Bönen: Eltern und Schüler protestieren öffentlich gegen unliebsamen Schulleiter

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Bezirksregierung und Ministerium haben gegen Missstände an Gymnasium offenbar viel zu wenig unternommen. Muss der Landtag eine wesentlich besser funktionierende Schulaufsicht einfordern?

Da hat’s kurz vor den Sommerferien ordentlich gerumst. Am Marie-Curie-Gymnasium (MCG) in Bönen (bei Hamm in Westfalen) sind mehrere Mitglieder sowohl der Eltern- als auch der Schülervertretung von ihren Ämtern zurückgetreten. Das berichtet der Westfälische Anzeiger (online, 24.06.2020) in dem Artikel „Protest gegen Schulleiter: Elternvertreter geben Amt auf und machen Probleme am MCG publik“. Auf der Homepage der CDU Bönen ist zu lesen:

Zu Beginn der Schulkonferenz am 23.06.2020 hat der Vorsitzende der Schulpflegschaft des Marie-Curie-Gymnasium, Robert Stein, zusammen mit seinem Stellvertreter Marcus Felbick, der zugleich Mitglied des Vorstands des Fördervereins ist, den Rücktritt von sämtlichen Ehrenämtern erklärt. Anschließend erklärten die weiteren anwesenden Eltern ebenfalls ihren Rücktritt und verließen geschlossen die Sitzung. Die Vertreter der Schülerinnen und Schüler folgten hier spontan, sodass die Sitzung vor dem ersten Tagesordnungspunkt wegen Beschlussunfähigkeit geschlossen wurde.

„Damit ist am MCG ein Konflikt heißgelaufen und zum offenen Feuer entbrannt, der schulintern schon gewaltig schwelte“, heißt es in dem Artikel des Westfälischen Anzeigers (WA). Dem Bericht zufolge gab es offenbar schon seit Längerem Klagen über den Schulleiter Dr. Peter Petrak des Marie-Curie-Gymnasiums, insbesondere über dessen Führungsstil. Der Schülersprecher und sein Stellvertreter sagten dem WA gegenüber, „dass es zwischen der Schülervertretung (SV) und Direktor Dr. Petrak ein schlechtes, weil von einem permanenten Misstrauen des Direktors geprägtes Verhältnis gebe“. Stein, der zurückgetretene Vorsitzende der Schulpflegschaft, sagte:

Der Unmut und die Frustration in der Elternschaft hat ein unfassbar großes Ausmaß angenommen. In der Vergangenheit war es nie möglich, mit dem Schulleiter konstruktiv am Schulklima zu arbeiten. Die steigende Anzahl von Lehrern, die die Schule verlassen haben oder in Zukunft verlassen wollen, ist ein beunruhigender Indikator für die Missstände. […] Eine Zusammenarbeit mit Dr. Petrak ist unter diesen Umständen sinnlos. Das Vertrauen auf Elternseite ist komplett zerstört.

„Inzwischen sehe ich in dem MCG Bönen jedoch ein Trümmerfeld“, wird Stein (oder sein zurückgetretener Stellvertreter) von der CDU Bönen zitiert.

Das ist starker Tobak. Wie es aussieht, hat das Klima einer ganzen Schulgemeinschaft unter einem autoritären, unkooperativen Schulleiter gelitten; der Schulfrieden wurde erheblich beschädigt.

Das ist schlimm genug, und man fragt sich, wie eine einzige Person an einer Schule mit demokratisch verfassten Mitwirkungsgremien dazu überhaupt in der Lage sein kann. Schlimmer noch ist, dass die zuständige Bezirksregierung Arnsberg und das Ministerium für Schule und Bildung als Aufsichtsbehörden beim Konfliktmanagement offenbar versagt haben. In dem WA-Bericht ist zu lesen:

Die Elternschaft fühle sich trotz Eingaben bei der Bezirksregierung Arnsberg wie auch dem Schulministerium alleine gelassen und ohnmächtig.

