Fuck the Zentralabitur, Mr. PISA!

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War ja klar: Wenn es in mehreren Bundesländern Proteste gegen die zentralen Abiturprüfungen im Fach Mathematik gibt, interviewt das Redaktionsnetzwerk Deutschland den kundigsten aller Bildungsforscher: Andreas Schleicher von der OECD aka Mr. Pisa aka Schmidtchen Schleicher. Dessen Antworten sind zum Beispiel in den Dresdner Neuesten Nachrichten, auf Focus online und in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung zu lesen. Franz Lemmermeyer hat sie bereits ausführlich und treffend kommentiert („Schmidchen Schleicher II“). Wir haben ein paar Ergänzungen:

Mathematik darf kein totes Fach sein, in dem einfach nur ein Lehrer an der Tafel steht.

Schöne Worte, Mr. Pisa — Dann setzen Sie sich bitte für die Abschaffung von Bildungsstandards ein! Rigorose, kleinkarierte, seelenlose Bildungsstandards in Verbindung mit dem Zentralabitur wirken jedem Interesse, jeder Begeisterung an einem Fach — bei Schülern wie bei Lehrern — entgegen (siehe „McDonaldisierung des Schulwesens durch ‚Bildungsstandards'“). Paul Lockhart („A Mathematician’s Lament“) hat Recht:

Es gibt sicherlich keinen verlässlicheren Weg, Begeisterung und Interesse an einem Fach zu töten, als es zum Pflichtteil eines schulischen Curriculums zu machen. Es als Hauptbestandteil in standardisierte Prüfungen einzufügen, garantiert, dass das Schulsystem das Leben aus diesem Fach heraussaugt.

Schmidtchen Schleicher:

Es ist mit vielen Problemen verbunden, dass es keine einheitlichen Prüfungen für ganz Deutschland gibt. Gäbe es sie, dann wäre es doch so: Fällt eine Prüfung zu schwer aus, ist das zwar schmerzlich. Es hätte aber keine gravierenden Auswirkungen, weil es ein Jahrgang ist, der um Studienplätze konkurriert.

Daher weht der Wind also. Ein bundesweit einheitliches Zentralabitur soll die Lösung sein. Ein Schelm, der glaubt, die Probleme im Zentralabitur werden absichtlich produziert, um ein bundesweit einheitliches Zentralabitur durchzusetzen! Über Risiken und Nebenwirkungen eines Zentralabiturs (egal, ob bundesweit oder nicht) wird nicht nachgedacht. Eine zu schwere Prüfung hätte keine gravierenden Auswirkungen? Schmidtchen Schleicher, was ist mit den Schülern, die wegen einer zu schweren Prüfung das Abitur gar nicht bestehen? Hat die OECD für die ein paar Stellen extra frei? Was ist mit den Schülern, die nicht direkt im Anschluss an die Schule studieren wollen, sondern zum Beispiel ein freiwilliges soziales Jahr einlegen? Die würden dann mit Schülern aus einem anderen Jahrgang mit vielleicht leichteren Prüfungen um Studienplätze „konkurrieren“. So weit muss man bei der OECD wohl nicht denken, aber Hauptsache, man verlangt von anderen „vernetztes Denken“.

Es scheint, als ob Andreas Schleicher geistig verwandt ist mit dem verstorbenen Helmut Maucher, dem ehemaligen Chef von Nestlé, der auf dem Wirtschaftsgipfel in Davos einmal sagte (zitiert nach Horst Afheldt. Wohlstand für niemand? Die Martkwirtschaft entläßt ihre Kinder. Reinbek 1997: Rowohlt. S. 9):

Ob man ein Individuum, ein Unternehmen oder ein Land ist — das, was für das Leben in dieser Welt überlebenswichtig ist, ist wettbewerbsfähiger zu sein als sein Nachbar.

Albert Einstein war in dieser Hinsicht etwas weiser (Mein Weltbild. Stuttgart 1953: Europa Verlag. S. 28.):

Überbetonung des kompetitiven Systems und frühzeitiges Spezialisieren unter dem Gesichtspunkt der Nützlichkeit töten den Geist, von dem alles kulturelle Leben und damit schließlich auch die Blüte der Spezialwissenschaften abhängig ist.

Zurück zu Mr. Pisa:

Dieses mathematische Denken kann man trainieren – das ist nicht einfach nur Begabungssache. Mathe kann man viel besser lernen als beispielsweise Musik, die viel mit Talent zu tun hat.

