Lehrer sind Fließbandarbeiter — dank PISA, OECD und Schmidtchen Schleicher

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Da ahnt man nichts Böses und wirft am zweiten Tag des neuen Jahres einen Blick in den Kölner Stadt-Anzeiger. Auf Seite 6 springt einem folgende Überschrift ins Auge:

„Lehrer sind keine Fließbandarbeiter“

Im Beitrag selber ist zu lesen:

In Deutschland ist der Schulbetrieb wie eine Fabrikhalle organisiert. Die Lehrer werden viel zu oft wie Fließbandarbeiter behandelt, deren Meinung nicht gefragt ist.

Bemerkenswert ist, von wem diese Aussage stammt. Von Andreas Schleicher, dem Koordinator der PISA-Studien bei der OECD. Mit PISA trägt die OECD weltweit dazu bei, dass Schulen in seelenlose Betriebe umgewandelt werden. Landauf, landab werden Schulen standardisiert. Zuerst den Wald in Brand setzen und dann die verbrannten Bäume beklagen — die menschliche Psyche ist zu erstaunlichen Widersprüchen fähig.

Die McDonaldisierung des deutschen Schulwesens mit Lernstandserhebungen, Zentralabitur, kompetenzorientierten Kernlehrplänen ist Folge des vermeintlichen Pisa-Schocks von 2001/2002 in Deutschland (siehe hierzu unsere Grundsatzartikel „Bildung und Schule unter dem Regime von PISA, Bertelsmann & Co.“ und „McDonaldisierung des Schulwesens durch ‚Bildungsstandards'“). In einem Interview mit dem Kölner Stadt-Anzeiger vom 6.12.2016 sagte Matthias Burchhardt, Bildungsforscher der Uni Köln:

Es gibt Papiere der OECD, in denen steht, die schockhafte Inszenierung [der Pisa-Ergebnisse] diene dazu, dass die Länder eher bereit sind, ihre Bildungssysteme zu verändern. Und dabei hat die OECD eben auch eine politische Agenda: Eine gleichförmige Gestaltung der einzelnen Bildungssysteme weltweit. Und das unter Vernachlässigung der kulturellen Vielfalt und regionalen Eigentümlichkeiten. […] Ein einziges System, das eben nicht mehr die Mündigkeit des Menschen zum Ziel hat, sondern seine Verwertbarkeit in wirtschaftlichen Zusammenhängen. Wobei selbst der ökonomische Nutzen der Pisa-Reformen fraglich ist, wenn Sie mal mit mittelständischen Unternehmer sprechen.

Die Aussagen von Andreas Schleicher waren Teil eines Interviews, das nicht nur im Kölner Stadt-Anzeiger veröffentlicht wurde, sondern auch in: Dresdner Neueste Nachrichten, Die Welt, Hannoversche Allgemeine Zeitung, Nordwest-Zeitung und Spiegel Online. In Zeiten gleichgerichteter Massenmedien ist das kein Wunder. Offensichtlich steckt hinter dem Interview das „Redaktionsnetzwerk Deutschland“. Man fragt sich, warum einem Andreas Schleicher von der OECD zu Beginn des neuen Jahres ein solches großes Forum geboten wird. Albrecht Müller schreibt auf den Nachdenkseiten („Darf man von Gleichschaltung der Medien sprechen? Und davon, dass die Demokratie höchst gefährdet ist?“) vollkommen zu Recht:

Bei vielen wichtigen Fragen unserer Zeit in der Außen- und Sicherheitspolitik wie auch in der Innen-, Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik gibt es eine große Linie, für deren Penetration das große Heer der Journalistinnen und Journalisten schreiben und senden […].

Wie schön wäre es, wenn das Redaktionsnetzwerk Deutschland zusätzlich zu dem unkritisch geführten Interview mit Andreas Schleicher einige Passagen aus Franz Lemmermeyers Artikel „Realitätsnahe Mathematik von Schmidtchen Schleicher“ verbreitet hätte:

In einem beispiellosen Akt von Kulturlosigkeit wurden Vorgaben der OECD, etwa seitens des Herrn Schleicher, unkritisch umgesetzt und eine erfolgreiches Bildungssystem in nicht einmal 20 Jahren komplett ruiniert. Mit einem standardisierten Test, den sich der studierte Physiker Schleicher aus den Fingern gesogen hat, wurden die Bildungssysteme in aller Herren Länder vermessen, und seither gibt er Ratschläge zur Verbesserung der Bildungslandschaft in Schweden, Deutschland, Österreich, Schweiz, Frankreich, USA, Mexiko – wissen Sie was? Versuchen Sie doch einfach ein Land zu finden, das Herr Schleicher noch nicht beratschlagt hat.

