Eugen Drewermann über Kapitalismus und Leistungsorientierung in der Schule

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„Wir brauchen Schüler, die nachwachsen, um den Wissensvorsprung vor Indern und Chinesen zu halten. Es ist ein Albtraum.“

Der Psychoanalytiker Eugen Drewermann sagte vor ein paar Wochen in einem Interview mit dem Stern (Nr. 21/2019, 16.5.2019, S. 122, online hier):

[Die Kirche] müsste sich von den Menschen her erneuern, statt weiter nur die Ruine, die geblieben ist, tapezieren zu wollen. Es müsste sich allerdings auch in unserer Gesellschaft viel ändern. Die basiert auf einem Kapitalismus, der ganze Kontinente versklavt. Wie kann man das als Bürger mitmachen und sich trotzdem Christ nennen? Das begreife ich nicht.

Über den Einfluss des kapitalistischen Wirtschaftssystems auf das Schulwesen sprach Drewermann vor acht Jahren in der Radiosendung „Redefreiheit“ (28.5.2011, NWR). Seine Worte sind immer noch aktuell:

[Vitus Dröscher] schildert übrigens noch [im Buch „Überlebensformel“], wie Kinder, die mal ganz gut lernen konnten, lernunfähig werden bis zum Schulversagen, nur weil ein Lehrer ist, der dauernd Stress macht, der sie frustriert, der sie nicht anerkennt, der nicht belobigt, sondern niedermacht. Was für eine Pädagogik haben wir! Man müsste einmal Frau [Bildungsministerin] Schavan interviewen zu dem Thema, wo Züchtung von Exzellenzuniversitäten, von Schulen im Leistungsvergleich, Elite-Schulen, permanente Konkurrenz im Kindesalter als pädagogische Rezeptur angestrebt werden soll — zur Sicherung des Industriestandorts Deutschland. Jeder Psychologe weiß, dass Lernen nicht zu tun hat mit Stress, sondern mit Neugier, nicht mit Qual, sondern mit Freude, mit Identifikation, mit sinnvollen Lernerfahrungen, die menschlich vermittelt werden. Es ist genau das Gegenteil von dem, was wir wollen.

In der Sendung wurde die Mail eines Hörers vorgelesen:

Ich bin 19 Jahre alt, habe eben das Abitur gemacht an einem bayrischen Gymnasium. Dort gab es Anti-Stress-Flyer und Infoabende; gleichzeitig wurde der Leistungsgedanke vom Direktorat und den Lehrern beweihräuchert. So kam es, dass bereits ein paar Monate vor der finalen Abiturprüfung fast alle Schüler in Stress gerieten. Manche hatten Atemnot, emotionale Anfälle, Ausbrüche, zerstörten Schulinventar, beendeten Freundschaften, um nicht abgelenkt zu sein; und was die allermeisten taten: Ritalin konsumieren, in hohen Dosen, wochenlang.
Jetzt sind die Prüfungen geschafft, und überall — beispielsweise in Feierreden der Schulleitung — werden die Leistung, der Fleiß und der neue Stand der Schüler gepriesen. Doch die meisten erlitten immensen Schaden in den letzten zwei Jahren. Auch ich fühle und erlebe das persönlich. So erzählte mir eine Freundin von ihren Magenleiden, die sie aber schätze, weil sie ihr immer sagten, wann sie noch etwas zu tun habe.
Werden wir im Spätkapitalismus nicht zum Stress erzogen? Wie hätte ich der Internalisierung des Leistungsethos in der Schule und seinen traurigen Folgen wie dem Stress entkommen sollen?

Eugen Drewermann dazu:

Offen gestanden, weiß ich das auch nicht. […] Wir sind weit entfernt von Humboldts Bildungsideal, dass man zweckfrei einfach aus Neugier und Interesse an dem, was wahr ist, lernt, Forschung vorantreibt. Die Wirklichkeit ist so weit verschieden davon, dass ich Ihre Not mehr als gut begreife.

