Studien- und Berufsorientierung ballaballa

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Man kann es treiben. Man kann es auch übertreiben. Es lebe die Bürokratie!

Wir hätten es uns denken können, dass unser Artikel „Beseitigt die Bürokratie im Schulwesen!“ im Ministerium für Schule und Bildung (MSB) nicht in vollem Umfang verstanden worden ist — trotz der recht patenten Ministerin Yvonne Gebauer.

Auf der Seite „Berufliche Orientierung“ des Schulministeriums ist zu lesen:

Die Schule erfolgreich abschließen und danach direkt in einen Beruf starten – dieser Weg ist spannend, aber gleichzeitig auch gar nicht so leicht.

Alle Jugendlichen an allgemeinbildenden Schulen im Land NRW erhalten deshalb die Möglichkeit, berufliche Zukunftspläne überlegt zu gestalten.

Was die Seite verschweigt, ist, dass es sich bei dieser „Möglichkeit“ um eine Verpflichtung handelt, der eine monströse Bürokratie1 des Schulministeriums und des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales (MAGS) des Landes Nordrhein-Westfalen zugrunde liegt.

Wer wissen will, welche Ausmaße die vom Staat organisierte und per Erlass verordnete Studien- und Berufsorientierung angenommen hat, der überfliege zum Beispiel das Dokument „Neue Standardelemente der Beruflichen Orientierung in der Sekundarstufe II“ der Bezirksregierung Arnsberg. (Die darauf verwendete Zeit hätte die Bezirksregierung lieber mal in eine bessere Schulaufsicht — zum Beispiel am Marie-Curie-Gymnasium Bönen — stecken sollen…)

Auch das Arbeitsministerium hat sich mächtig ins Zeug gelegt. In der 112-seitigen Broschüre „Kein Abschluss ohne Anschluss – Übergang Schule–Beruf in NRW. Zusammenstellung der Instrumente und Angebote“ heißt es im Vorwort:

Nordrhein-Westfalen geht mit der Landesinitiative „Kein Abschluss ohne Anschluss“ (KAoA) beim Übergang von der Schule in den Beruf neue Wege und implementiert als erstes Flächenland ein einheitliches und effizientes Übergangssystem von der Schule in Ausbildung und Studium. Mit „Kein Abschluss ohne Anschluss“ führt NRW ein landesweit verbindliches, strukturiertes, transparentes, geschlechtersensibles, kultursensibles und Inklusion berücksichtigendes Gesamtsystem ein. Mit dem neuen Übergangssystem werden seit dem Schuljahr 2012/2013 in vier Wellen aufwachsend die Jugendlichen ab der achten Jahrgangsstufe durch Berufs- und Studienorientierung bei der Berufswahl unterstützt. Seit Beginn des Schuljahres 2016/2017 nehmen alle öffentlichen Schulen in NRW mit ihren achten Jahrgängen an KAoA teil.

Schulen werden genötigt, schulinterne Curricula zur Studien- und Berufsorientierung festzulegen, zum Beispiel dieses hier des Gymnasiums Lohmar oder dieses hier vom Gymnasium Koblenzer Straße Düsseldorf. Stolze 61 Seiten, die mit Alexander von Humboldt eingeleitet werden:

Nie ist das menschliche Gemüt heiterer gestimmt, als wenn es seine richtige Arbeit gefunden hat.

Nie ist das menschliche Gemüt düsterer gestimmt, als wenn es mit Curricula konfrontiert wird, die von leblosen Unterrichtsbeamten ersonnen wurden!

Larissa Sarand schreibt völlig zu Recht („Schulschluss! Gute Gründe, das Referendariat abzubrechen“):

Zumal ich mich ohnehin frage, wann die Sache mit den ganzen Eignungstests ihren unrühmlichen Anfang genommen hat. Warum haben die Kinder offenbar kein eigenes Gespür mehr dafür, was sie selbst möchten und können? Wann haben Sie aufgehört, mit Ihren Kindern über deren Wünsche, Neigungen und Talente zu sprechen, sodass Ihre Söhne und Töchter aus freiem Wunsch und echter Überzeugung heraus ein Zukunftsziel formulieren können, mit dem die ganze Familie gut leben kann? Haben Sie überhaupt damit aufgehört? Nimmt man Ihnen mit solchen Testaten nicht auch eine erzieherische Aufgabe, und zwar eine schöne, aus der Hand?

