VR-Brillen im Unterricht sind auf dem Vormarsch

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Wer glaubt ernsthaft, mit noch mehr Technik gelangweilte und frustrierte Schüler dauerhaft motivieren zu können? Wie viel Zeit und Geld wird damit verplempert?

Es soll ja Schulen geben, da hakt das WLAN, die Kabel für die Beamer sind defekt oder verschwunden, und die Laptops verstauben — dabei sieht das Medienkonzept etwas ganz anderes vor. Andere Schulen hingegen sind schon viel weiter: Sie setzen VR-Brillen im Unterricht ein. VR steht für „virtual reality“. Damit wird laut Wikipedia die „Darstellung und gleichzeitige Wahrnehmung der Wirklichkeit und ihrer physikalischen Eigenschaften in einer in Echtzeit computergenerierten, interaktiven virtuellen Umgebung bezeichnet“.

  • Auf der Homepage des Lessing-Gymnasiums in Köln ist zu lesen:

    Als eine der ersten weiterführenden Schulen Deutschlands hat das Lessing-Gym. Ende 2017 und am ersten Schultag 2018 an einem Pilotprojekt mit VR-Brillen im Unterricht teilgenommen. Insgesamt sechs Klassen aller Jahrgangsstufen nahmen an verschiedensten „Expeditionen“ teil – ob eine Reise zum Mond oder in die Antarktis, ein virtueller Tauchgang an den Korallenriffen dieser Erde oder ein Kurztrip nach London…der „Ausflug“ fand stets vom Klassenzimmer aus und rein virtuell statt. Und die Begeisterung war besonders in den unteren Jahrgangsstufen äußerst groß. […]

    Mit den VR-Brillen und der „Expeditionen“-App konnte in jedem Fall eine hohe Schüleraktivität und Begeisterungsfähigkeit für neue Unterrichtsinhalte geweckt werden – „Virtual Reality“, eine tolle Idee für den punktuellen Unterrichtseinsatz in verschiedenen Fächern!

  • Das Malinckrodt-Gymnasium Dortmund schreibt:

    Mithilfe von VR-Brillen in eine virtuelle Welt abzutauchen eröffnet nicht nur für Wirtschaft, Industrie oder den Computerspielmarkt ungeahnte Möglichkeiten – Experten sind überzeugt, dass damit langfristig auch neue Formen des Lernens geschaffen werden, die Schule und Unterricht maßgeblich verändern werden. Findet Unterricht irgendwann vielleicht nur noch in „Virtual Reality“ statt? Und: Kann ein solches Konzept Lehrerinnen und Lehrer ersetzen?

  • Auf Deutschlandfunk.de ist zu lesen:

    Mario Mosbacher, Schulleiter des Fürstenberg-Gymnasiums in Donaueschingen, bringt in seiner Schule Virtual-Reality-Brillen zum Einsatz. In Chemie etwa könne man sich in eine „Reaktion stellen, die Moleküle fliegen an mir vorbei, ich kann die nehmen, greifen“, sagte er im Dlf. VR helfe, Wissen zu vertiefen. […] „Der Mensch ist ein 3-D-Augentier, und deshalb funktioniert es, und gleichzeitig macht es Spaß, und auch dieser Spaß befördert das Lernen.“

  • Die Augsburger Allgemeine Zeitung berichtet:

    Das muss Johannes Kranz aus der 9d erst einmal alles ausprobieren. Seit wenigen Tagen sind die VR-Brillen im Dossenberger-Gymnasium. Über eine App lassen sie sich steuern beziehungsweise die Programme, die mit ihr verbunden sind. Man bekommt tiefe Einblicke in eine menschliche Zelle, kann Astronomie oder Mikroskopie betreiben. VR-Brillenträgern öffnen sich buchstäblich andere Welten.

  • Das Marie-Therese Gymnasium in Erlangen ist happy:

    Dank einer großzügigen Spende der Carl Zeiss AG wurde das MTG mit VR Brillen ausgestattet. Diese konnten zuletzt vom Astronomiekurs der 12. Jahrgangsstufe ausgiebig getestet werden und werden zukünftig im MINT-Unterricht zum Einsatz kommen. […] Neben dem Zugang zur neuen App stellte uns ZEISS eine limitierte Stückzahl an ZEISS VR ONE Plus Brillen als Klassensätze kostenlos zur Verfügung. Mit dieser Aktion möchte ZEISS die Vermittlung relevanter MINT-Lerninhalte mithilfe innovativer Medien sowie das Erreichen der in den deutschen Bildungsplänen definierten Lernziele unterstützen.

  • Auf der Homepage des Gymnasiums Adolfinum in Moers ist zu lesen:

    Virtuelle Realität ist aus dem alltäglichen Leben nicht mehr wegzudenken. Selbst Freizeitparks machen sich die Technologie zu Nutze und bieten ihren Gästen neben rasantem Fahrspaß ein virtuelles Vergnügen. Diese Technologie überzeugt besonders bei den neueren Generationen. Unterricht darf nicht starr bleiben, sondern muss sich immer an die neuen Generationen anpassen. […] Wir freuen uns, mit dieser fabelhaften Technologie Lernen greifbarer und erfahrbarer zu machen.

  • Auch die nordrhein-westfälische Schulministerin, Yvonne Gebauer (FDP — „Digital first, Bedenken second“), scheint ein Fan von VR-Brillen zu sein, wie man hier und hier eindrucksvoll sehen kann.

VR-Brillen sind eine „fabelhafte Technologie“? Mit ihr wird das Lernen „greifbarer und erfahrbarer“? „Excuse me, I am not convinced“, würde Joschka Fischer jetzt sagen, wenn er wieder einen seiner hellen Momente hätte. Neil Postman wäre auch nicht überzeugt. In seinem 1995 erschienenen Buch „Keine Götter mehr. Das Ende der Erziehung“ (Berlin Verlag, Berlin, S. 71f) schreibt er:

In den frühen 20er Jahren schrieb ein Lehrer das folgende Gedicht:

Mr. Edison sagt,
Das Radio wird den Lehrer ersetzen.
Victrola-Schallplatten können Sprachen lehren.
Der Film wird abbilden
Was das Radio nicht zeigen kann.
Lehrer werden zusammen mit dem Einhorn
Und langhaarigen Frauen
In den Wäldern verschwinden;
Oder in Museen gezeigt werden.
Erziehung wird zu einem Knopfdruck.
Vielleicht kann ich bei der Vermittlung arbeiten.

Ich bin nicht alt genug, um mich an die Einführung des Radios und des Schallplattenspielers zu erinnern, aber ich erinnere mich an Zeiten, als der 16-mm-Film das Allheilmittel sein sollte; dann das geschlossene Kabelfernsehsystem für die Schulen; dann der 8-mm-Film; dann die vom Lehrer unabhängigen Lehrbücher. Jetzt Computer. Ich erkenne einen falschen Gott, wenn ich ihn sehe.

Und jetzt VR-Brillen. Noch ein falscher Gott.



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