Medienkompetenzrahmen NRW: Was für ein kleinkarierter, seelenloser Quatsch!

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Die neuen Kernlehrpläne für G9 pushen digitale Medien und behindern den natürlichen Fluss von Lehren und Lernen. Neil Postman würde sich im Grabe umdrehen.

Wer wissen will, in welchem Umfang die Benutzung digitaler Medien im Unterricht von Amts wegen verordnet wird, der möge das Papier „Integration der Ziele des Medienkompetenzrahmens NRW (MKR) in die Kernlehrpläne für die Sekundarstufe I des Gymnasiums“ lesen. Urheber sind Qua-Lis NRW und das Schulministerium NRW.

In dem Papier heißt es (S. 1):

Als Querschnittsaufgabe […] tragen die neuen Kernlehrpläne für die Sekundarstufe I am Gymnasium u.a. zu einer Bildung in einer zunehmend digitalen Welt bei. […] Die curricularen Vorgaben tragen additiv über die Fächer und über die gesamte Sekundarstufe I hinweg dazu bei, dass das Lernen und Leben mit digitalen Medien zur Selbstverständlichkeit im Unterricht aller Fächer wird […].

Leben im Unterricht — was ist das? Warum soll das „Lernen und Leben mit digitalen Medien zur Selbstverständlichkeit“ werden? Hier werden (Hilfs-)Mittel (die man nicht unbedingt braucht) zu Zwecken gemacht.

Ebenfalls auf der ersten Seite findet sich eine Grafik mit dem Titel „Bausteine zur Entwicklung einer Bildung in der digitalen Welt“. „Die digitale Welt“ — was soll das sein? Das Digitale ist ein Teil der Welt, aber die digitale Welt gibt es nicht. Oder was ist daran digital, wenn ich zum Beispiel an einer Rose rieche, aus dem Bett aufstehe oder ein Buch lese? Der Medienkompetenzrahmen und die Kernlehrpläne gehen von etwas aus, was es gar nicht gibt. Ein falscher Ansatz kann nur in die Irre führen.

Das Papier gibt des Weiteren detailliert Aufschluss darüber, was die Schüler (in der Sekundarstufe I des Gymnasiums) in jedem einzelnen Fach im Hinblick auf Medien können sollen. Zum Beispiel:

Sport: Früher, vor 30 Jahren, war Sportunterricht Folgendes: Basketball spielen, Leichtathletik, Tischtennis spielen, Volleyball, Geräteturnen, Schwimmen lernen etc. Das scheint sich leicht geändert zu haben. Heutzutage sollen Schüler laut Medienkompetenzrahmen und Lehrplan unter anderem Folgendes können:

  • analoge und digitale Medien zur Bewegungsanalyse und Unterstützung motorischer Lern- und Übungsprozesse zielorientiert einsetzen (MKR 1.2)
  • den Nutzen analoger und digitaler Medien zur Analyse und Unterstützung motorischer Lern- und Übungsprozesse vergleichend beurteilen (MKR 5.1)
  • Bewegungsgestaltungen allein oder in der Gruppe auch mit Hilfe digitaler Medien nach-, um- und neugestalten (MKR 1.2)
  • gestalterische Präsentationen auch unter Verwendung digitaler Medien kriteriengeleitet (u.a. Schwierigkeit, Kreativität, Nutzung des Raums, Wirkung auf den Zuschauer) beurteilen (MKR 1.2)
  • sportliche Leistungen analog oder digital erfassen und anhand von graphischen Darstellungen und/oder Diagrammen dokumentieren (MKR 1.2)
  • einfache analoge und digitale Darstellungen zur Erläuterung von sportlichen Handlungssituationen (u.a. Spielzüge, Aufstellungsformen) verwenden (MKR 1.2)
  • Muster des eigenen Bewegungsverhaltens (im Alltag und in sportlichen Handlungssituationen) auch unter Nutzung digitaler Medien erfassen und im Hinblick auf den gesundheitlichen Nutzen und mögliche Risiken analysieren (MKR 5.3)
  • gesundheitliche Auswirkungen sportlichen Handelns unter besonderer Berücksichtigung medial vermittelter Fitnesstrends und Körperideale auch unter Geschlechteraspekten kritisch beurteilen (MKR 5.3)

Englisch:

Die Schülerinnen und Schüler können […]

  • den eigenen Lernfortschritt anhand einfacher, auch digitaler Evaluationsinstrumente
    einschätzen sowie eigene Fehlerschwerpunkte bearbeiten (MKR 1.2,1.3) […]
  • Strategien zur Nutzung digitaler Medien zum Sprachenlernen sowie zur Textverarbeitung und Kommunikation (MKR 1.2)

Beim letzten Punkt fehlt das Verb im Original. Wir schlagen vor: „vergessen“.