Was Sie hinzufügen, kann ich nicht mehr reparieren: Schüler, die mit 18, 19 Jahren Psychopharmaka schlucken, sich mit Ritalin vollpumpen, damit sie ihr Abitur bestehen … — Das ist ein Zeug, mit dem man Hubschrauberpiloten im Irakkrieg vollgepumpt hat, bis dass sie auf die eigenen Kameraden, auf alles, was sich bewegte, geschossen haben. So überstresst und überdreht waren sie in ihren Aggressionen! [Bei dieser] Leistungsbereitschaft [ist es] am Ende vollkommen egal, worauf man zielt. Alles ist dann wichtig, alles muss gemacht werden. Man kommt nicht mehr zur Ruhe, man kann nicht mehr schlafen. Es ist gefährlich, an etwas anderes noch zu denken als an die Leistung. In dieser Form hört man auf, ein Mensch zu sein.

Und Lehrer, die das mit ihren Schülern machen, sollten sich fragen, weswegen sie Lehrer geworden sind. Ich kann nicht glauben, dass es dafür sei. Ich würde längst schon wünschen, dass Lehrer protestieren gegen diese Verzweckung der Pädagogik nur zur Leistungsmaximierung, zum Zweck der Profitmaximierung, die der Kapitalismus im Hintergrund wünscht und verlangt. Ich dächte, Lehrer sollten sagen: Wir bilden Menschen aus, aber wir wollen wirklich bilden und nicht nur trainieren, zweckorientiert für irgendwelche Funktionsbereiche der Wirtschaft. Wir haben es zu tun mit Kindern, mit Jugendlichen. Deren Charakter, deren Persönlichkeit zu fördern, ist [der Zweck] der Bildungsmittel. […] [Die Schule] ist nicht die Formapparatur, in der wir am Ende nur noch computerähnliche Androide ausstoßen, die dann funktional brauchbar werden. Das sollte nicht die Schule sein.

Eine Hörerin meldete sich zu Wort:

Wir wissen doch nun inzwischen alle, wie schädlich Stress ist. Die Schulbehörden, die den berüchtigten G8-Abschluss eingeführt haben, wissen das; die Eltern wissen das; die Unternehmen wissen das irgendwie auch. […] Warum ist das so schwierig, den Ausstieg aus der Stressgesellschaft hinzukriegen? Ist es Zynismus? Ist es Dummheit? […] Ist es beispielsweise die Angst vor dem Verlust der Kontrolle über die Menschen? Was ist es?

Drewermann:

Ich glaube, es steckt in uns immer noch drin, dass derjenige, der Macht hat und stark genug ist, sich das Recht nehmen darf, andere Menschen, die schwächer sind, zu seinem Nutzen auszubeuten. Das war eigentlich ständig so und hat sich bis heute nicht geändert. Der reichste Mann Roms, Crassus, 80 v. Chr., hat einmal gesagt: Derjenige hat wirklich Macht, der von seinen Zinsen die Armee ernähren kann. Cicero […] stimmt dem zu. Es dahin bringen kann man nur, wenn man eine ganze Sklavenarmee zur Verfügung hat, wenn man sie abhängig macht vom eigenen Kapital. Und um daran zu kommen, muss man schon über Leichen gegangen sein. […] Wir haben also schon Strukturen in der Gesellschaft, die auf Gewalt basieren. […]

Wir kommen aus der Spirale nicht heraus, weil wir die Freisetzung des Menschen, die Immanuel Kant sich in der Aufklärung vor 200 Jahren gewünscht hat, immer noch nicht erreicht haben. Im Gegenteil: Wir haben die Einführung der Industrialisierung im Maschinenzeitalter nicht zur Befreiung der Menschen genutzt, sondern zur weiteren Einfügung in den Produktionsprozess. […] Insofern sind wir alle Gefangene dieses Systems. Und die Schulen sollen sich dem einfügen. Dafür dient jetzt PISA; dafür haben wir Bologna, was die Universitäten angeht. Da haben wir das Mantra, dass wir europaweit konkurrenzfähig sein müssen. Dann haben wir eine Kanzlerin, die uns erklärt: Wir haben einen Wissensvorsprung vor den Indern und den Chinesen; den müssen wir halten, also brauchen wir Schüler, die nachwachsen, um den Wissensvorsprung vor Indern und Chinesen zu halten.1 Es ist ein Albtraum.

