Schule in Zeiten digitaler Verblödung

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Zwischenruf aus Bergheim an der Erft

„Sei gütig, denn alle Menschen, denen du begegnest, führen einen schweren Kampf“, mahnte Platon. Angesichts der veröffentlichten Werke mancher Journalisten fällt es bisweilen schwer, gütig zu sein. Wir versuchen, unser Bestes zu geben, auch wenn es Platons Ansprüchen vermutlich nicht genügt hätte.

Zur Sache. In der Zeitschrift, die 1983 die von Konrad Kujau gefälschten Hitler-Tagebücher veröffentlichte — in dem Glauben, sie wären echt –, also im Stern, schreibt Hans-Ulrich Jörges wöchentlich die Kolumne „Zwischenruf aus Berlin“. Laut Wikipedia ist er seit 2007 Mitglied der Chefredaktion des Stern und Chefredakteur für Sonderaufgaben des Verlags Gruner + Jahr; 2004 wurde er zum Journalisten des Jahres in der Kategorie „Politik“ gewählt. Er ist bisweilen Gast bei diversen TV-Talkshows, zum Beispiel im Presseclub, bei Anne Will und bei Maischberger.

In der Ausgabe des Stern vom 10. August 2017 lautete Jörges‘ Zwischenruf aus Berlin „Schule in Zeiten der Lüge“ (online nicht verfügbar).

Der Text ist mit Vorsicht zu genießen. Denn: Manche Texte entziehen sich einer ernsthaften Auseinandersetzung, weil sie einfach zu konfus sind. Wie bei einem hoffnungslos ineinander verschlungenen Seil kann man das ganze Knäuel von undefinierten Begriffen, Fehlschlüssen und unsinnigen Annahmen nicht entwirren, ohne selbst verrückt zu werden. Wir wagen trotzdem den Ansatz einer Analyse.

Jörges‘ Kolumne beginnt mit einer steilen, reißerischen These:

Deutschland ist digitales Entwicklungsland. Schnelles Internet für alle, stabile WLAN-Verbindungen nicht nur im Zentrum privilegierter Großstädte, Handynetze ohne Funklöcher — davon lässt sich hierzulande nur träumen.

Uns geht es wirklich schlecht in Deutschland, diesem digitalen Entwicklungsland. Die Masche: Dramatisieren und schlechtreden, um den Boden für fragwürdige Maßnahmen und Reformen zu bereiten. Hat beim umlagefinanzierten Rentensystem auch geklappt. Die Stiftung Warentest kommt zu einer leicht anderen Einschätzung, was die Qualität des Mobilfunknetzes in Deutschland angeht (Test vom Juni 2017):

Im Übrigen: Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier (Mahatma Gandhi).

Weiter in Jörges‘ Text:

Digitales Entwicklungsland, das gilt auch fürs Bildungssystem. Schulen am Netz, Unterricht mit dem Laptop, Lehrstoff per Video sind Ausnahmen.

Ralf Lankau („Digitalisierung als Heilslehre“) hat ganz recht: Es scheint für Bildungseinrichtungen nur noch ein Thema und nur noch ein Ziel zu geben: die Digitalisierung. Ob „Schulen am Netz, Unterricht mit dem Laptop, Lehrstoff per Video“ überhaupt Vorteile bringen und nicht vielleicht mit Risiken und Nebenwirkungen verbunden sind, ob es an Schulen nicht vielleicht ganz andere Probleme gibt, wird nicht erörtert. Digital first, Bedenken second. America first, Verstand second.

Weiter im Text:

Kinder aber betreten per Smartphone oder Tablet oft schon früher das Internet als die Schule, mit vier oder fünf Jahren. Allein gelassen, ohne Anleitung bei den Exkursionen. Daran ändert sich auch später nicht viel.

Jörges meint natürlich nur die Kinder, die schnelles Internet, stabile WLAN-Verbindungen und Handynetze ohne Funklöcher haben.

Deshalb gehört Medienunterricht auf den Lehrplan der Schulen. Schleunigst. […] Ohne Verständnis der Medien ist die Welt nicht zu begreifen. Sie sind prägend für Charakter, Bildung, Urteilsfähigkeit und demokratische Teilhabe.

Was auch immer das alles bedeuten soll! Mit Verständnis der Medien ist die Welt zu begreifen? Inwiefern? Medien prägen den Charakter und die Urteilsfähigkeit eines Menschen? Auf zwischenmenschliche Beziehungen und Erfahrungen in den ersten Lebensjahren kommt es nicht an?

