Schülervertretungen erhalten Preise für fragwürdige Arbeit

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Loss mer fiere, loss mer danze!

In unserem Beitrag vom 30. Oktober 2017 haben wir uns mit den Aufgaben einer Schülervertretung (SV) beschäftigt. Angesichts einiger nicht so vorbildlicher Schülervertretungen haben wir geschrieben:

Nikolaus- und Valentinsaktion, Kinderbetreuung etc. gehören in unseren Augen nicht zu den vorrangigen Aufgaben einer SV […]. Der Schwerpunkt der SV-Arbeit sollte vielmehr darauf liegen, Rechte und Interessen der Schülerschaft — möglichst allumfassend und planvoll — gegenüber der Schulleitung, in der Schulkonferenz und, wenn nötig, öffentlich zu vertreten: Welche Wünsche, Anliegen, Forderungen, Bedürfnisse, Sorgen haben die (Mit-)Schüler? Welche Missstände gibt es? Wo drückt der Schuh? Welche Probleme gibt es? Was läuft schief? Was könnte man wie besser machen?

In den Aachener Nachrichten haben wir jüngst gelesen, dass beim „bislang größten“ Schülervertretungstag der Städteregion Aachen „besonders erfolgreich arbeitende Gremien mit Preisen“ belohnt worden seien („Mitbestimmung lernen und den Lehrern zeigen, wo es langgeht“ von Rolf Hohl, Aachener Nachrichten, 17. März 2018, S. 22, online verkürzt unter „Ein Musterbeispiel für Mitbestimmung in der Schule“). Die Preise wurden von der sogenannten Koordinationsstelle Jugendpartizipation der Städteregion Aachen vergeben. In dem Artikel heißt es:

Den ersten Preis als beste Schülervertretung der Städteregion holte in diesem Jahr das städtische Gymnasium Eschweiler. „Dort haben die Schülervertreter nicht nur regelmäßige Kinoabende organisiert, sondern auch Schüler nach ihren Bedürfnissen gefragt, um darauf die Arbeit der Vertretung aufzubauen“, lobte Pia Kraushaar von der Koordinationsstelle Jugendpartizipation der Städteregion. Zur Urkunde, die die gute Arbeit der Schülervertretung belegt, gab es ein Preisgeld von 300 Euro. Die Vorjahressieger von der Bischöflichen Liebfrauenschule aus Eschweiler haben sich davon zum Beispiel eine Popcorn-Maschine gekauft. Doch auch die Zweitplatzierten von der Gesamtschule Kohlscheid und die drittbeste Vertretung vom Gymnasium Alsdorf gingen nicht leer aus.

Schüler nach ihren Bedürfnissen zu fragen, hört sich gut an. Die Organisation von Kinoabenden und der Kauf einer Popcorn-Maschine deuten dagegen auf „Brot und Spiele fürs Volk“ hin — Grund genug, skeptisch zu sein. Auf der Internetseite der SV des Gymnasiums Eschweiler heißt es:

Die SV vertritt Meinung und Anliegen der Schülerschaft – unter anderem in der Schulkonferenz – und leistet einen wichtigen Beitrag zur Attraktivität unseres Schullebens (z.B. Rosenaktion am Valentinstag, Organisation der Weihnachts- und Karnevalsfeiern).

Ein Hinweis auf die Befragung der Schüler nach ihren Bedürfnissen findet sich nicht, auch nicht auf der Facebook-Seite dieser SV. Stattdessen gibt es dort Beiträge über:

  • Mittelstufenball 2018,
  • Unterstufenball 2018,
  • Valentinsaktion,
  • Ehemaligen-Café des städtischen Gymnasiums Eschweiler,
  • Waffelstände am Elternsprechtag.

Aber vielleicht ist das einfach nur schlechte PR-Arbeit.

Wie sieht es bei dem zweiten Sieger aus? Auf der Homepage der SV der Gesamtschule Kohlscheid lesen wir unter „Valentinstag 2018“, „Karneval 2018“ bzw. „SV-Fahrt 2018“:

  • Wie bereits im letzten Jahr hat die Schülervertretung wieder eine Rosen-Aktion zum Valentinstag organisiert. […] Eine tolle Idee die bestimmt zur Tradition wird.

  • In diesem Jahr organisierte die SV bereits die zweite Karnevalsfeier für unsere Schule. […] Viele Klassen haben Tänze aufgeführt oder Witze erzählt. Auch die Lehrer haben mitgemacht und auf der Bühne ihre Kostüme präsentiert. Es wurde viel gefeiert und gelacht. In diesem Jahr gab es sogar eine Snack-Bar, an der man sich Süßigkeiten kaufen konnte!

  • Vom 30.01. bis zum 01.02. sind wir, die SV, in die Jugendherberge Monschau Hargard auf SV-Fahrt gefahren. Am ersten Abend haben uns unsere Vertrauenslehrerinnen […] mit einer tollen Party überrascht. Alle Schüler haben viel getanzt, gesungen und gelacht!