Jetzt haben wir also einen Unterricht, der unseren Kinder das Lösen von PISA-Aufgaben antrainiert, als wäre das der Maßstab für ein erfolgreiches Bildungssystem. Man musste ja Andreas Schleicher heißen oder ein Vollidiot sein (am besten beides), um das finnische Modell als Vorbild für das deutsche herzunehmen. Was haben denn, um einmal mehr Monty Python zu paraphrasieren, die Finnen je erreicht? Von den finnischen Mathematikern kennen Studenten der Mathematik kaum eine Handvoll, und die sind längst gestorben. Was haben finnische Ingenieure und Maschinenbauer (in den Zeiten vor dem Berliner Flughafen, der Elbphilharmonie, Stuttgart 21 und der VW-Dieselsoftware) geleistet? Schriftsteller? Irgendwas? Gut, Musiker: Leningrad Cowboys und Loituma sollte man schon mal gehört haben. Aber gute Musik zu machen lernt man nicht auf der Schule. Wie bescheuert muss man also sein, wenn man ein erfolgreiches System an die Wand fährt, nur weil Schmidtchen Schleicher sagt, das finnische sei besser?

Natürlich hat Schleicher das nicht alleine durchgesetzt – zu einem Idioten, der vorneweg rennt, gehören noch 1000 andere, die ihm nachlaufen. Die Entwicklung der Didaktik, und vor allem der Mathematikdidaktik, während der letzten 20 Jahre, von einer Wissenschaft, die zumindest im Prinzip einen besseren Unterricht zum Ziel hatte, in eine Pseudowissenschaft, gegenüber der Bleigießen und Handlinienlesen harte Wissenschaften sind, betrieben von einem Konglomerat von Akademikern, die Studien machen, auswerten und daraus die falschen Schlüsse ziehen, bei denen man für eine Dissertation 2 Wochen braucht und die wissen, wie guter Unterricht funktioniert, ohne dass sie selbst jemals unterrichtet hätten oder, wie etwa Andreas Schleicher, das staatliche Schulwesen noch nicht einmal als Schüler durchlaufen haben: Ja ich weiß, dass dieser Satz kein Ende hat. So wie PISA auch.

Aber wie es aussieht, bringt das neue Jahr nichts Neues, was die Berichterstattung in den Massenmedien angeht, und die Fließbandarbeit in den Schulen wird erst einmal weitergehen wie bisher. Und jetzt Musik:

2 Kommentare

  1. Dreher

    Es gibt ja seit 100 Jahren die Waldorfschulen in vielen Ländern in diesem Zusammenhang
    Werden junge Menschen gut vorbereitet man soll in diese Bereich Geld in die Hand nehmen und die Lehrer gut bezahlen und das freie Geistesleben stärken

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  2. Aufgewachter

    Vom Systemsklaven zum Konsumsklaven und zurück / perpetuum mobile perversus

    Studium = Ausbildung zum Systemsklaven mit eingeschränktem Bewußtsein, besonders ausgeprägt an Universitäten

    Universität = Gebäudekomplex, wo jungen Menschen von Professoren das eigene Denken abtrainiert wird

    Professor = ein Lehrer, der seinen Studenten im Interesse der Wirtschaft meist Unwahrheiten indoktriniert

    Bachelor Student = Akkord-Lernsklave, der im Eiltempo ohne zu hinterfragen lernen und wiedergeben (repeaten) muß

    Master-Student = Turbo-Akkord-Lernsklave, der in besonders hoher Geschwindigkeit ohne zu hinterfragen lernen und wiedergeben (repeaten) muß

    Akademiker = staatlich geprüfter Sklave mit nunmehr eingeschränktem Bewußtsein und freigegeben für das Praktikum zur späteren Ausbeutung

    Praktikant = Nachwuchssklave, der erstmal ohne Lohn in der freien Wirtschaft arbeiten muß

    Freie Wirtschaft = Sklavenmarkt, dessen Lohn von Gewerkschaften vorgeschrieben wird

    Gewerkschaft = Vertretung der Arbeitgeber, die den Lohn diktieren für den der Sklave beim Arbeitgeber arbeiten muß

    Arbeitgeber = Ausbeuter, oft auch Zeitarbeitsunternehmen

    Zeitarbeitsunternehmen = Ausbeuter, welche ihre Sklaven gegen Entgelt an einen Entleihbetrieb verleihen

    Entleihbetrieb = meist Firmen, die sinnlose Produkte herstellen

    sinnlose Produkte = werden gerne von Konsumsklaven gekauft

    Konsumsklaven = werden speziell im Studium durch massive Werbung quasi herangezüchtet

    Studium = siehe oben. Und auf ein Neues.

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