Ohne Medienkompetenz ist der Mensch Objekt statt Subjekt. Ausgeliefert. Sklave. Der Medienunterricht soll also Kulturtechniken vermitteln, die zu Freiheit und aufrechtem Gang befähigen.

Wir geben zu, dass wir noch nie über den Begriff „Kulturtechnik“ nachgedacht haben. Medienkompetent wie wir sind, haben wir bei Wikipedia nachgeschlagen. Da gibt es einiges Nettes zu lesen. Es werden auch eine Menge Kulturtechniken aufgezählt, zum Beispiel: Feuer machen, Landwirtschaft, Kunst gestalten, Kalender verwenden, anhand von Landkarten mobil sein, Wissenschaft betreiben, aber auch Kollaboratives Schreiben in sozialen Netzwerken, Nahrungsmittelbeschaffung, Zubereitung, Konservierung, Kochkunst, Feiern, Tischsitten.

Jörges macht sich aber nicht so viele Gedanken wie Wikipedia, bei ihm heißt es weiter — kein Witz:

Das heißt zunächst mal, rein technisch: Schüler müssen Programmieren lernen. Und Algorithmen verstehen, deren universale Rolle in der Welt der Computer. Darauf baut die inhaltliche, man möchte fast sagen: politische Bildung auf.

Man möchte fast sagen: Hä? Verstehen wir nicht, rein technisch. Abgesehen davon, dass wir uns fragen, was mit „inhaltlicher Bildung“ gemeint ist und ob es auch nicht inhaltliche Bildung gibt, bezweifeln wir, dass Programmierkenntnisse notwendige Voraussetzung für Bildung, Freiheit und einen aufrechten Gang sind. Wie kommt man darauf?

Nur mal so nebenbei: Auf welt.de ist zu lesen:

Am Ende der Grundschule hatte nur die Hälfte der Kinder ein Jugendschwimmabzeichen in Bronze erworben. „Das ist für uns das einzig sichere Zeichen, dass ein Kind ein sicherer Schwimmer ist“, sagt Achim Wiese, Sprecher der DLRG. „Deutschland ist auf dem besten Weg, ein Land der Nichtschwimmer zu werden.“ Einer der Gründe für die zunehmende Anzahl der Nichtschwimmer ist, dass immer mehr Bäder schließen. Etwa 25 Prozent der Grundschulen haben keinen Zugang mehr zum Schwimmbad.

Aber Hauptsache, es gibt keine Funklöcher, die WLAN-Verbindung steht und die Kinder lernen Programmieren. Bei den Kulturtechniken müssen halt Prioritäten gesetzt werden. Digital first, Schwimmen second.

Jörges kommt endlich darauf zu sprechen, was der Titel ankündigt:

Medienbildung in Zeiten der Lüge, das ist der staatsbürgerliche Kern. Manipulation und Desinformation zu erkennen […]. Fake News als mediale Massenvernichtungswaffe gehören also auf den Lehrplan.

Das schreiben die Nachdenkseiten zum Thema „Fake News“: „Zum Glück gibt es Vertreter großer Medien, die Fake News den Kampf angesagt und es sich zur Aufgabe gemacht haben, Mediennutzer davor zu bewahren, auf gezielt lancierte Falschmeldungen zur Manipulation der Öffentlichkeit hereinzufallen. Das klingt alles gut. Doch die Realität ist komplexer. Die ‚Anti-Fake-News-Kampagnen‘, die seit geraumer Zeit zu beobachten sind, sind Bestandteil eines Kampfes um die Deutungshoheit. Bei der Auseinandersetzung mit Fake News geht es Medien auch darum, die eigenen Glaubensüberzeugungen zum Maßstab einer selbstdefinierten politischen Wirklichkeit zu machen.“ Im Übrigen: Was ist ein staatsbürgerlicher Kern?

Jörges‘ bilderreiche Sprache ist nicht zu toppen:

Welche Medien sind Leuchttürme der Glaubwürdigkeit in diesem Meer der Lügen? Darauf schwimmen auch Social Bots […].

Uns fallen spontan zwei dieser Leuchttürme ein: der Stern und die Brigitte. Nachdem Jörges vom Hölzchen aufs Stöckchen gekommen ist — von Social Bots über Wikileaks („nur ein Instrument russischer Zersetzungskampagnen?“) zu Hillary Clinton und Emmanuel Macron –, landet er bei den „Netzwerken“:

Überhaupt, die Netzwerke. Facebook, Twitter, Google & Co. nennen sich zwar sozial und erscheinen quasi gemeinnützig, sind aber höchst eigensüchtig, durch und durch kapitalistisch, Börsenlieblinge.

