Schule in Zeiten digitaler Verblödung III

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„Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel.“ (Paul Watzlawick)

Am 20. September haben wir hier über das großartige Pilotprojekt „Tabletklasse“ des Einhard-Gymnasiums Aachen berichtet. Grundlage war ein Artikel der Aachener Nachrichten. Einer unserer Leser aus Aachen schrieb uns daraufhin eine Mail. Darin stand unter anderem:

Du beziehst deine Informationen aus den Inhalten des Zeitungsberichts über die Sitzung des Ausschusses. Wie mittlerweile so häufig in den Medien wird nur über das Negative berichtet, das Positive hat zu wenig Aufmerksamkeitscharakter. Wenn du dich über die gesamte Sachlage und somit auch über die positiven Auswirkungen informieren willst, kannst du dies unter folgendem Link tun: http://ratsinfo.aachen.de/bi/vo020.asp?VOLFDNR=17159.

Neugierig und skeptisch zugleich, sind wir dem Link gefolgt, um die angeblich positiven Auswirkungen zu finden. Die Seite, zu der der Link führt, enthält Erläuterungen zu dem Tagesordnungspunkt „Evaluation der Tabletklasse am Einhard Gymnasium“ der Sitzung des Schulausschusses des Aachener Stadtrates vom 7.9.2017 (sorry für den dreifachen Genitiv). Die Seite enthält zwar einige Informationen, aber so richtig überzeugende „positive Auswirkungen“ haben wir nicht gefunden — im Gegenteil. Die dort gefundene „Argumentation“ ist unterkomplex (= zu simpel). Wir haben keine Lust, sie hier ausführlich-vollständig zu analysieren und zu kommentieren. Es folgen daher lediglich ein paar ungeordnete, spontane Gedanken:

Dass die „Argumentation“ der Tabletklassenbefürworter viel zu kurz greift, wird durch ein Gedankenspiel deutlich. Bei den Erläuterungen heißt es unter dem Punkt 2.3 („Unterrichtsentwicklung“):

In Zusammenarbeit mit der RWTH Aachen wurde der Tableteinsatz mehrfach evaluiert. So wurden die unterrichtenden Kollegen/innen interviewt; die Schüler/innen kurz nach Beginn und nach einem Jahr befragt. Hier die wichtigsten Ergebnisse, die für die Unterrichtsentwicklung eine zentrale Rolle spielen […]:

  • Der Tablet-Einsatz hatte anfangs eine deutlich motivierende Wirkung auf die Schüler/innen. Diese lässt mit der Zeit nach.
  • Die Tablets wurden regelmäßig, d.h. „im Großteil der Stunden“, hauptsächlich als Schulbuchersatz, zur Recherche, zur Produkterstellung, zur Dokumentation und in Zusammenhang mit speziellen Apps eingesetzt.
  • Der Tableteinsatz fördert die Methodenvielfalt, das selbstständige Arbeiten und das Verständnis der Unterrichtsinhalte.
  • Die Schüler/innen beurteilen ihre Fähigkeiten in Hinblick auf die Nutzung von Werkzeugen als verbessert.
  • Ein Vergleich mit parallelen Lerngruppen bzgl. IT- Kompetenzen ist noch nicht vorhanden, aber für das anstehende Schuljahr geplant.
  • Der Einsatz digitaler Schulbücher funktioniert technisch, ist aber kompliziert. Viele Schüler/innen bevorzugen noch das gedruckte Buch.
  • Die vorhandene IT- Ausstattung (Computerräume, Beamer usw.) ist auch für die Tabletklasse notwendig. Programmierungen (Java, Delphi u.a.) oder die Nutzung aufwendiger Software (CAD, 3-D- Druck, Videoschnitt usw.) sind mit den Tablets gar nicht oder nur sehr umständlich möglich.

Unter 2.4 („Schulentwicklung“) heißt es:

Die Einführung der Tabletklasse erhöhte die Sensibilität in Bezug auf den Einsatz mobiler Endgeräte (Smartphones, Laptops, Tablets) im Unterricht. Es kam zu einer deutlich erhöhten Nutzung des vorhandenen Laptop- und Tabletpools- auch bei Kolleg/innen, die nicht in der Tabletklasse unterrichten.

