Coronaferien sei Dank: Die feuchten Träume der Digitalfuzzis werden wahr

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Lankau hält dagegen: „Wenn Kinder mehr Zeit zum freien Spielen, Malen, Basteln oder in die Luft gucken haben, lernen sie auch Elementares: sich zu konzentrieren oder zu langweilen, sich etwas auszudenken und selbst zu gestalten.“

Manche nutzen die wegen der Covid-19-Pandemie staatlich verordnete Auszeit zum Beispiel

  • zur inneren Einkehr,
  • für Spaziergänge an der frischen Luft, wo man übrigens schöne Symmetrien beobachten kann (siehe Foto unten),
  • zum Aufräumen, wobei man verschollene oder in Vergessenheit geratene Bücher (wieder)entdeckt, zum Beispiel „Bilder der Mathematik“ von Georg Glaeser und Konrad Polthier (Coverfoto unten) und „Das nehmen wir selbst in die Hand! Streitschlichter-Programme an Schulen“,
  • zum Studieren eines Urteils des Verwaltungsgerichts Freiburg (Breisgau) (Aktenzeichen 2 K 1359/09, erhältlich unter http://www.justiz.baden-wuerttemberg.de), welches die Partizipationsrechte von Lehrern auf Lehrerkonferenzen klärt und bestätigt, oder
  • zum Lesen des Märchens „Ein Märchen“.

Andere sorgen dafür, dass sich das Hamsterrad weiterdreht, am besten digital gesteuert:

  • Die „Gesellschaft für digitale Bildung“ schreibt:

    Seit mehreren Wochen sind die Schulen in allen Bundesländern geschlossen. Die Situation bringt für alle Beteiligten eine Vielzahl von Problemen mit sich. […] Und ein Ende ist noch nicht in Sicht? Die Gesellschaft für digitale Bildung bietet Lösungen!

  • Auf den Seiten des Friedrich-Verlags ist zu lesen:

    Die letzten Wochen haben schmerzlich gezeigt, dass es in Sachen Digitalisierung eine Menge aufzuholen gibt. Dennoch wird auch sichtbar, wie viele Lehrkräfte sich der neuen Situation stellen. Die Erfahrungen zeigen jedoch: Mit einer digitalen Verteilung der Aufgaben ist es nicht getan. Eine Neustrukturierung des Unterrichts ist notwendig.

  • Der Spiegel weiß:

    Deutschlands Schulen sind geschlossen, sollen aber weiter arbeiten. Doch nun rächt sich der vermurkste Digitalpakt: Internetbasierter Unterricht ist kaum möglich.

  • t3n.de berichtet:

    Nutzern der G-Suite-for-Education bietet Google nun die Plattform „Schule von zu Hause“. Die bündelt Informationen und Anwendungen, die Lehrkräfte während der Coronakrise unterstützen sollen.

  • RND.de schreibt:

    Neue Zahlen belegen: Die Menschen zocken während der Corona-Krise eifrig.
    Selbst die WHO macht Werbung für das Daddeln vorm Rechner.
    Die Gamingbranche freut’s – doch vor finanziellen Einbrüchen durch Corona ist auch dieser milliardenschwere Markt nicht gewappnet.

Gut, dass die NachDenkSeiten kürzlich ein Interview mit Ralf Lankau veröffentlichten („Lernen für Google. Wie die Digitalisierung der Schulen unsere Kinder systematisch und vorsätzlich entmündigt.“). Der Professor für Mediengestaltung und Medientheorie sagt darin:

Alles, was für interessierte Kreise jetzt zählt, ist doch, die Kinder und Jugendlichen möglichst schnell an die Bildschirme und ins Netz zu bringen. So eine gute Gelegenheit der Frühdigitalisierung ohne Widerrede kommt nicht so schnell wieder. Die Kritiker sind sprachlos, die Bevölkerung paralysiert, die Eltern überfordert und die Online-Anbieter plötzlich die Retter in der Not. […]

Ich bin entsetzt, wer alles das Hohelied des Digitalen singt und aufgrund angeblicher Sachzwänge für Home-Schooling und Schul-Cloud plädiert. Ich bin konsterniert, wie wenig Widerstand es selbst von Lehrer- oder Elternverbänden gegen die Durchdigitalisierung der Lebensräume und des Alltags von Kindern und Jugendlichen gibt.