Der Gruner+Jahr Verlag, bei dem der Stern erscheint und der in der Hand von Bertelsmann ist, ist selbstverständlich völlig selbstlos und sozialistisch. Wir kommen zum Finale — ein Sprung zur Smartphonesucht:

Der kalte Schweiß breche ihm aus, hat der Computeringenieur Tony Fadell kürzlich gesagt, wenn er darüber nachdenke, was mit dem Smartphone in die Welt gesetzt worden sei. Er sehe das an seinen Kindern, wenn er versuche, eine Technik-Pause durchzusetzen. „Es ist beinahe, als würde man ihnen ein Stück ihrer selbst entreißen.“ Die Entzugserscheinungen dauerten Tage an.

Das ist natürlich eine konsistente Argumentation: Erst beklagt der Autor das digitale Entwicklungsland D, fordert dann, dass Kinder Programmieren lernen, um schließlich mit Hilfe eines Kronzeugen auf Smartphonesucht hinzuweisen. Jörges‘ Kronzeuge Tony Fadell ist nicht irgendein Computeringenieur. Medienberichten zufolge ist er einer der Erfinder des iPods und des iPhones gewesen. In einem Interview mit wired („iPhone-creator Tony Fadell: don’t let smartphones threaten your ‚analogue life'“) sagte er (unsere Übersetzung):

Wir alle müssen die richtigen Veränderungen machen, um sicherzustellen, dass wir den analogen Teil unseres Lebens nicht verlieren, sodass wir nicht die ganze Zeit digital und mobil bleiben. (All of us need to make the proper changes to ensure we don’t lose the analogue portion of our lives so we don’t stay digital and mobile all the time.)

In dem Artikel „Warum einer der Erfinder des iPhones vor seiner Schöpfung warnt“ der Süddeutschen Zeitung (online, 10. Juli 2017) heißt es:

Die suchterzeugende Wirkung sei fest in das Design der Gadgets hineingewoben, sagt etwa Tony Fadell. […] Obwohl sie [Smartphones] doch eigentlich Kommunikationsinstrumente seien, dienten sie vor allem den Bedürfnissen des Einzelnen, seien Mittel der Selbstüberhöhung statt der Vernetzung. […] Tony Fadell hat auch eine Erklärung für das Elend. Es liege vor allem an den Biografien der Menschen, die vor zehn, 15 Jahren den Grundstein für die technologische Omnipräsenz gelegt haben: Anfang, Mitte 20, männlich, weiß, privilegiert, kinderlos und niemandem außer sich selbst verpflichtet, die Produkte vor allem ihren Vorstellungen und ihrem „limitierten kulturellen Verständnis“ gemäß entwickelten.

Im selben Artikel ist noch zu lesen von der „kürzlich verbreitete[n] Nachricht, wonach bereits die bloße physische Anwesenheit eines nicht einmal eingeschalteten Smartphones ausreicht, damit Konzentrationsfähigkeit und Gedächtnisleistung seiner Nutzer merklich sinken. Das meinen zumindest Wissenschaftler der Universität von Texas herausgefunden zu haben.“

Darauf weist Jörges nicht hin, das wäre dann doch zu viel Technikkritik. Stattdessen — unmittelbar nach dem Hinweis auf die Smartphonesucht — erteilt er der Geschäftsführerin des eigensüchtigen und kapitalistischen Facebooks das letzte Wort:

Und endgültiger Entzug wird nicht gelingen. Es gilt, was Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg bei der Eröffnung eines „Digitalen Lernzentrums“ in Berlin postuliert hat: „Wir brauchen eine digitale Alphabetisierung, um Technologie nutzen zu können, wir brauchen eine Medien-Schulung, damit wir informiert bleiben können.“ Aber nicht nur an privaten, auch an öffentlichen Schulen. An allen.

Wir brauchen jetzt einen Schnaps und überlegen, ob man zum Journalisten des Jahres trotz oder weger solcher Texte wie Jörges‘ Zwischenruf gewählt wird (auch wenn wir damit keine Güte an den Tag legen — sorry, Platon!).



PS. Zum Titel: Digitale Verblödung gibt es genauso wenig wie digitale Bildung, aber uns ist nichts Besseres, Griffigeres eingefallen. Was damit gemeint ist, kommt vielleicht ganz gut in diesem Video zum Ausdruck:

Und jetzt: Abschalten!