Die Digitalfuzzis gehen in die Offensive

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An Schulen gibt es gravierendere Probleme als fehlende WLAN-Verbindungen und mangelnde Informatikkenntnisse, zum Beispiel Leistungsdruck, Mobbing, Langeweile, antidemokratische Zustände.

Wer wissen will, mit welchen „Argumenten“ die Digitalfuzzis versuchen, auf Teufel komm raus die Schulen zu digitalisieren, der lese das Papier „Offensive Digitale Schultransformation. 7 Handlungsempfehlungen“ (hier als pdf und hier online), welches unter anderem von der Gesellschaft für Informatik (GI), vom Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom), vom Bundesverband Künstliche Intelligenz, vom Bundesverband IT-Mittelstand, vom Deutschen Lehrerverband und vom Deutschen Philologenverband unterzeichnet wurde.

Wir empfehlen allerdings, sich mit schöneren Dingen zu beschäftigen, zum Beispiel in der Natur spazieren zu gehen (und sein Smartphone dabei auszuschalten) oder ein Lied von Leonard Cohen1 zu hören.

Um das Papier der Digitalfuzzis kritisch einzuordnen, verweisen wir der Einfachheit halber auf Burkard Chwalek. Er schreibt auf bildung-wissen.eu („Offensive Digitale Schultransformation – 7 Handlungsempfehlungen – kritische Anmerkungen zum Positionspapier der Gesellschaft für Informatik (GI)“):

Die von der GI gegebene Situationsbeschreibung hält einer kritischen Prüfung nicht stand. Die rhetorische Strategie beruht vorrangig darauf, die entscheidenden Begriffe nicht zu explizieren (das deutsche Schulsystem, der Bildungsauftrag, die Digitalsierung, digtiale Bildung, erfolgreich) und die genauen Bezugnahmen der Aussagen im Dunkeln zu lassen. Ein derart gravierender logischer Lapsus kann nicht von der Sache her motiviert sein. Die Aussagen taugen nicht als Argumente, sondern erweisen sich als Instrument einer Strategie. Sie sind rhetorisch. […]

Der gesamte Text ist durchzogen von Ausdrücken, die Notwendigkeit implizieren oder unmittelbar ausdrücken: muss, müssen, es gilt jetzt, zukünftig gilt es, kann nur, dringend notwendig, zwingend, zwingende (sic!) Notwendigkeit und dgl. […] Insofern sind die Handlungsempfehlungen nicht der Sache geschuldet, sondern strategisches Bindeglied zur Vermittlung von Defizienz und Notwendigkeit innerhalb einer zirkulären Argumentation.

Wir beschränken uns darauf, nur einzelne Punkte aus dem Papier von GI, Bitkom & Co. wahllos herauszupicken und kurz zu kommentieren oder zu hinterfragen:

  1. Zukünftig gilt es, digitale Lern- und Lehrmittel unter dem Primat der Pädagogik verstärkt in den Schulen zu nutzen und die Möglichkeiten digitaler Unterrichtstechnologien aktiv zu gestalten und gewinnbringend in den Schulalltag zu integrieren.

    — Was ist, wenn „die Pädagogik“ auf Risiken und Nebenwirkungen von digitalen Medien hinweist und sie nicht verstärkt, sondern eingeschränkt nutzen will? Gilt dann das Primat immer noch?

  2. In der Unterrichtsgestaltung muss Schule dabei die Anforderungen und die Standards einer zunehmend automatisierten, vernetzten und digitalen Lebens- und Arbeitswelt reflektieren. Der Einsatz digitaler Medien und Plattformen leistet einen wichtigen Beitrag dazu, die heutige Schülergeneration auf die Herausforderungen der heute zunehmend digitalen Arbeitswelt und des lebenslangen Lernens rechtzeitig vorzubereiten.

    — Es scheint, hier gilt nicht das Primat der Pädagogik, sondern das der Wirtschaft. Was ist eine „automatisierte, vernetzte und digitale Lebenswelt“? Wollen wir das? Dient Technik dem Menschen oder umgekehrt?

  3. Angesichts der großen Bedeutung von Medien im Alltag sowie der digitalen Transformation der Gesellschaft, die insbesondere die sozialen, medialen und ökonomischen Bereiche betrifft, ist Medienkompetenz ein zentrales Element, um Selbst- und Weltverhältnisse reflektieren zu können und Selbstbestimmung zu ermöglichen.

    — Was sind „Selbst- und Weltverhältnisse“? Kann uns mal jemand aufklären? Auch eine tolle Strategie: Erst digitale Medien allen Lehrern und Schülern aufzwingen und dann von „Selbstbestimmung“ reden! Hahaha.

  4. Wenngleich nicht jede der in der Zeit der Krise gefundenen Notlösungen unmittelbar auf die Zeit danach übertragen werden kann, so können die gewonnen Erfahrungen im Umgang mit Online-Lernplattformen und digitalen Tools genutzt und gewinnbringend für die Rahmenbedingungen eines Schulalltags in einer neuen Normalität adaptiert werden.

