Fragwürdig und unterkomplex: die „Bergheimer Digitalisierungsstrategie“

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„Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel.“

Am 29.05.2018 tagte der Hauptausschuss des Bergheimer Stadtrats. Auf der Tagesordnung stand die „Digitalisierungsstrategie der Kreisstadt Bergheim“. Einstimmig wurde laut Protokoll beschlossen:

Der Ausschuss stimmt der im Vortrag präsentierten Digitalisierungsstrategie der Stadt Bergheim zu.

In regelmäßigen Abständen wird der Ausschuss über die Weiterentwicklung der Digitalisierungsstrategie und deren Umsetzung informiert.

Der Vortrag selber ist merkwürdigerweise nicht protokolliert. Im Protokoll heißt es lediglich:

Herr Erster Beig. Berger informiert einleitend über dieses Thema. Herr Kratz stellt die Thematik anhand einer umfangreichen Power-Point-Präsentation ausführlich vor. Diese Präsentation wird der Niederschrift beigefügt (siehe Anlage).

Diese erwähnte Präsentation findet sich hier. — Ein paar Anmerkungen (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):

Die Präsentation wimmelt von Standardphrasen und ist selbst als Werbeveranstaltung unterkomplex.

Seite 2: Ein fiktives Verkehrsschild wird gezeigt. Was will uns der Autor damit sagen? Ende der analogen Welt? Die digitale Welt kommt? Geht’s noch simpler? Ferner sind Eisenbahnlokomotiven aus verschiedenen Epochen abgebildet. Selbe Frage: Was will der Autor uns damit sagen? Der Fortschritt ist unaufhaltsam? Der Zug ist übrigens ein Verkehrsmittel, ein Mittel, kein Zweck! Und der Zug ist auch nur eines von vielen verschiedenen Fortbewegungsmitteln. In der Regel gibt es mehrere Wege (Mittel), die zum Ziel führen. Manche Mittel erlangen missbräuchlich den Rang von Zwecken oder gar von Fetischen, zum Beispiel das Auto als Statussymbol. By the way: Manches Transportmittel hat Risiken und Nebenwirkungen… Muss man aber nicht drüber nachdenken, wenn’s um Fortschritt geht. ICE first, Zu-Fuß-Gehen second.

Seite 3: Wikipedia ist ja vielleicht als erste Orientierung hilfreich. Dass Digitalisierung einhergeht mit Datensammeln und Automatisierung, wird verschwiegen.

Seite 4: „Wie digital ist die Welt bereits?“

— Schön, dass man „digital“ messen kann, und zwar an so sinnvollen Zahlen wie Anzahl der Logins bei Facebook, der geschauten Stunden bei Netflix, der Wischereien bei Tinder oder der heruntergeladenen Apps! Das ist überzeugend. In China sind 2017 übrigens 7 Säcke Reis pro Minute umgefallen, ganz ohne App. Das ist sicherlich steigerungsfähig.

Seite 7: „10 Mio. ältere Menschen >70 Jahre, die noch nie das Internet genutzt haben“, „weitere 10 Mio. haben noch nie im Internet gekauft.“ — so what? Warum muss sich das ändern?
„Deshalb: die Non-Digitals mitnehmen“ — Schön, wenn man die Menschen in Digitals und Non-Digitals einteilen kann und den Menschen auf eine der beiden Arten reduziert. Das ist sicherlich fortschrittlich.

Kulturwandel:
„Neues Miteinander“ — Was heißt das? Und wozu ist das gut?
„neues Lernen“ — was heißt das? Und wozu ist das gut? Oder: Wem nützt das? Ist „neues Lernen“ notwendig?

Seite 9: „Digitalisierung ist allumfassend, sie durchdringt die gesamte Stadtgesellschaft.“ Was heißt das? Wollen wir das? Es klingt, als ob die Digitalisierung wie ein unaufhaltsamer Tsunami ist…

Seite 21: „Ziel des Landes NRW: Digital gestützter Unterricht muss Standard werden“. Weder google noch DuckDuckGo findet für die Phrase „Digital gestützter Unterricht muss Standard werden“ eine Quelle.

Seite 23: Hier übernimmt der Vortrag als Ziel für die Bildung in Bergheim „digital gestützter Unterricht muss Standard werden“ und verweist auf „Schreiben Minister Pinkwart zum Gbit-Masterplan, 2.8.2017“. Wo findet sich dieses Schreiben? Wer war der Adressat? Es ist bemerkenswert: Wenn es um Bildung und Digitalisierung geht, plappert die Stadt Bergheim vollkommen unkritisch die Worte von Andreas Pinkwart nach, dem NRW-Minister für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie. Pinkwart ist Mitglied der FDP, die im Wahlkampf 2017 allerorten mit der Parole „Digital first, Bedenken second“ auftrat. Abgesehen davon: „digital gestützter Unterricht muss Standard werden“ — was soll das konkret heißen (aufgeschlüsselt nach Schulformen, Jahrgangsstufen und Fächern)? Welchen Nutzen haben digitale Medien im Unterricht, welche Risiken und Nebenwirkungen gibt es (aufgeschlüsselt nach Schulformen, Jahrgangsstufen, Fächern und Art des Mediums)? All darüber muss man sich in Bergheim offenbar keine Gedanken machen. Andreas Pinkwart first, Neil Postman second.

Seite 37: „Verwaltungsabläufe der Behörden des Landes sollen bis spätestens 1. Januar 2031 auf elektronischem Wege abgewickelt und entsprechend gestaltet werden.“ — Das dauert der Stadtverwaltung Bergheim offenbar zu lange. Sie will Gas geben und verweist auf Elon Musk: „SpaceX wants to send people to Mars by 2025.“ Das kann man als ambitioniert bezeichnen. Oder als leicht unrealistisch. Das bestätigt sogar Wikipedia:

Bisherige Ziele und Projektplanungen von SpaceX erwiesen sich meist als zu optimistisch; bei Großprojekten kam es regelmäßig zu Verzögerungen von mehreren Jahren. Insbesondere die angestrebten Flüge zum Mars 2022 und 2024 werden beziehungsweise wurden als unrealistisch angesehen.

Es ging einiges schief:

Das Starship Mk I wurde bei einem Betankungstest im Dezember 2019 zerstört, der Bau von Mk II wurde anschließend gestoppt. Die nächsten, in Boca Chica gebauten Prototypen Starship SN1 (Seriennummer 1) und SN3 gingen ebenfalls beim Betanken zu Bruch. Beim Starship SN4 wurde im Mai 2020 erstmals ein Raptor-Triebwerk eingebaut und kurz gezündet. SN4 wurde Ende Mai 2020 kurz nach einem Static Fire Test zerstört.

Technik kann versagen. Man kann nur hoffen, dass bei dem von Musk geplanten Beschuss des Mars mit Atombomben alles gut geht. Musk und Donald Trump scheinen geistig verwandt zu sein — Wikipedia weiß:

Musk bezeichnete im Dezember 2017 öffentliche Verkehrsmittel als „absolut schrecklich“, da man diese zusammen mit Fremden nutzt und einer dieser Fremden ein potenzieller Serienmörder sein könnte. […] Nach einigen Tagen kam es zu einer Auseinandersetzung zwischen Elon Musk, ÖPNV-Experte Jarrett Walker, und Wirtschaftswissenschaftler Paul Krugman. Walker sagte, dass Musks Abscheu, Raum mit Fremden zu teilen, ein Luxus (oder eine Pathologie) sei, den sich nur die Reichen leisten können, da Verkehrssysteme, die nach den Präferenzen einer reichen Minderheit konzipiert wurden, normalerweise nicht für die Mehrheit der Bürger geeignet sind. Musk erwiderte: „Du bist ein Idiot“. Später schrieb er: „Entschuldigung […], ich wollte sagen, dass du ein scheinheiliger Idiot bist.“ Dies kommentierte Paul Krugman mit seiner Verwunderung darüber, dass „Du bist ein Idiot“ anscheinend Musks Vorstellung eines überzeugenden Arguments sei.

Warum nimmt die Stadt Bergheim jemanden wie Musk zum Vorbild? Dann doch lieber Andreas Pinkwart.

Seite 52: „Haben Sie Fragen?“ — Ja.

Lieber Bürgermeister der Stadt Bergheim, liebe IT-Abteilung der Stadt Bergheim,

kennen Sie die Website „Echt dabei. Gesund groß werden im digitalen Zeitalter“?

Haben Sie das Buch „Die Lüge der digitalen Bildung: Warum unsere Kinder das Lernen verlernen“ von Gerald Lembke und Ingo Leipner gelesen?

Haben Sie einen der folgenden Artikel gelesen?

Sind Sie der Meinung, dass Technik dem Menschen zu dienen hat und nicht umgekehrt? Wenn ja: Warum wird das in der Bergheimer Digitalisierungsstrategie nicht deutlich?

Sind Sie bereit, die Bergheimer Digitalisierungsstrategie zu überdenken?

— Albert Einstein:

Warum beglückt uns die herrliche, das Leben erleichternde, Arbeit ersparende Technik so wenig? Die einfache Antwort lautet: weil wir noch nicht gelernt haben, einen vernünftigen Gebrauch von ihr zu machen. Im Kriege dient sie dazu, daß wir uns gegenseitig verstümmeln. Im Frieden hat sie unser Leben hastig und unsicher gestaltet. Statt uns weitgehend von geisttötender Arbeit zu befreien, hat sie die Menschen zu Sklaven der Maschine gemacht, die meist mit Unlust ihr eintöniges, langes Tagewerk vollbringen und stets um ihr armseliges Brot zittern müssen.

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