Beseitigt die Bürokratie im Schulwesen!

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In jeder Bürokratie sitzen kleine Diktatoren, die nichts lieber tun, als immer neue Anweisungen und Vorschriften zu erlassen, nur um zu zeigen, dass sie die Macht dazu haben, und um diese Macht zu zementieren.

Das schreibt Jordan B. Peterson, klinischer Psychologe und Professor für Psychologie in Toronto, in seinem Buch „12 Rules for life. Ordnung und Struktur in einer chaotischen Welt“ (Goldmann, 2018, S. 78).

Im Schulwesen gibt es Bürokratie in Hülle und Fülle. In unserem letzten Beitrag haben wir uns beispielsweise mit der Operatorenbürokratie beschäftigt. „Konferenz-Marathon, Statistik, ‚Konzeptomanie‘ -– Verwaltungsaufgaben fressen an den Schulen immer mehr Zeit. Weitere Großprojekte steigern die Arbeitsbelastung“, ist auf RP-online zu lesen. Vor drei Jahren meldete das Deutsche Verbände-Forum:

Immer mehr wird die Arbeitskraft der Kolleginnen und Kollegen weg vom Fachunterricht und hin zur Dokumentationspflicht, Verwaltungsarbeit und Bürokratisierung gelenkt. Die Entwicklung gefährdet massiv die schulische Qualität, so der nordrhein-westfälische Philologen-Verband. […]
„Es ist ein Skandal, dass umfängliche Förderpläne und Konzeptentwicklungen von der Vor- und Nachbereitung guten Unterrichts ablenken. Welchen Sinn hat dieses Beratungskonzept, das zu Beratungssettings, -teams, -kooperationen und -zielen verpflichtet. Lehrerinnen und Lehrer mutieren von Fachleuten für Unterricht und Erziehung zu Dienstleistern für Verwaltungen und Behörden!“, warnt Peter Silbernagel, Vorsitzender des Philologen-Verbandes.

Warum lassen Lehrer das mit sich machen? Warum protestieren sie zum Beispiel nicht gegen seelenlose, kleinkarierte, kompetenzorientierte Kernlehrpläne?

Noch einmal Jordan B. Peterson (a.a.O., S. 76f und S. 82):

Manchmal werden Menschen einfach deshalb drangsaliert, weil sie schwächer sind als ihre Gegner. […] Doch fast ebenso oft werden Menschen herumgestoßen, weil sie sich nicht wehren wollen. […] Nicht selten sind es Menschen mit einem übermächtigen Vater. Doch psychische Kräfte sind niemals eindimensional. Dasselbe Aggressionspotential, das sich einmal als unfassbare Grausamkeit und Brutalität äußert, versetzt den Menschen anderswo in die Lage, aufzustehen gegen Unterdrückung, unpopuläre Wahrheiten auszusprechen und gegen jede Bedrängnis in den Kampf zu ziehen. […] Jede Tyrannei dehnt sich immer nur so weit aus, wie ihr Platz gemacht wird. […]

Aufrecht stehen und die Schultern breitzumachen bedeutet, die Arche zu bauen, die die Welt vor dem Untergang rettet. […] Es bedeutet, die starre, tote, tyrannische Ordnung wieder in das Chaos zu werfen, aus dem sie einst gemacht wurde. Es bedeutet, sich von einer unsicheren Zukunft nicht irre machen zu lassen, sondern eine bessere, sinnvollere, fruchtbarere Ordnung zu errichten.

Beamte, insbesondere Unterrichtsbeamte, scheinen jedoch „von Natur aus“ zögerlich zu sein, wenn es darum geht, sich gegen eine tyrannische Ordnung zur Wehr zu setzen. Im Gegenteil: Im Wesentlichen tragen und stützen sie diese Ordnung. An mancher Schule, so wurde uns berichtet, ist die Schulleitung so autoritär-autokratisch und das Kollegium so obrigkeitshörig, dass man von antidemokratischen Zuständen sprechen muss. Der Schriftsteller und Psychoanalytiker Eugen Drewermann sagte in einem Vortrag vor Schulleitern:

Diesen Kampf, das Dasein zu rechtfertigen und zu retten durch eine ständige Überangepaßtheit, setze ich in den Hintergrund der Existenz eines Beamten als Wesenstyp menschlicher Charakterprägung. Ich unterstelle damit, daß wir einen Beamten in seiner charakterlichen Prägung wesentlich gerade so definieren müssen: Tue niemals, was Du selber möchtest, sondern schaue Dich um, was die anderen von Dir wollen. Halte es für prinzipiell verkehrt, etwas Eigenes zu entscheiden, sondern vermute, daß die eigene Entscheidung, das eigene Wollen schon als Eigenwilligkeit etwas Falsches bedeutet.

