Informativ und anregend: „Unterricht ist Beziehungssache“ von Michael Felten

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Das neue Buch des Kölner Pädagogen enthält nützliches Hintergrundwissen, viele weiterführende Hinweise und diverse prägnante, lehrreiche Beispiele aus der Unterrichtspraxis.

Michael Felten war von 1981 bis 2017 Gymnasiallehrer für Mathematik und Kunst in Köln. Seit 2010 ist er in der Lehrerweiterbildung tätig. Seine Homepage „Feltens Pädagogische Palette“ ziert ein Zitat Alfred Adlers: „Günstig für das Wachstum eines Kindes sind Schwierigkeiten, die es überwinden kann.“

Vor Kurzem ist bei Reclam sein Buch „Unterricht ist Beziehungssache“ erschienen. Der Autor beleuchtet laut Klappentext „alle Angelpunkte des Unterrichts- und Schulalltags, vom Stundenbeginn bis zu Klassenfahrten, und erläutert ganz konkret, wie sie beziehungsförderlicher arrangiert werden können“.

Das Buch gliedert sich in vier Kapitel:

  1. Wieder im Fokus: Lehrer-Schüler-Beziehung (Einführung),
  2. ‚Pädagogische Beziehung‘ in Ideengeschichte und Forschung,
  3. Beziehungsgestaltung im Unterrichtsalltag und
  4. Beziehungskunst als Entwicklungsfeld.

In kompakter, skizzenhafter Manier gelingt es Felten im zweiten Kapitel, das Thema ‚Pädagogische Beziehung‘ in Ideengeschichte und Forschung zu durchstreifen: von der Tiefenpsychologie über die empirische Unterrichtsforschung bis zur Neurobiologie. Als Auftakt und zur Einstimmung ist das mehr als ausreichend. Allein die Verweise auf bzw. Zitate von Herman Nohl, Sigmund Freud und Alfred Adler lohnen, wobei wir uns gefreut hätten, wenn auch der Schweizer Lehrer Hans Zulliger (1893 – 1965), ein Vertreter der psychoanalytischen Pädagogik, erwähnt worden wäre. Der in diesem Kapitel befindliche Abschnitt über die Tiefenpsychologie ist unentbehrlich, will man die im dritten Kapitel dargelegten Szenarien verstehen. „Ein tiefenpsychologischer Blick auf die Dynamik im Klassenzimmer ist jedenfalls enorm entlastend: Plötzlich wird einem klar, dass störendes Verhalten weder auf Bösartigkeit noch Unfähigkeit beruht, sondern einfach ein früh gelerntes Muster darstellt, Anerkennung zu finden, Geltung zu erleben, vor Belastungen auszuweichen“, schreibt Felten zusammenfassend im vierten Kapitel (S. 102).

Das dritte Kapitel, Beziehungsgestaltung im Unterrichtsalltag, bildet das Herzstück von Feltens Büchlein. Hier wird die Beziehungssache Unterricht mit Leben gefüllt gefüllt. Unter anderem geht es um

  • Klassenleitung — wie man eine förderliche Tonlage vorgibt,
  • Fehlerfreundlichkeit,
  • Alltagsgeißel ‚Unterrichtsstörungen‘,
  • Unruheherd Lehrer,
  • Klassenfahrt — nur Gaudi,
  • Elternarbeit,
  • Bonus-Track Schwierige Schüler — Sargnagel oder Krönung?.

Die insgesamt 17 Beispiele und Szenarien — mal kurz, mal ausführlich geschildert — stellen keine Rezeptsammlung dar, aber sie laden ein, sich die eine oder andere Scheibe von Michael Feltens Expertise abzuschneiden und den Umgang mit Schülern vielleicht einmal anders, das heißt „beziehungsförderlich“, zu gestalten. Insbesondere der Bonus-Track Schwierige Schüler macht deutlich, was es heißt, einen Schüler im Sinne Alfred Adlers, also aus einer individualpsychologischen Perspektive zu betrachten und zu behandeln.

Im vierten Kapitel, Beziehungskunst als Entwicklungsfeld, stellt der Autor die Frage: „Wie wird man eigentlich ein beziehungsmäßig guter Lehrer?“ Sie wird in zwei Abschnitten beantwortet, zunächst im Hinblick auf die Ausbildung, dann im Hinblick auf die Weiterbildung von Lehrern. Im Abschnitt Referendariat (Ausbildung) (S. 87ff) werden „einige Mosaiksteine eines Beziehungscurriculums für angehende Lehrer“ vorgestellt. Es sind derer fünf Stück, die etwas technisch-nüchtern daherkommen. Ein Wort wie „Beziehungswirksamkeitsgefühl“ (S. 90) ist glücklicherweise eine Ausnahme. Im Übrigen betreffen diese Mosaiksteine nicht nur die Ausbildung, sondern sie enthalten Grundlegendes, was die Beziehungskultur in einer Schule angeht — zum Beispiel unter dem Punkt „Spezifisches, schülerbezogen: Lern- und Entwicklungsschwierigkeiten richtig durchschauen“ (S. 91f):

