Abwicklung des Mathematikunterrichts: „Des Didaktors neue Kleider“ von Franz Lemmermeyer

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Dass der Mathematikunterricht abgewickelt wird, darauf haben wir gelegentlich hingewiesen (z. B. hier und hier). Ins selbe Horn stößt Franz Lemmermeyer. In seinem wuchtig-süffigen Aufsatz „Des Didaktors neue Kleider“ skizziert er, wie sich der Mathematikunterricht in den letzten 70 Jahren verändert hat, indem er Schulbücher für Mathematik von Lambacher-Schweizer (2005 – 2012) mit dem „Mathematischen Unterrichtswerk für höhere Schulen“ von Heye-Lietzmann aus dem Jahre 1940 vergleicht. Ein Auszug aus der Einführung:

Die gefühlten 20 Reformen des Mathematikunterrichts an den baden-württembergischen Schulen, die in den letzten 25 Jahren von oben her durchgedrückt worden sind, haben die Qualität des Unterrichts maßgeblich beeinflusst. […]
Es sei mir daher gesattet, wenigstens einmal mit dem Finger auf diejenigen gezeigt zu haben, die für diese Bildungskatastrophe verantwortlich zeigen: die Didaktoren.
Darunter möchte ich diejenigen Didaktiker verstanden wissen, die

  • fast gar nie unterrichtet haben, aber trotzdem besser als alle Lehrer wissen was guter Unterricht ist;
  • von höherer Mathematik oder deren Anwendung keine Ahnung haben, aber trotzdem entscheiden dürfen, welche Inhalte für Schüler eine Bedeutung haben und welche nicht;
  • die, ohne irgendeine intellektuelle Leistung vollbracht zu haben, aus unerfindlichen Gründen in den politischen Gremien landen, in denen sie dafür sorgen können, dass ihre didaktischen Tagträume in die Realität umgesetzt werden.

Liebe Düsseldorfer Bildungsbürokraten, falls Ihr’s nicht checkt: Auch Ihr zählt zu den Didaktoren!

Kritik an den fragwürdigen „Modellierungsaufgaben“ in den neueren Schulbüchern als auch in Abiturprüfungen kommt bei Lemmermeyer nicht zu kurz:

Aber kein Beispiel wäre zu doof, als dass es nicht von Lambacher-Schweizer als eine Anwendung der Mathematik in der Wirtschaft herangezogen würde. […] Vermutlich haben die Autoren geglaubt, mit derartigem Mummenschanz ließen sich die weniger starken Schüler für Mathematik begeistern. In diesem Fall habe ich eine Überraschung für sie: das ist nicht der Fall.

Lemmermeyer kommt zu den folgenden Schlüssen:

Diese Art von Didaktik ist kreationistischer Natur: man fragt nicht nach dem Zusammenhang, sondern schafft sich eine black box nach der anderen, um am Ende ein Sammelsurium von Objekten zu haben, die die meisten Schüler nicht mehr überblicken können. Es ist eine didaktische Meisterleistung, das Niveau zu senken und gleichzeitig das Material unübersichtlicher zu machen. […]
Für meine Seite kann ich nur einen Schluss ziehen: Die Schulmathematik am Gymnasium ist zur Infantilimalrechnung verkommen. Warum ein Land wie Deutschland mit einer jahrhundertelangen Lehr- und Unterrichtstradition, die von vielen Ländern kopiert wurde, sehenden Auges in das bildungspolitische Verderben rennt, ist nur schwer zu begreifen.

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Quellen/Verweise: