Corona sei Dank: Die Süddeutsche berichtet über Missstände an Schulen, die bisher nur Insidern bekannt waren

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Wer hätte das gedacht: In manchen Schulen im Ruhrgebiet lassen sich Fenster in Klassenräumen nicht öffnen. — Die Homepages der Schulen vermitteln einen ganz anderen Eindruck.

Die Süddeutsche Zeitung („Angst vor der Schule als Hort der Ansteckung“ von Christian Wernicke, online) berichtete vor ein paar Wochen von zwei Lehrerinnen, Lisa F. und Stephanie W.; die eine arbeitet an einer Gesamtschule, die andere an einer berufsbildenden Schule, beide im Ruhrgebiet. In dem Artikel war zu lesen:

Lisa F. schüttelt den Kopf. Ihre Schule sei runtergekommen, da könne sich das Virus frei tummeln. Etliche Klassenräume ließen sich nicht mal belüften. Die Fenster würden klemmen, aus Sicherheitsgründen seien bei Kipprahmen sogar die Griffe abgeschraubt worden. Oder die dunklen Rollläden würden runterhängen, weil die Ziehgurte zerschlissen seien. Etliche Korridore seien nicht mal zwei Meter breit, vor dem Unterricht komme es da regelmäßig zu Rangeleien […].

Wo leben wir? In einem Hochindustrieland, das es nicht auf die Kette kriegt (oder keinen Wert darauf legt), Schulen anständig auszustatten?1 In einem Land, das laut Wikipedia beim pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt an Position 18 von 193 Ländern steht? Echt peinlich.

An Stephanies Schule gibt es offenbar für Schüler keine Aschenbecher auf den Schulhöfen. Sie berichtet von einem Schüler der 10. Klasse:

Der komme bisweilen mit schlechter Laune aus der großen Pause, und dann kann es passieren, dass Mesud grinsend („Alles klar, Frau W.?“) seine Zigarette auf ihrem Schreibtisch ausdrückt.

Die Berichte von Lisa und Stephanie sind Alarmzeichen. Hier läuft etwas gehörig schief, etwas, das vermutlich gang und gäbe ist und für „normal“ gehalten wird. Kein Grund für irgendjemanden, ins Nachdenken zu geraten und massiv zu intervenieren, um das Klima an Schulen zu verbessern. Stattdessen: Einfach weitermachen wie bisher, Missstände und Probleme aller Art ignorieren oder — was Lehrer gerne tun — klagen, aber nichts ändern.

Wirft man einen Blick in die Homepages von Schulen, so wird dort eine Schulwelt vorgestellt, die vermutlich nicht besonders repräsentativ für den Schulalltag ist (ein ehemaliger Kollege pflegte zu sagen: „Es wird nirgendwo so viel gelogen wie auf den Internetseiten von Schulen.“). Zum Beispiel die Homepage der Gesamtschule Recklinghausen Suderwich (kurz Geresu, nördliches Ruhrgebiet). Da sind folgende Hochglanzmeldungen zu lesen:

  • “Ihr seid Vorbilder” – Bürgermeister lobt Zivilcourage der Geresu-Schüler

  • Große Anerkennung aus dem Ministerium

  • Lernort gegen Vorurteile: Deutsches Fußball Museum

  • Ex-Schüler fördert bienenfreundliches Schulgelände

  • TIL begeisterte junge und alte Fans

  • Ski und Spaß im Zillertal

  • Liebe Grüße an liebe Menschen. Lasst Blumen sprechen, hieß es wieder am Valentinstag in der Geresu.

Es ist übrigens interessant, dass man einerseits in dem Artikel „Große Anerkennung aus dem Ministerium“ Folgendes erfährt:

Mit gleich drei Demokratie-Projekten machte die Geresu im Februar bei einer NRW-weiten Tagung auf sich aufmerksam. Das Wettbewerbsprojekt „demokratisch handeln“ hatte Initiativen, Schulen und Verbände zu einer Regionalen Lernstatt NRW nach Hamminkeln eingeladen. […]
Jan-Luca und Josua präsentierten den Kurzfilm „Traumstunde zu deinen Grundrechten“, in dem Schülerinnen und Schüler das Grundgesetz kennenlernen, beurteilten und filmisch umsetzen. Sie zeigen in kleinen Beispielen, welche Errungenschaft diese Schrift für unsere Gesellschaft ist.

