Wie die Ziege, die den Bauern mit Milch besticht

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Eugen Drewermann sprach vor Schulleitern über „Beamte als Chefs“

Es ist eine Weile her. Der Psychoanalytiker und Theologe Eugen Drewermann aus Paderborn hielt vor 26 Jahren einen Vortrag zum Thema „Die Kindheit eines Chefs oder die Einsamkeit des Mächtigen“. Drewermann war eingeladen worden von der damaligen Schulleitervereinigung Nordrhein-Westfalen (heute Schulleitungsvereinigung NRW). In deren Zeitschrift Schulleitung in NRW erschien in der Ausgabe vom April 1991 der Artikel „Wieviel Macht braucht der Mensch?“, der zwei Berichte über Drewermanns Vortrag enthält. Mit freundlicher Genehmigung der Schulleitungsvereinigung wiederveröffentlichen wir diesen Artikel. Im nächsten Beitrag werden wir den gesamten Vortrag im Wortlaut wiederveröffentlichen.

Aus Schulleitung in NRW (April 1991)1:

Wieviel Macht braucht der Mensch?
– Frühjahrstagung im Spiegel der Medien —

(joh). Dr. Eugen Drewermann referierte und diskutierte auf unserer Frühjahrstagung am 5. März 1991 in überzeugender Weise über die Probleme der Mächtigen in Schule und Gesellschaft. Das Thema „Die Kindheit eines Chefs oder die Einsamkeit des Mächtigen” fand so viel Anklang, daß sowohl der WDR am nächsten Tag im Hörfunk als auch die Westdeutsche Allgemeine Zeitung darüber berichteten. Hier zunächst der Wortlaut des WDR-Berichts, verfaßt von der Redakteurin DAGMAR DIEDENHOFEN:

„Nachdenken über das eigene Rollenverhalten stand gestern bei einer Fortbildungsveranstaltung der Schulleitervereinigung Nordrhein-Westfalen auf dem Stundenplan. In der Bochumer Ruhr-Universität lauschten die Schulleiter einem Mann, der bekannt dafür ist, daß seine Thesen den Nerv treffen. Dr. Eugen Drewermann, streitbarer Theologe aus Paderborn, analysierte die Kindheit eines Chefs.

Die Schulleitervereinigung Nordrhein-Westfalen hatte sich mit dieser Veranstaltung auf ein Experiment eingelassen. Vor Überraschungen sei man bei diesem Mann nie sicher, erklärte mir einer der Verantwortlichen mit einem leichten, unsicheren Beben in der Stimme vor Beginn des Vortrages. Der streitbare Theologe und Wissenschaftler Dr. Eugen Drewermann hat schließlich mit seinem Buch ’Kleriker – Psychogramm eines Ideals’ und mit seinen aufsehenerregenden Thesen über die psychischen Probleme katholischer Geistlicher den Vatikan so weit herausgefordert, daß Rom den zuständigen Ortsbischof in Paderborn anwies, gegen Drewermann ein Disziplinarverfahren einzuleiten. ’Die Kindheit eines Chefs oder die Einsamkeit des Mächtigen’, unter diesen Titel hatte der Paderborner Wissenschaftler und Theologe seinen Vortrag für die Schulleiter gestellt. Er zeichnete die Kindheit eines Chefs anhand einer Novelle von Jean Paul Sartre nach, in der die Gestalt des Lucien Fleurier im Mittelpunkt steht:

Drewermann:

Ein Mann, der aufsteigt in der Karriere zum Chef eines Industrieunternehmens in den Fußspuren seines Vaters, einfach weil er persönlich überhaupt nie gelebt hat. Er flieht seit seiner Kindheit vor sich selber, lebt wie im Traum, haßt sich, seine eigene Körperlichkeit, das Chaos seiner Gefühlsempfindungen, und aus lauter Angst vor allem, was er selber sein könnte, paßt er sich immer mehr dem Erwartungsdruck der Meute an, der er zugehört. Er wird schließlich ein Mann voller Macht, er sitzt ganz oben auf, er ist ein eingefleischter Antisemit. Aber er ist all dieses nur, weil es den Menschen Lucien Fleurier überhaupt nicht gibt. Er ist unfähig zur Liebe, er ist unfähig zu irgendeinem Wort der Ehrlichkeit, er geht mit Menschen um wie mit Marionetten, nur weil er selber nichts weiter ist als eine Marionette.

Das Beispiel eines Aufsteigers, eines Mannes in Führungsposition. 150 Schulleiter aus Nordrhein-Westfalen hörten gespannt zu, und mancher grübelte ganz augenscheinlich über Ähnlichkeiten mit dem eigenen Lebensweg. Neben die Kritik an der Beamtenmentalität, an den so viel zitierten Aufsteigerqualitäten stellte Dr. Eugen Drewermann aber auch die Frage nach der Zukunftsperspektive.

Drewermann:

Ich glaube, ein ganz großes Problem der Schulerziehung heute besteht in der Grundsatzfrage, was wir wollen. Ob wir Menschen bilden, heranziehen möchten, die den Mut haben, ihre eigene Individualität und Unvertauschbarkeit mit in ihr Leben zu tragen, oder ob wir angepaßte Funktionäre ausbilden wollen. Menschen, die im Grunde nichts weiter sind als der Teilzubehör einer riesigen Maschinerie: die grauen Herren.