Es wurde eine monatliche schulinterne Lehrerfortbildung institutionalisiert, in der Lehrer/innen regelmäßig IT und Unterricht verknüpfen.
Das Medienkonzept der Schule wird aktuell intensiv weiterentwickelt, insbesondere um soziale Aspekte noch mehr in den Blick zu nehmen. Außerdem wird ab dem Schuljahr 2017/2018 der Medienpass NRW umgesetzt. Zu diesem Zweck werden IT- Kompetenzen in die schulinternen Fachcurricula implementiert.
Aktuell besteht der Wunsch weiterer Klassen, Tabletklasse zu werden. Die Schulleitung wünscht und erwartet ab dem Schuljahr 2020/21 die Einführung des Computertablets als „normalem“ Unterrichtsmedium in allen Klassen ab Jahrgangsstufe 8.

Als „Fazit der Schule“ wird berichtet:

Aus Sicht der Schul- und Unterrichtsentwicklung ist die Einführung der Tabletklasse am Einhard-Gymnasium ein Erfolg. Die schulischen Gremien bestätigen diese Einschätzung und wünschen eine Fortführung des Konzepts.

Nun das Gedankenspiel: Stellen wir uns einmal vor, wir könnten 20 Jahre in die Zukunft reisen (am liebsten natürlich mit dem Zeitschiff Aeon unter dem Kommando von Colonel Braxton, den wir aus der „Raumschiff Voyager“-Doppelfolge „Vor dem Ende der Zukunft“ kennen). Die Schule ist dank FDP-Gebauer weitgehend „digitalisiert“ worden. Papier, Bleistift, Bücher, Tafel, Kreide werden nicht mehr benutzt; diese Medien und Hilfsmittel sind komplett verdrängt worden. In dieser Situation kommt irgendjemand — gesponsored von der Papier- und Bleistiftindustrie — an irgendeiner Schule auf die Idee: Lasst uns eine Papier- und Bleistift-Klasse einrichten! Die Schüler erhalten alle die Materialen, wie wir sie heute noch gewohnt sind: Schulbücher aus Papier, Hefte aus Papier, Füller, Bleistifte, Zirkel etc. Ein paar Begeisterte lassen sich gewinnen; eine Pilot-Klasse „Papier und Bleistift“ wird eingerichtet. Ein aufopferungsvoller Hausmeister montiert in dem Klassenraum eine Tafel. In Zusammenarbeit mit der RWTH Aachen wird der Einsatz von Papier, Bleistift etc. mehrfach evaluiert. So werden die unterrichtenden Kollegen/innen interviewt. Die Schüler/innen kurz nach Beginn und nach einem Jahr befragt. Hier die wichtigsten Ergebnisse, die für die Unterrichtsentwicklung eine zentrale Rolle spielen:

  • Der Einsatz von Papier und Bleistift hatte anfangs eine deutlich motivierende Wirkung auf die Schüler/innen. Diese lässt mit der Zeit nach.
  • Papier und Bleistift wurden regelmäßig, d.h. „im Großteil der Stunden“, hauptsächlich als Tablet- und Beamerersatz, zur Recherche, zur Produkterstellung, zur Dokumentation eingesetzt.
  • Der Einsatz von Papier und Bleistift fördert die Methodenvielfalt, das selbstständige Arbeiten und das Verständnis der Unterrichtsinhalte.
  • Die Schüler/innen beurteilen ihre Fähigkeiten in Hinblick auf die Nutzung von Werkzeugen als verbessert.
  • Ein Vergleich mit parallelen Lerngruppen bzgl. Papier- und Bleistiftkompetenzen ist noch nicht vorhanden, aber für das anstehende Schuljahr geplant.
  • Der Einsatz von Schulbüchern funktioniert.

Was die Schulentwicklung angeht, so ist Folgendes in diesem Szenario festzustellen: Es wird eine monatliche schulinterne Lehrerfortbildung institutionalisiert, in der Lehrer/innen regelmäßig Papier, Bleistift etc. und Unterricht verknüpfen. Das Papier- und Bleistiftkonzept der Schule wird aktuell intensiv weiterentwickelt, insbesondere um soziale Aspekte noch mehr in den Blick zu nehmen. Papier- und Bleistiftkompetenzen werden in die schulinternen Fachcurricula implementiert. Aktuell besteht der Wunsch weiterer Klassen, Papier- und Bleistiftklasse zu werden. Die Schulleitung wünscht und erwartet ab dem Schuljahr 2040/41 die Einführung von Papier, Bleistift etc. als „normalem“ Unterrichtsmedium in allen Klassen ab Jahrgangsstufe 8.