Es wäre äußerst interessant zu wissen, wie viele Eingaben mit welchem Inhalt die Eltern (oder auch Lehrer) eingereicht haben und was genau die Bezirksregierung bzw. das Schulministerium geantwortet und unternommen hat. Wie es aussieht, haben die Aufsichtsbehörden unzureichend und erfolglos reagiert:

Die Bezirksregierung hat Petrak eine Art Coach an die Seite gestellt. Insgesamt werde die Schule seit einem Jahr unter anderem durch Beratung gestützt, sagte ein Sprecher. […] Brüggenhorst [Vorsitzende des Schulausschusses im Bönener Stadtrat, A.R.] bestätigte den Einsatz eines Mediators durch die Schulaufsicht zu Beginn des laufenden Halbjahres. Aber: „Der war nicht mehr so oft anwesend“, was auch dem Coronaausbruch geschuldet sei, „führte nicht weiter und ist gescheitert“.

Corona hin oder her — es steht zu bezweifeln, dass ein Mediator angesichts einer Misere dieses Ausmaßes überhaupt etwas hätte ausrichten können. Ein autokratischer Chef lässt sich kaum durch einen Coach zur Räson bringen. Unvernünftigen autoritären Personen muss man mit vernunftgeleiteter entschiedener Autorität begegnen. Ein Schmusekurs wird nichts bringen.

Die Vorwürfe der Eltern werden übrigens durch den Bericht der Qualitätsanalyse (QA) NRW bestätigt, wie in dem Artikel „Prüfer am MCG stellt Schulleitung ein mieses Zeugnis aus“ des Westfälischen Anzeigers (online, 01.07.2020) zu lesen ist:

Dass „Führung und Management“ an Bönens Gymnasium zuletzt mangelhaft waren, steht in diesem Kapitel schwarz auf weiß in dem Zeugnis, das die Verfasser der im Februar vorgelegten Qualitätsanalyse (QA) der Leitung ausgestellt haben.

Weiter heißt es:

Die Schulaufsicht bei der Bezirksregierung Arnsberg bestätigte inzwischen, dass sie schon vor gut einem Jahr eine Beratung am Marie-Curie-Gymnasium installiert hat […]. Die Analyse offenbarte dann einen größeren Bedarf in der Nachsteuerung. Das Schuldezernat stellte Dr. Petrak daher im Frühjahr einen Coach an die Seite. Aber auch das hat weder das Klima am MCG verbessern noch verhindern können, dass der seit Jahren schwelende Konflikt mit der gewählten Elternvertretung eskalierte.

Das ist schon merkwürdig: Einerseits gibt es NRW-weit eine behördliche sogenannte Qualitätsanalyse von Schulen, in deren Rahmen Lehrer, Eltern und Schüler angehört werden; andererseits hat die zuständige Schulaufsicht konkrete Eingaben von Eltern am MCG offenbar nicht ernst genommen. Selbst auf die Erkenntnisse der QA hat die Behörde zu sanft reagiert. Wie sonst hätte es sein können, dass der Schulleiter laut Elternangaben den Bericht der QA nicht herausgeben wollte und es zum großen Knall auf der Schulkonferenz kurz vor den Sommerferien kam?

Professionelles Beschwerde- und Konfliktmanagement hätte anders aussehen müssen. Die Bezirksregierung Arnsberg hätte rechtzeitig viel energischer und entschlossen einschreiten und die Schule unter Kuratel, das heißt unter eine ganz strenge und intensive Aufsicht, stellen müssen. Dem Schulleiter hätte sie deutlich sagen müssen: „Pass auf! Bis hierhin und nicht weiter!“ Angesichts des schon zerbrochenen Porzellans hätten parallel dazu viele moderierte Gespräche zwischen Schulleitung und Eltern-, Schüler- und Lehrervertretern geführt werden müssen, um die Situation zu befrieden. Warum ist das nicht passiert? Weil eine Krähe der anderen kein Auge aushackt?

Jetzt, da der Konflikt vollends eskaliert ist und eine Lösung vermutlich nicht mehr mit dem bisherigen Schulleiter möglich ist1, spricht die Bezirksregierung Arnsberg laut WA „von ‚einer sehr unangenehmen Situation‘ und einem ’sehr extremen Spagat‘ für eine Lösung (zwischen der Fürsorgepflicht des Dienstherrn und dem Anspruch auf gute Schule)“. War die Situation nicht schon vor dem Gang der Elternvertreter an die Öffentlichkeit „sehr unangenehm“? Gegenüber dem Lehrerkollegium und den Schülern des Marie-Curie-Gymnasiums bestand vorher keine Fürsorgepflicht der Aufsichtsbehörde? Darf die Fürsorgepflicht des Dienstherrn so weit gehen, dass gravierende Missstände de facto geduldet werden? Hätte der Dienstherr nicht auch dem Schulleiter gegenüber schon vorher die Fürsorgepflicht gehabt, ihn nicht weiter gewähren zu lassen, sodass der Konflikt nicht eskaliert wäre?

Das Marie-Curie-Gymnasium in Bönen wird nicht die einzige Schule in Nordrhein-Westfalen sein, an der gravierende Missstände vorherrschen — sei es ein autokratischer Schulleiter oder eine chaotische Organisation oder antidemokratische Strukturen unabhängig von der Schulleitung. Des Weiteren ist nicht auszuschließen, dass andere Bezirksregierungen genauso „zurückhaltend“ auf Beschwerden von Eltern, Schülern oder Lehrern reagieren, wie es Arnsberg offenbar gemacht hat. Wenn Aufsichtsbehörden Missstände dulden, verfehlen sie ihre Aufgabe. Mit der Duldung von Missständen — egal welcher Art — wird Nordrhein-Westfalen das von Schulministerin Yvonne Gebauer verkündete Ziel „weltbeste Bildung“ nie erreichen.

Wenn Bezirksregierungen pennen, wegschauen oder verantwortliche Personen zu Unrecht in Schutz nehmen, ist der Landtag gefordert als Instanz, welche die Landesregierung zu kontrollieren hat. Ich bin gespannt, ob ein pfiffiger, hartnäckiger Landtagsabgeordneter den Fall „MCG Bönen“ zum Anlass nimmt, dem Schulministerium auf die Füße zu treten und eine wesentlich besser funktionierende Schulaufsicht einzufordern. In einem ersten Schritt könnte ein Volksvertreter zum Beispiel über eine Anfrage an die Regierung herausfinden, wie viele Eingaben und Beschwerden über Missstände an Schulen in NRW es in den letzten drei Jahren gegeben hat, wer (Eltern? Schüler? Lehrer? Personalrat?) sich worüber genau beschwert hat und wie die zuständige Bezirksregierung oder das Ministerium reagiert hat. Selbstverständlich bin ich gerne bereit, der Landesregierung mit aller Tatkraft bei der Beseitigung von Missständen an einzelnen Schulen zu helfen — einstweilen auch ehrenamtlich.


PS
Apropos Fürsorgepflicht, Pennen und Wegschauen: Es könnte sein, dass die Landesregierung eine besondere Art der Fürsorgepflicht auch gegenüber der Fleischfabrik Tönnies in Rheda-Wiedenbrück pflegte. Die war im Juni wegen vieler Coronafälle in Verbindung mit schlechten Arbeitsbedingungen in die Kritik geraten. Die Kreise Gütersloh und Warendorf wurden einem Lockdown unterworfen. Bei der Landespressekonferenz vom 30.06.2020 sagte Ministerpräsident Armin Laschet:

Das zweite ist die Fleischindustrie. Natürlich hat man gewusst, dass die Zustände dort katastrophal sind. Aber egal wer regiert hat in all den letzten Jahren, es ist nicht geändert worden. […] Es gibt keine Zusammenarbeit mit Herrn Tönnies, sondern es wird jetzt nach ordnungsbehördlichem Verhalten entschieden. Die Zeit, dass man da kooperiert, das möglicherweise in der Vergangenheit mal der Fall gewesen sein mag, ist vorbei. Hier wird jetzt streng nach Recht und Gesetz verfahren.

Im youtube-Video zum Zeitpunkt 15m19s bzw. 1h03m10s zu sehen2:

Das ist bemerkenswert, dass die Landesregierung selbst angesichts bekannter „katastrophaler Zustände“ nichts geändert hat. Immerhin gibt der Ministerpräsident dies offen zu. Schön, dass jetzt — nach dem Lockdown — streng nach Recht und Gesetz verfahren wird!



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  1. „Denn für die Eltern, so war aus den Mitteilungen herauszuhören, ist ein Weitermachen mit Petrak als Direktor nach den Ferien nicht denkbar“, heißt es in einem weiteren Artikel des Westfälischen Anzeigers („Protest gegen Schulleiter: MCG-Eltern wollen schnelle Lösung im Fall Petrak“, 26.06.2020)
  2. Siehe auch Monitor (WDR) vom 09.07.2020: „Corona-Krise: Der entkanzlerte Laschet“.

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