    — Worin besteht der Gewinn? Welche Rahmenbedingungen?

  5. Unterrichtsausfall aufgrund fehlender Lehrkräfte und Räume kann auch nach der Pandemie durch zeitweisen digitalen Fernunterricht abgemildert werden.

    — Wer leistet diesen „digitalen Fernunterricht“? Vielleicht die fehlenden Lehrkräfte? Oder die anwesenden Lehrkräfte, die noch gesund sind und noch nicht genug zu tun haben? Oder eine Künstliche Intelligenz?

  6. Klassischer Unterricht und digitale Lern- und Arbeitsformen ergänzen und stärken sich so gegenseitig.

    — Was soll das heißen? Und wenn klar ist, was das heißen soll, wer kann das beweisen?

  7. Die Corona-Pandemie hat den Wert des Präsenzunterrichts und den des persönlichen Kontakts von Lehrkräften und Schüler*innen noch einmal verdeutlicht. Sie hat aber gleichzeitig auch das enorme Potenzial von digital unterstützten Lehr- und Lernformen als sinnvolle Ergänzung zu bereits etablierten Unterrichtsformen gezeigt, die beispielsweise kollaboratives Arbeiten stärken und zur Unterstützung des „Home-Learnings“ genutzt werden können.

    — Wenn der Präsenzunterricht und der persönliche Kontakt so wertvoll sind, warum soll das dann „sinnvoll ergänzt“ werden? Kollaboratives Arbeiten geht nur mit digitalen Medien?

  8. Ein ersatzweise durchgeführter Online-Fernunterricht ermöglicht persönlichen Kontakt und direkte Interaktion zwischen Schüler*innen und Lehrkräften.

    — Was ist an Online-Fernunterricht „persönlich“? Ist Online-Fernunterricht genauso „persönlich“ wie Unterricht im Klassenraum?

  9. Die Nutzung der von Bund und Ländern bereitgestellten Online-Lernplattformen und Bildungsinhalte darf keine Corona-Ausnahmelösung bleiben.

    — Warum nicht?

  10. Stattdessen müssen solche Angebote flächendeckend an Schulen gebracht und verlässlich für die Unterrichtsorganisation und -durchführung in Form von interaktivem Fernunterricht in Echtzeit und selbstständigem und kollaborativen Lernen zur Verfügung stehen.

    — Warum?

  11. Die Corona-Krise hat noch einmal verdeutlicht: Schulen brauchen eine zeitgemäße digitale Infrastruktur.

    — Die Corona-Krise ist ein Ausnahmezustand.

  12. Diese zu etablieren und zu pflegen ist entscheidend, um eine digital unterstütze Lehre zu ermöglichen. Dafür braucht es ausgebildetes IT-Fachpersonal.

    — Das Geld dafür kommt woher?

  13. Alle Kinder und Jugendlichen, die auf IT-Systeme im schulischen und außerschulischen Kontext angewiesen sind, benötigen informatische Grundlagen, um anwendungsbezogene, technische und gesellschaftliche Perspektiven digitaler Technologien einschätzen zu können. Dazu sollte bundesweit flächendeckender Informatikunterricht ab der Sekundarstufe I angeboten werden, der auf alle drei Perspektiven eingeht und so die die Medienbildung ergänzt und unterstützt.

    — Wer auf Drogen angewiesen ist, sollte wissen, wo es neuen Stoff gibt und wie man den unter Berücksichtigung von Risiken und Nebenwirkungen einnimmt.

Sorry, liebe Digitalfuzzis, we are not convinced.

An Schulen gibt es ganz andere, gravierendere Probleme als fehlende WLAN-Verbindungen und mangelnde Informatikkenntnisse, zum Beispiel Leistungsdruck, Mobbing, Langeweile, Demotivation unter Schülern und antidemokratische Zustände. Liebe Digitalfuzzis, warum gibt es gegen diese Missstände noch keine von Euch entwickelte App? Schaut Euch mal den Film „alphabet. Angst oder Liebe“ an! Und lest „Ein Märchen“ von Heinz Körner! Danach können wir gerne mal über Schule und Bildung reden.



PS:
Es ist bemerkenswert, dass Lehrerverbände wie der Deutsche Lehrerverband, der Verband Deutscher Realschullehrer, der Deutsche Philologenverband, der Bundesverband der Lehrkräfte für Berufsbildung und die Katholische Erziehergemeinschaft Deutschland Hand in Hand gehen mit Bitkom, der Gesellschaft für Informatik, dem Bundesverband Künstliche Intelligenz, dem Bundesverband IT-Mittelstand etc.



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Fußnote:

  1. „Ohne Künstler würde die Gesellschaft noch mehr zu einer bodenlosen, mechanisierten, herzlosen Menge von toten Menschen werden, als das ohnehin schon der Fall ist.“ (Leonard Cohen)

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