Das Fazit der Schule lautet: Aus Sicht der Schul- und Unterrichtsentwicklung ist die Einführung der Papier- und Bleistiftklasse am Einhard-Gymnasium ein Erfolg. Die schulischen Gremien bestätigen diese Einschätzung und wünschen eine Fortführung des Konzepts.

Ende des Gedankenspiels und damit Ende des Beweises, dass manche Befürworter digitaler Medien ihre „Argumentation“ überdenken sollten. Wie gesagt: „Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel.“

Wozu können wir noch unseren Senf geben?

Vor gut einem Jahr startete die Tabletklasse am Einhard-Gymnasium, um die Medienkompetenz der Schülerinnen und Schüler zu stärken und die Unterrichtsentwicklung in Hinblick auf die Individualisierung der Lernprozesse zu intensivieren.

Das hört sich natürlich toll an. Wir warten darauf, dass das Einhard-Gymnasium eine Klarinettenklasse einrichtet — das heißt, jeder Schüler bekommt eine Klarinette –, um die Klarinettenkompetenz der Schüler zu stärken und die Musikunterrichtsentwicklung in Hinblick auf die Individualisierung der Lernprozesse zu intensivieren. Das ist natürlich ein alberner Vorschlag, weil daran die IT-Industrie nichts verdient und man mit Musik im Gegensatz zu MINT den Wirtschaftsstandort Deutschland nicht retten kann. Mal im Ernst: Worin soll denn die zu erlernende Medienkompetenz bestehen? Darüber wird leider nichts gesagt. Es wäre auch schön, wenn sauber getrennt würde zwischen „Ich lerne etwas mit dem Computer“ und „Ich lerne etwas über den Computer“ (der Computer als Lernmittel bzw. als Lerngegenstand). Braucht allen Ernstes jeder Schüler ein Tablet, das er ständig mit sich rumschleppt, um „medienkompetent“ zu werden? Würde es nicht auch die „Medienkompetenz der Schülerinnen und Schüler“ stärken, wenn Schüler dazu animiert werden würden, Schülerzeitungen (auch auf Papier) herauszugeben? Warum redet darüber niemand, sondern immer nur von digitalem Strunz?

Wie oben geschrieben, lautete eines der „wichtigsten Ergebnisse“ der Evaluation der Tabletklasse: „Der Tableteinsatz fördert die Methodenvielfalt, das selbstständige Arbeiten und das Verständnis der Unterrichtsinhalte.“

1.) Zur Methodenvielfalt: Neil Postman schreibt in seinem Buch „Keine Götter mehr. Das Ende der Erziehung“ (1995, Berlin, S. 44f):

Es gab einmal eine Zeit, da Erzieher dafür berühmt wurden, dass sie Gründe für das Lernen lieferten; jetzt werden sie berühmt, weil sie eine Methode erfinden.
Daran sind natürlich viele Dinge falsch, nicht zuletzt die Tatsache, daß die Methodendiskussion von wichtigen Dingen ablenkt — zum Beispiel von der fundamentalen Einfachheit des Lehrens und Lernens, wenn sowohl der Lehrer als auch der Schüler einen Grund für Unterfangen haben, den sie beide anerkennen. Wie Theorode Roszak geschrieben hat: „Zuviel an Apparaten behindert nur, wie zuviel Bürokratie, den natürlichen Fluß (von Lehren und Lernen). Der freie menschliche Dialog, der überall dort stattfindet, wo es die Beweglichkeit des Denkens erlaubt, bildet das Herz der Erziehung. Wenn Lehrer nicht die Zeit, den Antrieb oder den Witz haben, um ihn herzustellen; wenn die Schüler zu demoralisiert, gelangweilt oder abgelenkt sind, um die Aufmerksamkeit aufzubringen, die ihre Lehrer von ihnen fordern, dann ist dies das erzieherische Problem, das gelöst werden muß — und zwar aus der Erfahrung der Lehrer und Schüler heraus.“
Dieses Problem ist, wie schon gesagt, seinem Wesen nach metaphysisch, nicht technisch. Und es ist traurig, daß viele unserer besten pädagogischen Köpfe das nicht anerkennen. Aber einige tun es, und es ist weder fair noch präzise zu sagen, daß den Erziehern die Metaphysik des Lehrens vollkommen gleichgültig ist. Die Wahrheit ist, daß die Schule ohne eine Begründung ihrer Existenz nicht leben kann […].