Andererseits scheint es um die Schülervertretung an der Geresu nicht gut bestellt zu sein. Auf der Seite „Schülervertretung SV“ erfährt man, dass eine Schülerin namens Rebecca Schülersprecherin sei. Dem widerspricht der Artikel „Die SV hat gewählt – Neues Schülervertreter-Team“. Dort heißt es:

Die Geresu hat ein neues Schülersprecher-Team. Bei ihrer Sitzung am Montag, 27. Januar 2020, wählten die Mitglieder der Schülervertretung (SV) ein sechsköpfiges Team, welches ab sofort die Interessen der Schülerschaft nach außen und gegenüber der Schulleitung vertritt. Vorsitzende des Gremiums ist Lisa-Marie […].

Aber Raiders heißt es ja jetzt auch Twix. Warum mitten im Schuljahr „ein neues Schülersprecher-Team“ gewählt wurde, wird nicht berichtet. Und natürlich zählt zu den Projekten der SV die „Weihnachtsaktion“, die „Valentinsaktion“ und „Social Christmas“. Dafür gibt es bestimmt auch Anerkennung aus dem Ministerium!

Zurück zum Thema: Auch auf der Homepage des Karl-Schiller-Berufskollegs Dortmund sieht man (fast) nur strahlende und zufriedene Gesichter. Unwahrscheinlich, dass Stephanie hier arbeitet. Im Leitbild ist zu lesen:

Das Karl-Schiller-Berufskolleg versteht sich als eine lernende Organisation,

  • in der Respekt, Toleranz und Teamgedanke erwartet und gelebt werden. […]
  • in der die Schülerinnen und Schüler sowie außerschulische Partner an der Entwicklung des Schullebens kooperativ teilhaben.
  • die besonderen Wert auf die Erhaltung der psychischen und der physischen Gesundheit von SuS, Lehrkräften und nichtpädagogischen Personal legt, sich somit als gute gesunde Schule versteht und dies durch präventive, gesundheitsfördernde Maßnahmen sicherstellt.

Undenkbar, dass der Zigarettenausdrücker Mesud an diesem Berufskolleg sein Unwesen treibt. Vielleicht sollte Stephanie einmal überlegen, sich dorthin versetzen zu lassen. Oder zum Alice-Salomon-Berufskolleg in Bochum. In der Präambel zum Schulprogramm heißt es:

Wir, die Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler, gestalten unsere Schule als „Haus des Lernens“ im Sinne einer Schule für junge Erwachsene. […]

Schüler/innen und Lehrer/innen arbeiten am Alice-Salomon-Berufskolleg vertrauensvoll zusammen. Sie schaffen damit eine offene Arbeitsatmosphäre, die von der Achtung vor der Person des Anderen geprägt ist. In der schulischen Interaktion gelebte und erlebbare Demokratie bietet die beste Grundlage für die Entfaltung aller am Schulleben Beteiligten.

In einem von Akzeptanz und Solidarität geprägten Schulklima wird die Vielfalt von Kulturen und Traditionen als Bereicherung des Zusammenlebens ebenso wie für die Bildung einer eigenen Identität erfahrbar. […]

Kollegialität und Berufszufriedenheit der Lehrerinnen und Lehrer sollen durch Anerkennung der beruflichen Kompetenz, Transparenz der Entscheidungen, vergrößerte Gestaltungsspielräume, Förderung der Teamarbeit und kooperative Konfliktlösungen gesichert und gestärkt werden, damit das Kollegium den Schülerinnen und Schülern die angestrebten Bildungs- und Erziehungsziele glaubhaft vermitteln kann.

Eine heilere Schulwelt wird es nicht geben. Daran würde selbst das eine oder andere kaputte Fenster nichts ändern.



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Fußnote:

  1. Zum Thema „Schlechte Luft im Klassenraum“ siehe „Eine schlechte Luftqualität beeinträchtigt die Schüler- und Lehrergesundheit“ auf betzold.de: „Dass schlechte Luft schlecht fürs Lernen ist, ist schon seit über 100 Jahren bekannt, wie entsprechende Publikationen belegen (z. B. Leo Burgerstein/August Netolitzky, Handbuch der Schulhygiene, Jena 1902).“

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