Französisch: Die Schüler sollen unter anderem Folgendes können:

  • Einblicke in die Nutzung digitaler Medien im Alltag von Jugendlichen (MKR 5.4)
  • den eigenen Lernfortschritt anhand einfacher, auch digitaler Evaluationsinstrumente einschätzen und dokumentieren (MKR 1.2, 1.3)
  • Einblicke in die Bedeutung digitaler Medien im Alltag: Chancen und Risiken der Mediennutzung; soziale Medien und Netzwerke (MKR, 5.4)

Auch hier fehlt an zwei Stellen das Verb.

Latein: Die Schüler sollen unter anderem Folgendes können:

  • syntaktische Strukturen auch unter Verwendung digitaler Werkzeuge weitgehend selbstständig visualisieren (MKR 1.2)
  • im Rahmen des Sprachenlernens digitale Lernangebote und Werkzeuge zielgerichtet einsetzen (MKR 1.2)

Mathematik:In der Erprobungsstufe sollen die Schüler unter anderem „Häufigkeiten in Tabellen und Diagrammen auch unter Verwendung digitaler Mathematikwerkzeuge (Tabellenkalkulation)“ darstellen können. In den späteren Klassen sollen die Schüler können:

  • ermitteln Exponenten im Rahmen der Zinsrechnung durch systematisches Probieren auch unter Verwendung von Tabellenkalkulationen (MKR 1.2)
  • lösen innermathematische und alltagsnahe Probleme mithilfe von Zuordnungen und Funktionen auch mit digitalen Mathematikwerkzeugen (Taschenrechner, Tabellenkalkulation, Funktionenplotter und Multirepräsentationssysteme) (MKR 1.2)
  • wenden Prozent- und Zinsrechnung auf allgemeine Konsumsituationen an und erstellen dazu anwendungsbezogene Tabellenkalkulationen mit relativen und absoluten Zellbezügen (MKR 1.2, 6.2)
  • erkunden geometrische Zusammenhänge (Ortslinien von Schnittpunkten, Abhängigkeit des Flächeninhalts von Seitenlängen) mithilfe dynamischer Geometriesoftware (MKR 1.2)

Geht es noch kleinkarierter? Neil Postman würde sich im Grabe umdrehen. In dessen Buch „Keine Götter mehr. Das Ende der Erziehung“ (1995, Berlin, S. 44f) ist zu lesen:

Es gab einmal eine Zeit, da Erzieher dafür berühmt wurden, dass sie Gründe für das Lernen lieferten; jetzt werden sie berühmt, weil sie eine Methode erfinden.
Daran sind natürlich viele Dinge falsch, nicht zuletzt die Tatsache, daß die Methodendiskussion von wichtigen Dingen ablenkt — zum Beispiel von der fundamentalen Einfachheit des Lehrens und Lernens, wenn sowohl der Lehrer als auch der Schüler einen Grund für ihr Unterfangen haben, den sie beide anerkennen. Wie Theorode Roszak geschrieben hat: „Zuviel an Apparaten behindert nur, wie zuviel Bürokratie, den natürlichen Fluß (von Lehren und Lernen). Der freie menschliche Dialog, der überall dort stattfindet, wo es die Beweglichkeit des Denkens erlaubt, bildet das Herz der Erziehung. Wenn Lehrer nicht die Zeit, den Antrieb oder den Witz haben, um ihn herzustellen; wenn die Schüler zu demoralisiert, gelangweilt oder abgelenkt sind, um die Aufmerksamkeit aufzubringen, die ihre Lehrer von ihnen fordern, dann ist dies das erzieherische Problem, das gelöst werden muß — und zwar aus der Erfahrung der Lehrer und Schüler heraus.“

Dem ist zuzustimmen. Die neuen Kernlehrpläne in Verbindung mit dem Medienkompetenzrahmen tragen nicht zur Bildung bei, sondern behindern den natürlichen Fluss von Lehren und Lernen.



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Weiterführende Lektüre:
„Digitalisierung als Heilslehre. Über das Missverständnis von Medientechnik im Unterricht“ von Ralf Lankau

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