Hat man solche Worte jemals von einer Schulministerin gehört?

2.) Zum selbstständigen Arbeiten: Einerseits könnte man fragen: Wann arbeitet ein Schüler jemals selbstständig? Hat er nicht ständig Aufgaben zu erledigen, die der Lehrer ihm — strikt dem Lehrplan gehorchend — stellt? Andererseits: Wie kann es sein, dass Selbstständigkeit von einem Werkzeug abhängt? Kann man ohne Tablet nicht selbstständig arbeiten?

3.) Zum Verständnis der Unterrichtsinhalte: Der Tableteinsatz fördert das Verständnis der Unterrichtsinhalte? Ach ja? Aller Unterrichtsinhalte? Oder nur mancher? Tafel und Kreide, Schulbücher, eigenhändige Skizzen, Erklärungen des Lehrers fördern nicht das Verständnis der Unterrichtsinhalte?

Von der besagten Sitzung des Schulausschusses des Aachener Stadtrats gibt es ein Protokoll. In dessen Anlage findet sich eine Powerpoint-Präsentation der Schulleitung des Einhard-Gymnasiums. Die enhält die Ergebnisse der Umfrage unter den beteiligten Schülern und Lehrern der Tabletklasse. Ergebnisse ist jetzt nicht das richtige Wort; sie enthält Fragmente von Ergebnissen. Soweit wir die Fragmente richtig zusammengesetzt oder gedeutet haben, haben 6 der sieben befragten Lehrer zu der Aussage „Die Tablets tragen zum besseren Verständnis der Lerninhalte bei“ gesagt: „trifft eher zu“, einer hat „trifft weniger zu“ gesagt. Die Schüler wurden mit der Aussage „Ich verstehe bestimmte Dinge besser, wenn ich (auch) mit dem Tablet arbeite“ konfrontiert.

Ein Verständnis bestimmter Unterrichtsinhalte ist etwas anderes als ein Verständnis der oder aller Unterrichtsinhalte. Eine Legende für die Zahlen 1, 2, 3 und 4 auf der horizontalen Achse haben wir nicht gefunden. Die Schüler wurden aber auch mit der Aussage „Die Tablets tragen zum besseren Verständnis der Lerninhalte bei“ konfrontiert. 13 von 26 Schülern sagten dazu „trifft weniger zu“.

Wie man aufgrund dieser Daten zu dem Schluss kommt, der Tableteinsatz würde das Verständnis der Unterrichtsinhalte fördern, erschließt sich uns nicht. Da argumentiert ja selbst Donald Trump seriöser — sorry, das war polemisch. Wir empfehlen, nicht nur die Tablets, sondern auch das eigene Gehirn einzuschalten. Warum wurden die Schüler übrigens nicht mit dem Satz konfrontiert: „Während des Unterrichts habe ich heimlich am Tablet Spiele gespielt oder mit meiner Freundin gechattet.“? Und: Wann wird an der RWTH Aachen die erste Doktorarbeit über die Tabletklasse des Einhard-Gymnasiums geschrieben?

