Digitalisierung über alles!

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Die Staatsministerin Dorothee Bär überzeugt mit bestechender Logik.

Hin und wieder kriegen wir zu hören, wir seien grundsätzlich gegen digitale Medien in der Schule. Das stimmt nicht. Aber wir sind grundsätzlich gegen dumme, unterkomplexe, interessengesteuerte „Argumentationen“, deren Urheber die Digitalisierung ohne Rücksicht auf Risiken und Nebenwirkungen pushen wollen. Misstrauen ist erste Bürgerpflicht. Albrecht Müller fragte völlig zu Recht auf den NachDenkSeiten: „Digitalisierung: Führen sie etwas im Schilde?“

Zwei Beispiele für eine eher fragwürdige Meinungsäußerung in Sachen Digitalisierung lieferte vor einer Weile Dorothee Bär (CSU), Staatsministerin für Digitalisierung in der Bundesregierung.

1.) In der Kölnischen Rundschau vom 12. März 2018 war zu lesen („Lob für Vorstoß“, S. 5):

Die Digitalisierung hält die CSU-Politikerin für das wichtigste Thema im Bundeskabinett. Dem „Focus“ sagte Bär auf die Frage, was sie am Ende ihrer Amtszeit erreicht haben will: „Jeder Ministerkollege von mir soll auf die Frage, was das wichtigste politische Projekt war, antworten: die Digitalisierung in unserem Land.“

Aha — die Digitalisierung soll also wichtiger sein als:

  • die Bekämpfung von Armut,
  • die Teilhabe aller Menschen am gemeinsam erarbeiteten Wohlstand,
  • der ökologische Umbau der Gesellschaft,
  • die Lösung der Eurokrise,
  • die friedliche Lösung bewaffneter Konflikte weltweit,
  • die Integration von Flüchtlingen.

2.) In einem Interview mit der Bild-Zeitung („Die neue Digital-Ministerin Dorothee Bär im BILD-Interview“) sagte Bär auf die super-kritische Bemerkung des Interviewers, auch Kinder in den USA seien unseren bei Digitalisierung voraus:

Leider ja. Es ist ein Irrglaube, dass alle Kinder, die sich für Computer interessieren, dick und faul werden. Quatsch!

Wer hat jemals behauptet, alle Kinder, die sich für Computer interessieren, würden dick und faul? Aber wer diese nie aufgestellte Behauptung als „Irrglaube“ brandmarkt, ist argumentativ sofort im Vorteil. Wer den vermeintlichen Quatsch anderer Leute messerscharf erkennt, der redet selber natürlich nie Quatsch. Ein genialer Argumentationstrick! Die dann folgende Logik der Staatsministerin würde selbst Tuvok vom Raumschiff Voyager Respekt abverlangen:

Man kann auf Bäume klettern und trotzdem eine Programmiersprache können! Deshalb muss Programmieren in die Lehrpläne der Grundschule. Es ist so wichtig wie Lesen und Schreiben.

Alles klar. Man kann auf Bäume klettern und trotzdem die Bildzeitung in der Pfeife rauchen. Deshalb muss das Bildzeitung-in-der-Pfeife-Rauchen in die Lehrpläne der Grundschule. Wie kann Programmieren so wichtig wie Lesen und Schreiben sein? Wer weder lesen noch schreiben kann, der kommt im Leben genauso gut zurecht wie jemand, der nicht programmieren kann?

Auf die wieder super-kritische Bemerkung des Interviewers, heute sähen viele Klassenzimmer noch aus wie bei der Feuerzangenbowle, sagte Bär:

Mich schmerzt, wenn meine Tochter einen Kilo-schweren Ranzen voller Bücher in die Schule schleppt. Die Klassenzimmer müssen nach und und nach digitalisiert werden. Tablets dürfen kein Privileg nur von Kindern in Privatschulen sein. Sondern die Norm.

Uns schmerzen solche Bilder1:

Übrigens: „Je mehr Zeit Kinder vor Bildschirmen verbringen, desto schlechter schlafen sie. Das dokumentiert eine Untersuchung für die Altersgruppe der Dreijährigen. […] Die aktuell für die Dreijährigen festgestellten Zusammenhänge bezeichnen die Mediziner als alarmierend“ (Ökotest, „Medienkonsum und Schlaf“, 13.2.2018). Aber die Gesundheit von Kindern ist offenbar nicht das wichtigste Projekt der Bundesregierung…



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  1. Screenshot aus dem youtube-Video https://www.youtube.com/watch?v=NJ3MMU1S1DU

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