Vor allem kann man mit Mathe und MINT viel besser den Wirtschaftsstandort Deutschland sichern als mit Musik. Mathe kann man besser als Musik lernen? Woher weiß Mr. Pisa das? Seit wann testet die OECD musikalische Fertigkeiten? Inwiefern soll man Mathe besser lernen können als Musik?

Die Pisa-Ergebnisse aus China und Singapur zeigen, dass sich die Fähigkeiten zum mathematischen Denken an die gesamte Schülerschaft in hohem Maß vermitteln lassen.

Diese „Vermittlung in hohem Maß“ scheint einen ebenso hohen Preis zu haben. In dem sehenswerten Dokumentarfilm „alphabet. Angst oder Liebe“ kommt Yang Dongping, Professor am Beijing Institute of Technology, Abteilung Bildung und Pädagogik, zu Wort:

Wir [in China] vergleichen Kinder mit einem Drachen, der von Eltern und Schulen gehalten wird. Wir hoffen, dass er höher fliegt, aber in Wirklichkeit setzen wir alles daran, ihn zu kontrollieren und und die Kontrolle zu behalten. Das Erziehungskonzept vieler Eltern ist genau so. […]

China hat lange Zeit das Konkurrenzdenken nicht unterstützt. Es war an der Gleichheit orientiert: eine Gesellschaft, die aus „einem Topf“ gegessen hat“. Seit der Reform und der Öffnung ist zuerst die Marktwirtschaft eingeführt worden. Danach ist die Konkurrenz im Bildungsbereich immer heftiger geworden. Bis heute sind alle, egal ob Gymnasium, Volksschule, Universität oder Kindergarten in den heftigen, bösartigen Strudel der Konkurrenz gezogen worden. […]

In den städtischen Schulen, vor allem in den Eliteschulen, werden Leistungen durch großen Konkurrenzkampf und Prüfungsdruck erzielt. Das Bildungsziel der Regierung und der Eltern ist, dass die Kinder Großes erreichen und wichtige Preise gewinnen. Wir wissen schon jetzt, dass diese Art von Prüfungswettbewerb gegen die Natur des Kindes ist. […] Die Mathematik-Olympidade ist ein Desaster für die Jugendlichen. […] Schon ab der 1. Klasse wird Lernen gehasst.

Selbst Andreas Schleicher sagt in dem Film:

Es gibt auch sehr viel Negatives. Der Leistungsdruck, der an einer Schule hier [in China] herrscht, die Anforderungen an die Schüler, das ist sicherlich nicht etwas, das man den eigenen Kindern wünscht und vielleicht selbst so nicht akzeptieren kann. Aber wie gesagt, diesen hohen Anforderungen auf der einen Seite steht aber auch jede denkbare Unterstützung auf der anderen Seite entgegen.

Schade, dass Mr. Pisa diese Kehrseite manchmal verschweigt. Auf die Frage, wie „wir am besten Lust auf Mathematik wecken“ können, sagte er in dem Zeitungsinterview:

Ganz ehrlich, wir brauchen bessere Aufgaben.

Ganz ehrlich, mit kleinkarierten kompetenzorientierten Lehrplänen und dem Zentralabitur wird jede Lust auf Mathematik (und andere Fächer) im Keim erstickt. Man bräuchte einen ganz anderen Ansatz. Paul Lockhart (a.a.O.) gibt ein paar ziemlich gute Hinweise:

The saddest part of all this “reform” are the attempts to “make math interesting” and “relevant to kids’ lives.” You don’t need to make math interesting— it’s already more interesting than we can handle! And the glory of it is its complete irrelevance to our lives. That’s why it’s so fun! […]

Teaching is not about information. It’s about having an honest intellectual relationship with your students. It requires no method, no tools, and no training. Just the ability to be real. And if you can’t be real, then you have no right to inflict yourself upon innocent children.



PS
Wer lieber Andreas Schleichers Phrasendrescherei zuhört, als Paul Lockhart zu lesen, dem empfehlen wir dieses Video (Vortrag „Wie Digitalisierung alles verändert, was wir lernen und wie wir lernen“ auf der Konferenz „Bildung Digitalisierung 2018“, Berlin, proudly sponsored by Deutsche Telekom Stiftung, Bertelsmann-Stiftung, Robert-Bosch-Stiftung, Siemens Stiftung und anderen):

Zum Zeitpunkt 19 min 24 s sagt Schleicher:

In einer digitalisierten Welt schaut niemand nach oben, aber jeder nach draußen. Das ist auch noch im Grunde eine große Herausforderung für Bildungssysteme.

??? — Was um Himmels willen meint der Mann damit?

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