungen mit sich bringen, krank werden, sei am Rande erwähnt“ (Friedhelm Lischewski). Schon mal darüber nachgedacht?

Die Westdeutsche Zeitung titelte am 27.05.2016:

Schulen ohne Leitung: Kaum ein Lehrer will Direktor sein

und schrieb (hier):

18 Düsseldorfer Schulen suchen aktuell nach einem Schulleiter, darunter fünf weiterführende Schulen, zwei Berufskollegs und elf Grundschulen. Die Suche nach Führungskräften an Schulen ist kein neues Problem, vielmehr besteht es bereits seit Jahren – und es betrifft besonders die Grundschulen.

Die Rheinische Post online schrieb am 18.12.2015:

Vakanzen: Schulleiter dringend gesucht

In Hilden fehlen aktuell zwei Direktoren und vier Stellvertreter. Besonders an Grundschulen winken Bewerber ab.

Auf derwesten.de ist eine Meldung vom 12.01.2013 zu lesen:

Schulleiter verzweifelt gesucht

Den deutschen Schulen gehen die Rektoren aus. Hunderte Bildungseinrichtungen müssen derzeit ohne einen Schulleiter auskommen, wie eine bundesweite Umfrage der Nachrichtenagentur dapd ergab. Besonders gravierend ist die Situation in Nordrhein-Westfalen: Mit 1.200 offenen Posten fehlt dort etwa an jeder fünften Schule ein Rektor oder Direktor – teilweise seit Jahren.

Und schließlich Spiegel online (04.05.2014) online:

Hunderte Schulen haben keinen Direktor

An vielen Grundschulen in Deutschland fehlt der Chef oder die Chefin, Hunderte Leitungspositionen sind unbesetzt. Besonders betroffen ist Nordrhein-Westfalen, wo Ende Januar an 328 von 2891 staatlichen Grundschulen ein Rektor fehlte – also an fast jeder neunten. Das geht aus einer Umfrage unter den Kultusministerien hervor, die die „Welt am Sonntag“ durchgeführt hat. Die Lehrergewerkschaft Bildung und Erziehung (VBE) sieht das Problem als hausgemacht an.

Liebe Bezirksregierung Düsseldorf, liebes Ministerium für Schule und Weiterbildung: Kann es sein, dass der Posten des Schulleiters so unattraktiv ist, weil „von oben“ weder Unterstützung noch Hilfe zu erwarten ist, sondern immer mehr Anforderungen, Aufgaben und Schikanen? Schon mal darüber nachgedacht?

Auf kein-kind-zuruecklassen.de, herausgegeben vom Land Nordrhein-Westfalen, ist zu lesen:

Das richtungsweisende Modellvorhaben „Kein Kind zurücklassen! Kommunen in NRW beugen vor“ der Landesregierung und der Bertelsmann Stiftung, das die Weichen für gelingendes Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen stellt, ist abgeschlossen.

Hahahahaha!

Mit zwei Berichten aus Praxis und Forschung liegen die Erkenntnisse aus der Modellphase vor, die jetzt in ganz NRW in die Fläche gebracht werden.

Bitte nicht!

Im Wahlprogramm der SPD NRW ist zu lesen:

Zentrales Vorhaben unserer Politik ist und bleibt die Initiative Kein Kind zurücklassen. Wir setzen auf eine Politik der Vorbeugung, die allen Kindern gleiche Chancen auf ein
gutes Aufwachsen, auf Bildung und auf gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen soll. […] Wir wollen die beste Bildung für jeden von Anfang an. Beste Bildung, unabhängig von der Herkunft und vom Geldbeutel der Eltern, ebnet den Weg in ein selbstbestimmtes Leben und zu sozialem Aufstieg. Unser Ziel deshalb auch für die nächsten Jahre und verstärkt: Kein Kind und keinen Menschen zurücklassen.

Im Wahlprogramm der Grünen NRW steht:

Unsere Grüne Schulpolitik ist verlässlich, gerecht und zukunftssicher. Wir haben die Strukturen der Zukunft geschaffen und werden sie stärken.

Beim Verarschen muss man aufpassen, das man nicht irgendwann sich selbst verarscht…

Das rot-grün regierte Land NRW schreibt:

Am 2. Juni 2016 haben Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und Dr. Brigitte Mohn, Mitglied des Vorstandes der Bertelsmann Stiftung, in der Staatskanzlei in Düsseldorf den Abschlussbericht des Modellprojektes „Kein Kind zurücklassen! Kommunen in NRW beugen vor“ vorgestellt: „Kein Kind zurücklassen ist ein Erfolg und wir wollen die vorbeugende Politik in Nordrhein-Westfalen fortsetzen – weil sie gut für die Kinder und für die Zukunft des Landes ist“, sagte Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. „Kein Kind zurücklassen“ habe den Praxistest bestanden. Aus dem Modellvorhaben ist ein Landesvorhaben geworden.

Frau Ministerpräsidentin Kraft, Sie werden genau wissen, wen Sie mit der Bertelsmann-Stiftung ins Boot geholt haben. Aber vielleicht bekommen Sie als „Sozialdemokratin“ doch noch nachträglich Skrupel. Über die Bertelsmann-Stiftung schrieb Wolfgang Lieb am 21.11.2012 auf den Nachdenkseiten („Herrschaft durch Meinungsmache? – Einfluss und Interesse des Bertelsmann-Konzerns an der Ökonomisierung des Bildungssystems.“)1:

Die Stiftung betrachtet

  • den Sozialstaat als überdehnt oder gar überholt
  • und vor allem strebt sie eine über den Wettbewerb hergestellte Effizienz als Steuerungsinstrument in allen gesellschaftlichen Bereichen an.

Und immer geht es Bertelsmann deshalb auch um ein Zurückdrängen des Staates, eine Verringerung der Staatsquote und – als Mittel dazu – um die Senkung der Steuerlast. […]

Von der Bundesregierung über zahlreiche Landesministerien, bis hin zur Kommunal- oder Finanzverwaltung überall dient Bertelsmann seine Vorschläge an. Bertelsmann hat Politiker wie den Europaparlamentarier Elmar Brok auf der pay-roll. (Brok ist Europabeaufragter des Vorstandes der Bertelsmann AG und Senior Vice President Media Development.)

Die Bertelsmann Stiftung hat es vermocht, ein enges personelles und organisatorisches Netzwerk zu einflussreichen Personen aus Kultur, Wissenschaft und Politik bis zu den Bundespräsidenten, vor allem zu Roman Herzog und Horst Köhler, zu flechten. Bei Bertelsmann absolvierten Schröder, Fischer, Merkel pünktlich ihre Antrittsbesuche. Und es ist ja nicht unter der Decke geblieben, dass die beiden „Grande Dames“ des deutschen Medienwesens Liz Mohn und Friede Springer in freundschaftlicher Verbundenheit zu Angela Merkel stehen.

Willkommen in der politisch korrupten Bananenrepublik NRW, in der mit Hilfe von überforderten Grundschulen, vakanten Schulleiterposten und der Bertelsmann-Stiftung kein Kind zurückgelassen wird!

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  1. Siehe auch Wolfgang Liebs Beitrag „Die Rolle der Bertelsmann Stiftung beim Abbau des Sozialstaates und der Demokratie oder: Wenn ein Konzern Politik stiftet – zum gemeinen Nutzen?“ (hier).