Herzlichen Glückwunsch, Antonio!

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Warum wird jemand, der eine Straße kehrt, zu einem Star? Wann greift der WDR endlich Beiträge von Schule intakt und Bildung Schule Mathematik auf?

Dass vor zwei Wochen in Minneapolis ein Schwarzer durch Polizeigewalt zu Tode kam; dass es daraufhin zu Protesten und Ausschreitungen kam; dass der amerikanische Präsident das Militär gegen die „Aufständischen“ einzusetzen erwägt; und dass die Welle der Demonstrationen gegen Rassismus nach Deutschland übergeschwappt ist, habe ich mitbekommen — alles durch beiläufiges Hören von Nachrichten im Radio und gelegentliches Gucken der ARD-Tagesschau in den letzten Tagen. Weitere Berichterstattung oder Talkshows zum Thema habe ich nicht verfolgt. (Talkshows wie Markus Lanz, Anne Will etc. meide ich grundsätzlich.)

Man könnte sich hierzu einiges fragen. Zum Beispiel, warum über Rassismus verstärkt berichtet wird, wenn es einen aktuellen Einzelfall gibt. Das Problem des Rassismus in den USA existiert seit Jahr und Tag unabhängig von akuten dramatischen Einzelfällen. Man könnte sich grundsätzlich fragen, warum über Ereignisse in den USA (egal welcher Art) überproportional oft und intensiv berichtet wird. Ferner: Wie viel Willkür mit üblen Folgen herrscht hierzulande — in Behörden, Unternehmen, Schulen, Parteien –, ohne dass darüber berichtet wird? Wird über alltägliche Probleme nicht berichtet, weil das zu unspektakulär ist? Wenn 2015 der Leichnam eines Flüchtlingskindes an die türkische Mittelmeerküste angeschwemmt wird, erregt das weltweite Aufmerksamkeit. Dass alle fünf Sekunden ein Kind an Hunger oder Mangelernährung stirbt, wen außer Jean Ziegler interessiert das? Alle fünf Sekunden ein totes Kind, dafür reicht die Erregung offenbar nicht mehr.

Das alles hätte ich nicht geschrieben, wenn ich nicht gestern Mittag einen Kommentar im Radio gehört hätte, und zwar „Scherben zusammenkehren, Risse kitten“ auf WDR 4:

Ein junger Mann macht von sich reden. Antonio in den USA. Nach einer Demonstration gegen Rassismus in Buffalo hat Antonio nachts um zwei Uhr zum Besen gegriffen und den ganzen Müll aufgekehrt, der nach dem Protest die Straßen bedeckte. Dafür wurde er mit einem Auto und einem Stipendium belohnt. Zu Recht, sagt Irene Geuer in ihrem Kommentar.

Die Berichte über den Schüler Antonio gehören zu denen, die Hoffnung machen. […] Antonio, der den Besen in die Hand nahm und Mülltüten kaufte, um die große Straße sauber zu machen. […]

Antonio ist reich beschenkt worden, mit einem Auto und einem Stipendium. Damit kann er tatsächlich sein Wirtschaftsstudium beginnen, für das er zunächst hätte Geld verdienen müssen. Was er später mal machen werde, wird er gefragt, und die Antwort ist rührend. Er wolle ein Reinigungsunternehmen gründen.

Aha. Da kehrt jemand am anderen Ende der Welt eine Straße und bekommt dafür ein Auto und ein Stipendium. Das ist wirklich nicht nur eine Meldung, sondern sogar einen Kommentar im Radio für Nordrhein-Westfalen wert! Wie willkürlich es in den USA zugeht, zeigt übrigens die unverhältnismäßige Belohnung für den Straßenkehrer.

Seit Jahren weise ich auf meinem Blog auf Missstände im Schulwesen hin: von rechtswidrigen Prüfungen im Abitur über erbärmlich schlechte Schulbücher für Mathematik bis zu mangelhafter Demokratieerziehung. Die Resonanz hält sich in Grenzen. Franz Lemmermeyer aus Baden-Württemberg leistet mit seinem Blog Bildung Schule Mathematik eine ähnliche Arbeit. Die Missstände im Schulwesen lassen sich leider nicht dadurch beseitigen, dass ein Einzelner zu einem Besen greift. Weder Lemmermeyer noch ich sind Herakles, sonst hätten wir den Augiasstall im Bildungssystem längst allein saubergemacht.

Daher die Frage: Lieber WDR, wann greift Ihr endlich mal die Probleme auf, auf die Schule intakt und Bildung Schule Mathematik hinweisen? Warum berichtet Ihr darüber nicht so lange, bis ein Problem nach dem anderen gelöst ist? Vielleicht käme dann jemand auf die Idee, die Herausgeber fürs Bloggen zu belohnen. Es muss auch kein Auto sein. Ich wäre damit zufrieden, wenn die NRW-Ministerin für Schule und Bildung mich zum „Demokratiebeauftragten für alle Schulen des Landes“ ernennt — natürlich mit gewissen Befugnissen. Ich würde das einstweilen sogar ehrenamtlich machen. Eine Aufwandsentschädigung wäre nett, BahnCard 100 zum Beispiel. Lieber WDR, ist das nicht auch rührend — genauso wie Antonios Berufswunsch, eine Reinigungsfirma zu gründen?

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