In einem am 19. Juni 1992 im ZDF live übertragenen Streitgespräch mit Hanna-Renate Laurien, der damaligen Vorsitzenden des Zentralkommittees der deutschen Katholiken, sagte er über die Bürokratie in der katholischen Kirche:

Es lebten im 12. Jahrhundert drei Brüder in England als Prinzen von Serendip, die über die seltene Fähigkeit verfügten, noch das schlimmste in das beste zu verwandeln. Die Engländer sprechen für diese Tugend heute noch als der „serendipity“. Mir wird scheinen, dass schon im 12. Jahrhundert die Prinzen von Serendip der katholischen Kirche als Ketzer gefährlich wurden. Sie wurden so erfolgreich ausgerottet, dass dieselbe Kirche in das Vermögen kam, aus dem besten noch das schlechteste zu wirken. Drum ist ihr schwer zu helfen. Aber: Manchmal, wenn die Nebel von Cornwall über das Land ziehen, hören sie im Wehen des Windes — ganz leise erst –, wie es da sagt: Beseitigt die bischöfliche Bürokratie! Beseitigt die bischöfliche Bürokratie! Und dann wie im Sturmwind für alle: Beseitigt die bischöfliche Bürokratie! Anders ist keine Hilfe mehr.

[…]

Die katholische Kirche heute [verrechtlicht] bis in die Details hinein das menschliche Leben. Sie könnte lernen von der Systemtheorie, von der Kybernetik, von der Synergetik, von vielem, was wir heute wissen, dass eine zu Ende geführte Ordnung identisch ist mit dem Tod. Sie hat am Ende durchsichtige Kristalle oder Eisblumen zum Ergebnis, aber keine lebenden Menschen mehr. Die brauchen die Ausnahmen, die brauchen die Felder des Neuen. Die Weisheit der Ägypter ist da sehr zu rühmen, die ihre Tempel mitten in die Überflutungszonen des Nil bauten, um zu sagen: Das Göttliche muss sich regenerieren können an den Chaosrändern.

Auch Schüler und Lehrer brauchen die „Felder des Neuen“ — mehr Kür, weniger Pflicht! Paul Lockhart („A Mathematician’s Lament“) hat ganz recht:

Es gibt sicherlich keinen verlässlicheren Weg, Begeisterung und Interesse an einem Fach zu töten, als es zum Pflichtteil eines schulischen Curriculums zu machen. Es als Hauptbestandteil in standardisierte Prüfungen einzufügen, garantiert, dass das Schulsystem das Leben aus diesem Fach heraussaugt.

Ein durch und durch standardisiertes, verbürokratisiertes Schulwesen erstickt jede Freude am Lernen und Lehren. Die Macht der Didaktoren muss zurückgedrängt werden.


PS
Bürokratie und Obrigkeitshörigkeit gibt es nicht nur in der Kirche und im Schulwesen, sondern auch in der Bundeswehr. Laut Tagesspiegel äußerte sich jüngst Erich Vad, General a. D., gegenüber der Bild am Sonntag deutlich:

Die Bundeswehr ist eine überbürokratisierte Mammutbehörde […]. Das Denken und die Mentalität der militärischen Führungsspitze, der Generalität, ist überwiegend wie in einer altbackenen Firma: Ein hoher Grad an Anpassungsbereitschaft, Absicherungsmentalität, Schönrederei und Duckmäusertum ist unübersehbar.

1 Kommentar

  1. Paul Wurf

    Stimmt!! So ist es in der Schule 2.0! Ich kenne noch eine andere Schule in NRW… lang, lang ist es her.

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