Ewald Wetekamp vom Arbeitskreis Schule und Bildung in Baden-Württemberg schreibt („Warum die Digitalisierung in Schulen und Klassenzimmern nur mit äußerster Vorsicht zu handhaben ist“):

In allen Schulformen ist es üblich, die Schüler in den achten bzw. neunten Klassen auf die Berufsfindung vorzubereiten. Dazu werden sogenannte Assessments durchgeführt, für die Kollegen der einzelnen Schulen ausgebildet werden müssen. Ein enormer zeitlicher und finanzieller Aufwand. Finanziert werden diese Schulungen von der Bundesagentur für Arbeit, vielen Freien Trägern und einigen Unternehmen. Wie man da zu Ergebnissen kommt, ist ein eigenes Thema (Empathieabstinenz). Hier werden detaillierte Berichte zur Kooperationsfähigkeit, Kreativität, Ausdauer und Durchhaltevermögen, Allgemeinbildung, mathematische Fähigkeit, Konzentrationsvermögen, Kombinationsfähigkeit, zur Selbst und Fremdwahrnehmung und noch einiges mehr erstellt. Das alles kann auch von außerschulischen Personen durchgeführt werden, da es hier vorgegebener maßen nur um ein empathieabstinentes Beobachten, Zählen und Sammeln geht. Alle diese Erhebungen werden entweder am Computer mit entsprechenden Programmen von den Schülern selbst durchgeführt oder von den Beobachtern in den Computer eingegeben und an einen zentralen Rechner geschickt, der diese Daten auswertet. Dieses Assessment zieht sich über eine Woche hin. Der Fachunterricht fällt aus, bzw. muss vertreten werden. Der Aufwand ist enorm. Die Frage nach dem Nutzen für Schule und Schüler ist umstritten. Wozu dann ein solcher Aufwand? Wer also ist warum an diesen Daten zu welchen Zwecken interessiert?

Tja, wozu ein solcher Aufwand? Was hat sich die Landesregierung bei dem Programm KAoA gedacht?

Im NRW-Koalitionsvertrag von CDU und FDP heißt es:

Das Programm „Kein Abschluss ohne Anschluss“ werden wir evaluieren und an allen Schulformen weiterentwickeln.

Liebe CDU, liebe FDP: Das habt Ihr echt gut hingekriegt! Die frühere Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) hätte KAoA nicht besser „weiterentwickeln“ können. Gegen die Bürokratie der Kultusbeamten hat offenbar selbst eine aufgeweckte Ministerin wie Yvonne Gebauer keine Chance — obwohl CDU und FDP in NRW sich den Bürokratieabbau auf die Fahnen geschrieben haben. An mehr als 20 Stellen ihres Koalitionsvertrags ist davon die Rede, zum Beispiel:

  • „In diesem Sinne werden wir die Menschen und Unternehmen von überbordender Bürokratie befreien […].“
  • „Wir werden ein Entfesselungsgesetz mit Sofortmaßnahmen zum Abbau unnötiger Bürokratie vorlegen.“
  • „Wir führen einen Normenkontrollrat des Landes ein, der die Aufgabe eines ‚Bürokratie-TÜV‘ nach dem Vorbild des Normenkontrollrates des Bundes wahrnimmt. Der Bürokratie-TÜV wird bei Gesetzgebungsverfahren den Erfüllungsaufwand für Bürgerinnen und Bürger, Unternehmen und Verwaltungen berechnen und öffentlich machen. Der ‚Bürokratie-TÜV‘ beinhaltet auch eine regelmäßige Evaluierung von Gesetzen.

Schade, dass das mit dem Bürokratieabbau beim Programm „Kein Abschluss ohne Anschluss“ nicht ganz so gut geklappt hat. Wie wäre es, wenn man die Schule mal als Lebens- und Erfahrungsraum gestalten würde, anstatt dieses ohnehin schon äußerst fragwürdige knastähnliche System voller Pflichten mit immer weiteren seelenlosen, bürokratischen Programmen vollzustopfen?



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Fußnote

  1. „Bürokratie: Verstopfung der Gesellschaft, Einrichtung zur Schaffung von Problemen, die ohne sie nicht denkbar wären. Die Bürokraten sitzen zwischen uns herum und gucken, ob auch alle richtig zwischen sich herumstehn.“ (Manfred Hinrich)

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