Fortbildung für Schulleiter, das war das Ziel der Bochumer Veranstaltung. Ein Ziel, das das nordrhein-westfälische Kultusministerium nicht anerkannte. Für die Fortbildungsveranstaltung mit dem Paderborner Theologen, der von sich selbst sagt, man nehme ihm nicht die Antworten übel, die er versuche, sondern die Fragen, die er stelle, gab es für die Schulleiter keine Freistellung. Das Thema sei nicht spezifisch genug, argumentierte das Ministerium.”

Soweit der Bericht der WDR-Redakteurin DAGMAR DIEDENHOFEN. Auch die Westdeutsche Allgemeine Zeitung berichtete ausführlich über die Tagung. Hier der ungekürzte Bericht der Wissenschafts-Redakteurin GUDRUN NORBISRATH:

WIE DIE ZIEGE, DIE DEN BAUERN MIT MILCH BESTICHT

Der umstrittene Theologe Eugen Drewermann sprach vor Schulleitern über ’Beamte als Chefs’

Eugen Drewermann macht es denen leicht, die außen stehen. Denjenigen, die betroffen sind, macht er es unendlich schwer. „Kleriker”, das Buch, das den Theologen und Psychotherapeuten bekannt gemacht hat, gilt als entlarvendes Dokument der Ehrlichkeit — für alle, die selbst keine Kleriker sind. Die katholische Kirche erwägt, Drewermann die Lehrerlaubnis zu entziehen.

Die nordrhein-westfälischen Schulleiter, deren Einladung Eugen Drewermann nach Bochum gefolgt war, hätten allen Grund gehabt, die Schärfe des Redners mit ähnlicher Konsequenz zu quittieren. Das Kultusministerium muß es geahnt haben. Der Vortrag, als Fortbildung angeboten, wurde nicht als „sonderurlaubsfähig” anerkannt: „weil die Thematik nicht direkt zum Aufgabenfeld von Schulleitung” gehöre. Da allerdings irrt der Minister.

Leise, präzis und außerordentlich eindringlich entwarf Drewermann das Bild des Schulleiters, der unfreie Schüler erziehe, weil er selbst unfrei sei. Drewermann sagt nicht „vielleicht” und nicht: Mancher ist so. Er erklärt den Typus des Beamten und ausdrücklich den des beamteten Chefs als einen Menschen, der in seiner Kindheit Ablehnung und Unsicherheit erfahren hat und als Erwachsener sein Unwert-Gefühl hinter Schilden von geborgter Macht und angstvoll geheim gehaltenen Selbstzweifeln versteckt.

Drewermann sagt unglaubliche Sätze. Nicht kraftvolle Charaktere und gesunde Individuen drängten in diese Rolle; wer so stark sei, schlüpfe nicht in die Hülle des Beamten: sondern diejenigen, die in mimosenhafter Empfindlichkeit Schutz suchten auf der Flucht vor sich selbst. Und, schlimmer noch: Überangepaßtheit sei das Kennzeichen derer, die im Grau des Beamtenstatus die Funktion des Vorgesetzten suchten; vorauseilender Gehorsam, durch den der verloren geglaubte Schein der Berechtigung über das eigene Dasein gelegt werde. Solche Menschen verwirklichten nie, was sie selbst wünschten, sie schauten nur, was andere von ihnen erwarten.

Das sind harte Worte. Sie werden nicht erträglicher durch das Beispiel von der Ziege, das Drewermann vorträgt, als wäre er sich der Provokation seiner Worte unbewußt: Wie die Ziege, die weiß, daß sie geschlachtet wird und durch unmäßige Produktion von Milch den Bauern besticht, sie am Leben zu lassen, gerade so suche der Beamte sein als überflüssig erkanntes Leben wünschenswert zu machen. Die Schulleiter lachen wohlwollend und ungläubig dazu und protestieren nicht.

Nur einer ist hinausgegangen, er hat es wohl nicht mehr ertragen. Die anderen nicken nachdenklich zu dem Schlußwort, das als Appell und Lösungsangebot gemeint ist: Keinen anderen Weg gebe es, als Erzieher zu wirken, als an der eigenen Menschwerdung zu arbeiten: „Wenn wir uns einbringen als die, die wir sind”. Offen blieb beim akademischen Schlußapplaus, ob manche Zustimmung nicht aus Mißverständnis und Verdrängung entstand.

Soweit der Bericht von GUDRUN NORBISRATH.

Wegen der vielen Nachfragen, die inzwischen in unserer Ge­schäftsstelle eingegangen sind, werden wir in der nächsten Ausgabe von Schulleitung in NRW den gesamten Vortrag von Dr. Eugen Drewermann veröffentlichen. Dann wird sich auch die Frage klären, ob die Zustimmung zu den Ausführungen von Eugen Drewermann aus Mißverständnis oder Verdrängung erfolgte.

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  1. Den eingescannten Artikel gibt es hier.