Wer kennt sie nicht, die verbreiteten spontanen Interpretationsschablonen von Lehrern bei Problemschülern und Unterrichtsstörungen — „der will nicht, „der will mir was“, oder „der kann eben nicht mehr“? Aber sie führen vielfach in die Irre, weil sie die tatsächlichen Ziele Heranwachsender verkennen. […] Man sollte angehenden Lehrern die Fähigkeit vermitteln, ‚Sorgenkinder‘ wohlwollend zu durchschauen […].

Vielleicht wäre es gewinnbringender gewesen, anstelle dieser „Mosaiksteine eines Beziehungscurriculums“ eine Reihe von Leitideen aufzustellen, die für eine beziehungsförderliche Schul- und Unterrichtskultur unabdingbar sind. Aus diesen Leitideen heraus würden sich dann Vorgaben und Inhalte für die Aus- und Weiterbildung ergeben.

Für die schon ausgebildeten Lehrer, also für die Weiterbildung, stellt der Autor diverse Konzepte und Ansätze vor, die sich lohnen, weiterverfolgt zu werden, zum Beispiel das Konzept von Hüttebräucker und Schneider, Balint-Gruppen und das Konstanzer Trainingsmodell. Es ist jedoch die Frage, ob und inwieweit Lehrerkollegien für solche Ansätze empfänglich sind oder ob sie vielmehr abgewehrt werden und eine Lehrerschaft (womöglich mit vielen gußeisernen Charakteren) lieber an den oberflächlichen „Interpretationsschablonen“ hängen bleibt. Tiefenpsychologische Pädagogik ist ja nichts Neues, geht aber wohl derart ans Eingemachte, dass sie erfolgreich verdrängt wurde. Es wäre interessant herauszufinden, welche Kräfte, welche Widerstände hier am Werk sind.

Der Autor ahnt (oder weiß) offenbar, dass man an manchen Schulen mit „seinen“ beziehungsförderlichen Ideen keine offenen Türen einrennt (S. 102f):

Wenn aber nun weder Fallbesprechungsgruppe noch Tandempartner greifbar sind? […] Man ist also keineswegs verloren, wenn man einen Schulleiter hat, der seinem Kollegium keine Weiterbildung in Sachen Beziehungsgestaltung gönnt. Man nimmt das Reifen der eigenen pädagogischen Haltung dann einfach in die eigene Hand, betreibt es quasi autonom und eher beiläufig — in Stillarbeit, bei der Pausendebatte, sogar im Kino […].

Ob dieser autonome Versuch so einfach oder gar erfolgreich ist, sei dahingestellt. Völlig verloren ist man dank Feltens „Unterricht ist Beziehungssache“ nicht. Am besten liest man es zur Vertiefung seines 2012 erschienenen locker-inspirierenden Büchleins „Schluss mit dem Bildungsgerede! Eine Anstiftung zu pädagogischem Eigensinn“.



Michael Felten. Unterricht ist Beziehungssache. Reclam-Verlag. 2020. 112 Seiten. ISBN 978-3-15-019692-2. 6,80 €.


PS
Dass Unterricht Beziehungssache ist, dass Tiefenpsychologie hilfreich ist, hierin folgen wir Michael Felten uneingeschränkt (wobei wir manchen Akzent vielleicht anders setzen würden). Wir haben allerdings Zweifel, was sein positives, optimistisches Bild vom Lehrerberuf und die Realisierbarkeit guter Beziehungsarbeit angeht. Auf Seite 12 heißt es:

Im Übrigen kann man nur zu diesem Beruf raten. Lehrerin, Lehrer sein ist zwar harte Arbeit — aber auch eine sehr schöne, auf eigentümliche Art erfüllende. Zwischenmenschliche Nähe und Fürsorge beinhalten ganz einfach eine Art Glücksangebot.

und auf Seite 105, der letzten Seite:

Gute Beziehungsarbeit ist nicht nur an Leuchtturmanstalten realisierbar, sondern auch in der öffentlichen Schule — mit all ihren Mängeln. Allen Lehrern wäre jedenfalls zu wünschen, dass sie sich an dem Abenteuer, als Menschenbildner unterwegs zu sein, möglichst lange erfreuen […].

Da unsere Bedenken nicht den Kern des Buches, sondern ein übergeordnetes Problem betreffen, werden wir dies an anderer Stelle ausführen.

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