Könnte man nicht mal einer promovierten Physikerin sagen: Frau Merkel, Sie haben doch dies alles, Quantenphysik, nicht gelernt, um mit Chinesen zu konkurrieren. Ich möchte doch hoffen, Sie haben es gelernt, um ein bisschen von der Natur kennenzulernen, wie sie ist, in der Sprache Gottes, der Mathematik, und dann gehört sie allen. Wir schießen Sonden in den Weltraum, in denen mathematische Formeln sind, in der Erwartung, wenn irgend jemand auf einem Planeten im Alpha Centauri, in gigantischen Entfernungen des Universums diese Sonde fände, wird er sie verstehen, weil die Mathematik im gesamten Weltall dieselbe ist. Wie kann man mit etwas, das dem ganzen Universum eigen ist, auf diesem kleinen Planeten Erde in mörderische Konkurrenz treten? Es bewegt sich so tief unterhalb dessen, was wir Wissenschaft nennen sollten, was in den Schulen betrieben werden sollte, dass es ein Missbrauch des Besten ist, wozu wir Menschen fähig wären. Wissen und Wissenschaft sollten der Weisheit und der menschlichen Bildung dienen, aber nicht der Ausbeutung des Menschen zu Gunsten von ein paar wenigen zu Lasten aller anderen.

Im übrigen: Man kann Schule auch anders erleben. Dieser Tage schrieb mir ein Mädchen, das von der Straße weg gelernt hat, wieder zur Schule zu gehen, den Anschluss herzustellen. Es hat jetzt gerade Abitur gemacht; es ist fast traurig, von der Schule wegzugehen, weil da waren Lehrer, mit denen es sprechen konnte; die Fächer selber haben zu ihm gesprochen. Das war für dieses Mädchen ein solches Glück, lernen zu dürfen, auf der Schule sein zu dürfen und Lehrer zu finden, die für es da sind, dass ich nur schreiben konnte: „Für Sie wird die Universitätszeit ganz anders sein, ganz anonym vielleicht. […] Lernen Sie die Dinge, die Ihnen Freude gemacht haben. […] Sie haben selber einen Stand gewonnen, auf dem Sie sich weiterentwickeln möchten; und der Tag Ihres Abiturs sollte voller Stolz sein; Sie haben mehr erreicht als alle anderen.“ Und dieses Mädchen war nie in der Tretmühle, „sehr gut“ zu machen. Es machte, was es konnte, und es war glücklich, es zu dürfen.

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  1. Zu den von Drewermann kritisierten Absichten von Bundeskanzlerin Angela Merkel siehe zum Beispiel

1 Kommentar

  1. Franz Lemmermeyer

    Hier werden ein paar Dinge vermengt, die man besser auseinandergehalten hätte. Da ist zum einen die Ökonomisierung des Bildungssystems, einhergehend mit Kompetenzorientierung, G8, Arbeitsaufträgen, Wochenplänen und Operatorensprech. Diese mit dem Segen von OECD und PISA-Schleicher durchgedrückten Reformen stehen dem klassischen Bildungsgedanken, den Drewermann im Zusammenhang mit dem Studium der Quantenphysik von Frau Merkel im Kopf hat, entgegen. Nichts davon ist auf dem Mist von Lehrern gewachsen; man kann allerdings auch nicht sagen, diese hätten sich mit Händen und Füßen gegen diese Vergewaltigung des Bildungssystems gewehrt.

    Das andere ist der gefühlte und erlebte Stress mancher (vieler?) Schüler. Der hat sicherlich etwas damit zu tun, dass sich auf dem Gymnasium Leute tummeln, die, was geistige Fähigkeiten und Fleiß betrifft, auf einer Hauptschule besser aufgehoben gewesen wären. Das Schlechtreden klassischer Ausbildungsberufe zusammen mit dem Akademisierungswahn hat hier Spuren hinterlassen. Was man hier angestellt hat, werden diejenigen, die heute Touristikmanagement oder IMM (Irgendwas mit Medien) „studieren“, in 20 Jahren erfahren, wenn sie einen Klempner, einen Elektriker oder einen Monteur brauchen. Es würde mich nicht wundern, wenn die bis dahin Wu und Wang hießen . . .

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