Ferner spricht er „vom Scheitern der Technikkonzepte“ in anderen Ländern:

Wieder eingesammelte Laptops statt Laptop-Klassen, insolvente Steve-Jobs-Schulen, deren Schüler keinen Vergleichstest bestanden haben, ein Boom an Privatschulen.

Vom „Digitalpakt Schule“ hält er wenig:

Wer Gelder abruft, verpfändet die Schuletats auf Jahre hinaus an IT-Dienstleister und Hardwareanbieter.

Lankau warnt vor „der systematischen und vorsätzlichen Entmündigung von Menschen durch das maschinelle und automatisierte Beschulen“:

Wir erleben gerade, wie sich dank Corona zwei Denkschulen – die angewandte Psychologie und die Ökonomie – zur Alleinherrschaft aufschwingen. […]
Wer über IT in Bildungseinrichtungen redet, muss klar sagen, wessen Interessen er oder sie vertritt. Wer sich um die Lernenden sorgt, wird IT neu denken und konzipieren, bevor er sie in Schulen nutzt. Statt der Optimierung technischer Systeme muss der Mensch und dessen individuelle Entwicklung als autonome Persönlichkeit im Mittelpunkt stehen.

Wie wir schon öfters bemerkt haben: Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur auf.



PS (17.04.2020): Auch Magda von Garrel („Wir haben es mit einem strukturell kinderfeindlichen Schulsystem zu tun“) warnt in ihrem Artikel „Das dicke Ende“ vor den Langzeitfolgen der Corona-Krise:

Auf jeden Fall müssen wir uns darauf gefasst machen, dass viele der jetzt verordneten Einschränkungen und Veränderungen in der einen oder anderen Form dauerhaft etabliert oder sogar noch verschärft werden könnten. […] Im Bildungsbereich wird die bislang nur holprig in Gang gekommene „Durchdigitalisierung“ von Kitas, Schulen und Hochschulen rasant an Fahrt aufnehmen und die zuvor noch häufiger zur Sprache gebrachten Bedenken, insbesondere hinsichtlich eines zu frühen Einsatzes digitaler Medien, einfach hinwegfegen.



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Anhang (Fotos):

3 Kommentare

  1. Achim Brauer

    Der Artikel spricht mir aus dem Herzen. Kann mensch die Kinder nicht einfach mal 5 Wochen in Ruhe lassen? Wovor haben die Macher*innen Angst? Vor echten Erfahrungen und Erkenntnissen in der analogen Welt? Dass die Menschen erkennen, dass Schulen das System stützen und doch nicht systemrelevant sind! Jede Aldiverkäuferin ist zurzeit systemrelevant und die Schule eben nicht!

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  2. Franz Lemmermeyer

    Der letzte Satz der Zentralblattbesprechung von Glaesers Buch lautet: It is a fantastic book, parts of which are accessible to highschool students, without being trivial or boring for professional mathematicians, and it should be translated into other languages as soon as possible. War ja auch von mir -)

    Ansonsten habe ich verschiedene digitale Angebote ausprobiert, die jetzt ja fast alle für eine Weile umsonst sind – allerdings ist das Angebot so schlecht, dass ich damit absolut gar nichts anfangen konnte.

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    1. Alexander Roentgen (Beitrag Autor)

      Dem Urteil über das Buch „Bilder der Mathematik“ kann ich nur zustimmen — wobei es schmerzt fast, einen Blick hineinzuwerfern, weil man daran erinnert wird, wie schön und überzeugend Mathematik ist, während die staatlich verordnete Schulmathematik dagegen einem das Fach verleidet.

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