Jesper Juul über Mobbing

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„Mobbing entsteht infolge eines Führungsproblems, das die gesamte Schule, nicht nur die Schüler betrifft.“

Die Aachener Nachrichten vom 8. Februar 2020 widmeten ihre Seite Drei dem Thema Mobbing: „Verhaltenstagebuch und Life-Coach: Zwei Drittel aller Schüler erleben Gewalt oder Hänseleien. So löst ein Aachener Gymnasium Probleme.“ (online hier).

Über die Ursachen von Mobbing erfährt man in dem Artikel ziemlich wenig oder nur Oberflächliches:

Kinder sind mitunter aggressiv oder traurig, weil sie Probleme mit ihren Eltern haben, weil sie in der Schule nicht mehr mitkommen, weil sie keine Freunde finden.

Es kommen zwar der Schulleiter, der Unterstufenkoordinator1 und der sogenannte Life-Coach der Schule zu Wort; aber die Stimmen von Schülern sucht man in dem Beitrag vergebens. Auch weiterführende Gedanken, zum Beispiel die eines Jesper Juuls, findet man nicht.

Der 2019 verstorbene Familientherapeut Jesper Juul schreibt in seinem Buch „Schulinfarkt“ (2013, Kösel-Verlag, München, S. 74f):

Eine dänische Untersuchung hat gezeigt, dass an Schulen, an denen es Mobbing unter Schülern gibt, auch Mobbing unter Lehrern vorkommt. Mobbing entsteht infolge eines Führungsproblems, das die gesamte Schule, nicht nur die Schüler betrifft. […] Die skandinavischen Länder haben viel Geld in Mobbingprogramme investiert, die jedoch relativ wirkungslos bleiben, weil es sich im Kern wie gesagt um Führungsprobleme handelt. In der Schule sind ja alle Angestellten auch Führungskräfte, nicht nur die Schulleitung, sondern auch die Lehrer, die im Klassenzimmer, bei Eltern- und Schülergesprächen die Führungsrolle innehaben.

In seinem Artikel „Mobbing beginnt nicht in den Köpfen der Kinder“ schreibt Juul:

Im gleichen Masse widerspiegelt Mobbing am Arbeitsplatz die Qualität der Führung in einem Betrieb. Aus unseren klinischen Erfahrungen wissen wir, dass in Schulen, in welchen häufiges Mobbing zwischen Kindern betrieben wird, auch Mobbing unter Lehrpersonen stattfindet. Der einzige Unterschied besteht darin, dass intelligente Erwachsene sehr subtile Wege verwenden, um andere schlechtzumachen; Wege, die nicht so leicht bewiesen werden können. Mobbing ist eine Reaktion auf ein dysfunktionales soziales System in Institutionen und Organisationen.

Die wichtigste Führungskraft in Schulen ist die Schulleiterin oder der Schulleiter. Ihr/sein Führungsstil, ihre/seine Werte und Prinzipien spiegeln sich im Verhalten der meisten Lehrpersonen wider.

Das hat übrigens auch die Kultusministerkonferenz erkannt: Eine „demokratische Schul- und Unterrichtsentwicklung“ manifestiere sich unter anderem „im Führungsstil der Schulleitung“ heißt es in deren Papier „Demokratie als Ziel, Gegenstand und Praxis historisch-politischer Bildung und Erziehung in der Schule“.



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  1. Der ist gleichzeitig SV-Verbindungslehrer. Über die SV dieser Schule erfährt man unter anderem: „Zudem bemüht sich das SV-Team durch kreative Veranstaltungen und Aktionen (alljährige Karnevalsfeier, Valentinstag etc.) den Schüleralltag zu verschönern.“ Das ist in der heutigen Zeit nicht merkwürdig. Merkwürdig ist, wie der Schülersprecher gewählt wird. Dazu mehr in einem Extra-Artikel.

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