    Am nächsten Tag haben wir trotzdem schon früh mit unserer Arbeit begonnen. Wir haben unsere weiteren Ziele für das laufende Schuljahr diskutiert und festgelegt. Wir haben uns noch einiges vorgenommen und sind uns sicher, dass wir mit Teamgeist und starkem Willen vieles umsetzen können.

    Am Abend des 31.01. hatten wir, nachdem wir am Tag schon einiges für die Karnevalsfeier geplant hatten, die Idee, dass wir als SV einen gemeinsamen Tanz für die Feier am Fettdonnerstag vorbereiten könnten. Durch viel Übung und Spaß erarbeiteten wir in kurzer Zeit einen coolen Tanz, bei dem alle mitmachten!

Über weitere Aktivitäten im Schuljahr 2017/2018 wird nicht berichtet. Vielleicht wieder nur schlechte PR-Arbeit — oder doch ein Beispiel für „Brot und Spiele fürs Volk“?

Wie sieht es bei dem dritten Sieger aus? Unsere Vermutung, dass dort noch mehr gefeiert und getanzt wird, wurde zwar nicht bestätigt, beeindruckt sind wir aber auch nicht. Auf der Seite der SV des Gymnasiums Alsdorf heißt es:

Ein großes Ziel von uns ist es, unsere Schulgemeinde zu stärken und zu fördern. Um dies gewährleisten zu können, beschäftigen wir uns mit vielen Aufgabenbereichen. Eine unserer Aufgaben ist die Teilnahme an der Schulkonferenz. […] Als Schülervertretung sind wir auch ein Teil der BSV (Bezirksschülervertretung). […]

Ein weiterer Aufgabenbereich stellt das Planen, Organisieren und Durchführen von Aktionen der SV für unsere Schüler dar. Mit Aktionen, wie der „Filmenacht“ oder dem „Unterstufenfußball-Turnier“ möchten wir das Schulleben abwechslungsreicher gestalten und das Zusammenleben in der Klassen- so wie Schulgemeinschaft verbessern.

Wir als SV unterstützen und fördern auch soziale Projekte wie beispielsweise „Aktion Tagwerk“.

Zudem ist es den Schülerinnen und Schülern seit einiger Zeit möglich in den Mittagspausen Fußbälle, Basketbälle, Tischtennisschläger, Gesellschaftsspiele und vieles mehr in unserer „Spielausgabe“, die von SV-Mitgliedern beaufsichtigt wird, auszuleihen.

Unter „Unsere Aktivitäten in diesem Schuljahr“ werden aufgezählt: Tag der offenen Tür, Nikolaus-Aktion, Weihnachtsbaum Aktion, Filmenacht, Lesenachmittag, Unterstufenfete, Deko-Aktion, Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage, Mittelstufen-Party, Osterhasen-Aktion, Sponsorenlauf, Aktion Tagwerk, Unterstufenfußball-Turnier, Mittelstufensporttag.

Ein Auszug aus dem SV-Flyer sagt mehr als 1000 Worte:

Auf den jeweiligen Homepages dieser drei siegreichen Schülervertretungen deutet nichts darauf hin, dass deren Arbeit ähnlich gut strukturiert ist wie die der Adolfinum-SV, deren vorbildliche Satzung zum Beispiel eine Junior-SV und einen Mittelstufenrat vorsieht (siehe „Aufgaben einer Schülervertretung“).

Laut Schulgesetz werden Schülervertretungen von Verbindungslehrern unterstützt. Wie es scheint, geht diese Unterstützung mancherorts in die falsche Richtung. Warum werden diverse Schülervertretungen von ihren Verbindungslehrern nicht dahingehend beraten, sich weniger um Brot und Spiele zu kümmern, sondern vielmehr die Rechte und Interessen von Schülern zu vertreten? Wo sind die kompetenten Politiklehrer, die gegen diese Fehlentwicklung protestieren?

Aber vielleicht unterschätzen wir einfach nur die positive Wirkung von Karneval und Partys auf Demokratie und Mitbestimmung — Kumm loss mer danze, dat deiht eso joot:

PS
Ach, wie toll wäre es, wenn eine Schülervertretung mal gegen den dämlichen GTR protestieren würde!

„Wir können es ändern. Wir sind nicht hoffnungslose Idioten der Geschichte, die unfähig sind, ihr eigenes Schicksal in die Hand zu nehmen. Das haben sie uns jahrhundertelang eingeredet“ (Rudi Dutschke, siehe „‚Wir können eine Welt gestalten, wie sie die Welt noch nie gesehen hat‘ – Vor 50 Jahren wurde Rudi Dutschke Opfer eines Attentats“ auf den NachDenkSeiten).

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