Was noch? Man muss sich einmal vergegenwärtigen, wie viel Manpower in ein solch fragwürdiges Tabletklassenprojekt, dessen Nutzen überhaupt nicht belegt ist, gesteckt wird.
Offenbar weil die digitalen Schulbücher laut der Powerpoint-Präsentation „organisatorisch unausgereift“ sind, schlug ein Mitglied des Schulausschusses laut Protokoll vor, „dass die Schulen ihre eigenen interaktiven Unterrichtsmaterialien entwickeln und diese anschließend untereinander auf einer eigens geschaffenen Plattform austauschen könnten“. Herr Frühwein, Stellvertretender Schulleiter des Einhard-Gymnasiums, sagte daraufhin, „dass die Entwicklung eigener Unterrichtsmaterialien sehr viel Energie und Zeit koste. Zwar habe man solches Material bereits entwickelt und auch im Unterricht eingesetzt, jedoch müsse der Lernerfolg nachhaltig gewährleistet sein“. Ist der Lernerfolg etwa nicht nachhaltig gewährleistet? Welcher Sinn steckt dahinter, Schulbücher mit Hilfe von Tablets aus der Schulwelt zu verdrängen, sodass man dann mit viel Energie und Zeit alternative, digitale „interaktive Unterrichtsmaterialien“ entwickeln muss? — „Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel.“

Im Protokoll heißt es ferner:

Zum Abschluss seiner Präsentation legt Herr Frühwein dar, dass aktuell die Wartung der Geräte noch über die Schule selber erfolge. Hier müsse man schauen, ob eine Wartung nicht auch über das Förderprogramm Gute Schule 2020 möglich sei, da der Aufwand für diesen Prozess finanziell und personell sehr belastend für die Schule sei. Herr Kwiatkowski [vom Einhard-Gymnasium] ergänzt, dass besonders zu Beginn des Schul- und Halbjahres ein erhöhter Arbeitsaufwand anfalle, sowohl im pädagogischen als auch im technischen Bereich. Eine genaue Stundenzahl könne er jedoch nicht beziffern. Hinzu kämen auch noch die Fortbildungen, an welchen die Kolleginnen und Kollegen regelmäßig teilnehmen würden, um stets auf dem aktuellen Stand der Entwicklungen zu bleiben. […] Herr Auler [Mitglied des Schulausschusses] bekräftigt, dass insbesondere Lehrerfortbildungen nötig seien, um das Personal entsprechend auf die anstehende Entwicklung vorzubereiten.

Ist Pädagogik Dienst am Menschen oder Dienst an Maschinen? Gibt es an Schulen nichts Wichtigeres, als „auf dem aktuellen Stand“ digitaler Technik zu sein? Besteht zum Beispiel kein Fortbildungsbedarf in psychoanalytischer Pädagogik? Peter Fürstenau und Hans Zulliger, kennt die jemand? Sollten die Fachkonferenzen Mathematik nicht vielleicht mal lieber auf die Idee kommen, gegen die Abwicklung des Mathematikunterrichts und gegen den GTR zu protestieren? Die Inhalte und die Motive sind das Wichtige, nicht die Methoden und Geräte.

Warum werden Risiken und Nebenwirkungen digitaler Medien partout nicht zur Kenntnis genommen? Hier ein paar Hinweise darauf, dass nicht alles Gold ist, was digital ist:

  • „Neuere Studien über das Lesen am Bildschirm befeuern die Kritiker an der Computerisierung der Klassenzimmer: Der Sinn von Texten werde so nicht richtig erfasst.“ (Süddeutsche Zeitung, „Lesen am Bildschirm. Der freie Fall der Seh-Linie“, 17. Mai 2010)
  • „Berichtet wurde über die Forschungsergebnisse der Psychologen Pam Mueller von der Universität Princeton und Daniel Oppenheimer von der Universität von Kalifornien in Los Angeles: „Die Forscher ließen ihre Probanden Vorträge protokollieren — entweder auf dem Rechner oder mit Stift und Papier. Anschließend prüften sie die Teilnehmer mit unterschiedlich konzipierten Aufgaben. Wurde nur das reine Faktenwissen abgefragt, zeigten sich nur geringe Unterschiede. Bei Transferleistungen fiel die Laptop-Gruppe hingegen deutlich ab. Mit der Hand zu schreiben stimulieren wohl die kognitive Verarbeitung, so die Autoren.“ (Süddeutsche Zeitung, 2. Mai 2014, „Bleistift statt Laptop. Über das Schreiben und Lernen“)
  • „Herr Wößmann, Sie haben die Daten von über 400 000 Viert- und Achtklässlern analysiert, die am internationalen Schülerleistungstest TIMS in Mathematik und Naturwissenschaften teilgenommen haben. Dabei haben Sie festgestellt, dass der Einsatz von Computern im Unterricht für den Lernerfolg der Kinder im Schnitt nichts bringt. Ziemlich enttäuschend, oder?
    [Wößmann:] In der Tat, aber das ist auch nichts Neues. Zahlreiche Studien haben das schon gezeigt. Zwar sehen Sie meist einen Unterschied, wenn eine Schule oder eine Klasse verstärkt Computer im Unterricht einsetzt. Aber das ist ja kein kontrolliertes Experiment. Diese Schule hat ein bestimmtes Umfeld, ist vielleicht insgesamt besser ausgestattet, die Lehrkraft ist besonders motiviert, die Schüler sind nicht zufällig ausgewählt und kommen vielleicht aus überdurchschnittlich wohlhabenden Familien. Je mehr Sie solche Einflüsse herausrechnen, umso weniger bleibt von einem eventuellen positiven Lerneffekt übrig.“ („Papier und Bleistift sind effektiver“, Magazin Schule)
  • „Ein paar einfache, schnelle Skizzen per Hand können bei den ersten Überlegungen zu einem neuen Webdesign wahre Wunder bewirken und meiner Ansicht nach jede Menge Zeit sparen. Natürlich ist man es als Webdesigner gewohnt, alle Arbeiten direkt am Computer zu erledigen. Und gerade deshalb finde ich es so sinnvoll, zu Beginn eines neuen Projekts den Computer auch einmal auszuschalten und die ersten Gedanken ganz simpel und old fashioned mit Papier und Stift festzuhalten.“ („Wieso Stift und Papier noch keine Fremdwörter für Webdesigner sind“, Elmastudio)
  • „Dr. Eckart von Hirschhausen hat ein gutes Mittel fürs Gehirn: Computer aus, Buch auf. Der Mediziner und Moderator plädiert für Handschrift und Gedrucktes, weil die digitalen Medien so flüchtig sind.“ („Eckhart von Hirschhausen – Weshalb das Buch den Bildschirm schlägt“, derwesten.de)
  • Buchtipp: „Einfach abschalten: Gut leben in der digitalen Welt“ von William Powers

Es wird nirgends sauber und gründlich erörtert, was genau der Nutzen irgendeiner Digitalisierungsmaßnahme (hier der Tabletisierung der Schüler) ist, welche Kosten (nicht nur finanzieller Art) entstehen, welcher Zweck genau verfolgt wird, wer diesen Zweck warum setzt und ob es nicht andere, wichtigere Zwecke gibt.

Damit es auch der letzte Digitalfetischist versteht: Ein Auto oder ein Haustier zu haben, mag positive Auswirkungen haben — aber nicht nur. Von den Anschaffungskosten abgesehen bereitet ein Auto oder ein Haustier auch Umstände und Probleme. Ob es sich lohnt, muss im Zweifel abgewogen werden. Für jemanden, der ein Auto nicht unbedingt braucht und nur überschaubare finanzielle Mittel hat, stellt sich allein bei der möglichen Anschaffung die Frage nach der Priorität, also danach, ob und in welchem Umfang er sein Geld für ein Auto oder für etwas anderes einsetzen will. Bei dieser Entscheidung nur einen Autoverkäufer um Rat zu fragen, wäre nicht besonders klug. Aus der Tatsache, dass ein Auto die eine oder andere positive Auswirkung hat, folgt noch lange nicht, dass jemand ein Auto haben muss. Im Allgemeinen führen mehrere Wege nach Rom. Alle Wege gleichzeitig zu gehen, geht nicht; und für jeden Weg ein eigenes Verkehrsmittel bereitzuhalten, ist überflüssig. Wer sich ein Haustier anschafft, setzt eine Priorität, insbesondere einen Teil seiner Zeit dem Haustier zu widmen und nichts anderem. Eine Schule, die eine Tabletklasse einrichtet, eine Stadt, die digitale Medien finanziert, ein Land, dass die Digitalisierung der Schulen vorantreibt, setzt eine Priorität. Die dafür eingesetzte Energie (Geld, Manpower) steht für andere Sachen nicht zur Verfügung.

Hier nochmal das Video, auf dem die positiven Auswirkungen von Smartphones & Co. gezeigt werden:

Und jetzt: Abschalten!