Schule in Zeiten digitaler Verblödung II

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„Digital first, Bedenken second“: Das Einhard-Gymnasium Aachen hat die FDP-Parole verstanden und offenbar zu viel Zeit.

Die Aachener Nachrichten (AN) berichteten vorige Woche über das Pilotprojekt „Tabletklasse“ des Einhard-Gymnasiums der Stadt Aachen („Demnächst Tablets für alle Achtklässler“ von Margot Gasper, 12.09.2017, S. 19, online hier). Dem Artikel zufolge arbeitet seit gut einem Jahr eine siebte Klasse am Einhard-Gymnasium als Tabletklasse.

Aus dem Zeitungsartikel erfahren wir,

  • dass die Familien der „Tablet-Kinder“ eine intensive technische Beratung brauchen; selbst junge Leute, die mit Computern aufwachsen, seien nicht unbedingt in der digitalen Welt zu Hause;
  • dass etwa zehn Prozent der Geräte ausfallen, was für die Familien nervig sei; die mussten sich nämlich um die Reparatur kümmern;
  • dass unterschiedliche Betriebssysteme auf den Geräten die Schule technisch vor Herausforderungen gestellt haben;
  • dass Reparatur und Wartung der Präsentationstechnik zusätzlich ins Geld gingen;
  • dass die Lehrer von der Qualität des digitalen Schulbuchangebots enttäuscht sind;
  • dass Computerräume trotz Tableteinsatz nicht überflüssig werden.

Trotz all dieser Widrigkeiten ist in dem AN-Beitrag zu lesen, dass „die Bilanz insgesamt sehr positiv ausfällt“. Mögliche Vorteile einer Tabletklasse werden allerdings nicht erwähnt. Warum nicht? Erstaunlich ist angesichts all der Risiken und Nebenwirkungen, dass das Tabletprojekt ausgeweitet werden soll: „Ab dem Schuljahr 2020/21 sollen alle Achtklässler am Aachener Einhard-Gymnasium […] mit dem Tablet lernen.“ Das sei ein Ergebnis des Pilotprojekts, über das die Schulleitung des Gymnasiums vor dem Schulausschuss des Aachener Stadtrats berichtete. „Die Verwaltung soll nach dem Willen der Schulpolitiker nun ein Konzept für Tabletklassen an den städtischen Schulen entwickeln.“ Das erinnert ein wenig an Jean-Claude Juncker: Der Präsident der EU-Kommission forderte jüngst, den Euro in allen übrigen EU-Mitgliedsstaaten einzuführen — und das, obwohl die Währungsunion schon jetzt dilettantisch gemanaget wird und die Eurokrise längst nicht gelöst ist. Laut dem AN-Beitrag fragte der stellvertretende Schulleiter des Einhard-Gymnasiums: „Wie bezahlen wir das, wenn wir das Projekt ausweiten?“ Die Antwort wurde nicht überliefert. Egal — Digital first, Bedenken second.

Manche Leute glauben anscheinend an die Digitalisierung wie an eine Heilslehre1 und verkennen dabei, dass sie hauptsächlich dem Profit der IT-Industrie dient und die Pädagogik weiter entpersonalisiert. Zur Erinnerung: Der deutsch-amerikanische Informatiker Joseph Weizenbaum sagte in den 1980er-Jahren:

Der Computer in der Schule ist eine reine Frage der Priorität. Ich frage: Beherrschen 18jährige in diesem Land ihre Muttersprache? Wissen sie viel von ihrer Geschichte, ihrer Kultur, ihrer Literatur? Können sie denken? Wenn die Schule diese Dinge vermittelt hat, dann wäre ich damit einverstanden, wenn der Computer eingeführt wird.



PS: Die Aachener Nachrichten waren so nett und haben den unten abgebildeten Leserbrief am 19. September 2017 veröffentlicht. Er enthält im Wesentlichen die Gedanken dieses Beitrags.

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  1. vgl. „Digitalisierung als Heilslehre“ von Ralf Lankau