Gibt es ein gutes Buch für Mathematikdidaktik?

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Ein Leser hat mir geschrieben (hurra!): Er sei auf den Artikel „Das Wolkenkuckucksheim einer Professorin für Mathematikdidaktik“ gestoßen. An dessen Ende zitiere ich Franz Lemmermeyer:

Welchen Sinn hat nun der Mathematikunterricht? Im heutigen Zustand praktisch kaum einen – der Anwendungsfetischismus, den uns die Didaktik (Blum, Kaiser, Barzel, Reiss, Kaiser, Elschenbroich, Herget, Greefrath, Leuders und die ganze Bagage) seit PISA beschert hat, hat die Schulmathematik fürchterlich verunstaltet.

Prof. Dr. Gilbert Greefrath ist Professor für Mathematikdidaktik mit dem Schwerpunkt Sekundarstufen an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und Ko-Autor des Buchs „Didaktik der Analysis. Aspekte und Grundvorstellungen zentraler Begriffe“ (laut Springer-Verlag die „erste Didaktik der Analysis, die die kompetenzorientierte Sicht berücksichtigt“).

Der Leser hat mich gefragt:

Was ist Ihre Meinung zu diesem Buch? Falls diese nicht positiv ist, können Sie mir Alternativen nennen, die als gute Didaktikbücher der Analysis bezeichnet werden können?

Das Problem: Ich kenne dieses Buch nicht. Wenn jedoch Franz Lemmermeyer den Autor mit dem „Anwendungsfetischismus“ verbindet, vermute ich, dass ich keine gute Meinung von dem Buch hätte, hätte ich es gelesen. Und diese Vermutung reicht aus, dass ich es voraussichtlich nicht lesen werde.

Des Weiteren muss ich zu meiner Schande gestehen, dass ich noch nie ein Buch für Mathematikdidaktik gelesen habe. Vor einer Weile habe ich aus einem öffentlichen Bücherschrank das Buch „Erfolgreicher Mathematik-Unterricht“ von Volker Hole (Herderbücherei) mitgenommen, aber noch nicht gelesen. Es stammt aus dem Jahr 1973. Der Autor war vor seiner Berufung an die PH Schwäbisch Gmünd Lehrer an Grund-, Hauptschule und Gymnasium für Mathematik und Physik. Die Einleitung ist zumindest nicht abschreckend:

Seit mehreren Jahren hat der Verfasser systematisch positive wie negative Situationen aus Unterrichtsstunden gesammelt, die er selbst gehalten hat oder die er, oftmals mit anderen Kollegen zusammen, beurteilen mußte.

Wer sich selbst ein kritisches Urteil zu Büchern der Mathematikdidaktik bilden möchte, dem empfehle ich die folgende Lektüre (die zum Teil auch Anregungen für den eigenen Mathematikunterricht enthält):

  1. meinen Artikel „‚Pädagogik und Didaktik sind als universitäre Fächer zum Kotzen‘ (Wolf Wagner)“,
  2. den Aufsatz „A Mathematician’s Lament“ von Paul Lockhart (daraus: „Man braucht Mathematik nicht interessant zu machen — sie ist bereits jetzt interessanter, als wir bewältigen können. Und das Beste daran: Mathematik ist völlig unbedeutend für unser Leben. Deswegen macht sie so viel Spaß!“ (meine Übersetzung)),
  3. das Buch „Mathematik mangelhaft. Fehler entdecken, Ursachen erkennen, […]“ von Rolf Röhrig.

Meiner naiven Meinung nach muss sich jede Didaktik der Mathematik an den Überlegungen, Ansprüchen und Ideen, die in diesen Quellen vertreten werden, messen lassen. Franz Lemmermeyer hat kürzlich geschrieben:

Das Problem, das ich mit den allermeisten Didaktikern habe, ist, dass ich sie entweder nicht verstehe, oder dass ich sie verstehe und sie einen rechten Unsinn schreiben.

Das geht mir genauso.

Wer die Thesen von Paul Lockhart nicht glaubt, der werfe einen Blick in das Buch „Bilder der Mathematik“ von Georg Glaeser und Konrad Polthier. Das Buch liefert einen schönen Blick in die Welt der Mathematik1. Es lässt nebenbei erkennen, dass der derzeitige staatlich verordnete Mathematikunterricht nur als fad, öde und langweilig bezeichnet werden kann. — Dagegen ist jedes noch so gute Buch der Mathematikdidaktik machtlos (wenn es ein solches überhaupt gibt).



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Fußnote:

  1. Lemmermeyers Urteil: „It is a fantastic book, parts of which are accessible to highschool students, without being trivial or boring for professional mathematicians, and it should be translated into other languages as soon as possible.“

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